Wohninvest Der neue Chef ist ganz der alte

Harald Panzer – das Foto entstand 2015 bei einem Benefiz-Fußballspiel, für das Wohninvest 20 000 Euro gespendet hatte. Foto: Ralph Steinemann

Fellbach. Jetzt ist er wieder selber Geschäftsführer: Harald Panzer, Gründer der Fellbacher Immobilienfirma Wohninvest, hat sich vom Rückzug zurückgezogen. Bernd Fickler ist als Frontmann fürs operative Geschäft nach 16 Monaten bereits wieder weg – und der geplante Börsengang verschoben.

Aha-Effekt beim Blick aufs Homepage-Impressum von Wohninvest – hoppla, da steht unter „Geschäftsführer: Harald Panzer“. Erst Anfang 2018 hatte der sich doch aus dem Tagesgeschäft verabschiedet und erklärt, er stehe seinem Unternehmen nur noch beratend zur Seite. Wie das?

80 Beschäftigte, 200 Millionen Euro Jahresumsatz

Seit 2005 hatte Harald Panzer binnen kaum mehr als einem Jahrzehnt aus einer Klitsche einen Immobilienkoloss gemacht: 80 Beschäftigte, 200 Millionen Euro Jahresumsatz, Bestandsobjekte mit einer halben Milliarde Vermögenswert. Die Holding ist auf Erwerb, Entwicklung und Verkauf von Immobilien spezialisiert, Einkaufszentren, Bürogebäude, Industrieareale, Wohnkomplexe in der ganzen Republik. Panzer und sein Mitgesellschafter Andreas Bayer erwogen, mit Wohninvest an die Börse zu gehen. So würden sich noch größere Finanzierungen bewältigen lassen.

Panzer erkannte aber: Er war für den Schritt nicht der optimale Frontmann.

Harald Panzer verkörpert in fast filmreif verdichteter Form, was der Laie sich unter einem Selfmademan vorstellt: nasensensibel genug, um Chancen zu wittern, entschlossen genug, um sie beim Schopf zu packen, ein Bauch- und Instinktmensch in Jeans und V-Ausschnitt-Pullover, der mit einschüchternder Wucht auftreten und im nächsten Moment umarmenden Charme verstrahlen kann; wer mit ihm in der Kneipe versackt, dürfte sich bis zum Morgengrauen keine Sekunde langweilen.

Eine Mischung aus Großraumbüro und WG

Auf dem Pop-Art-Riesengemälde am Empfang drängen sich Jesus, Buddha und ein Suzuki-Motorrad aneinander. Die „Wohninvest Academy“, wo sieben duale Studenten und sechs Azubis lernen, wirkt wie eine Mischung aus Großraumbüro und WG, mit Schreibtischen, „Thinktank“-Separees, Theke, Küche, einem kleinen Kino, wo die angehenden Immobilienkaufleute in der Pause Playstation zocken können – und auf den Vesperbrettchen prangt ein Panzer’scher Aphorismus: „Möge hier der Freigeist Einzug halten, um den künftig tragenden Säulen der Gesellschaft den Weg der moralischen Integrität zu ebnen.“

Ein Börsengang aber verlangt neben Cleverness, Kreativität, Anpackermut noch etwas Langweiligeres: penibel strukturierte, für die Anteilseigner transparente Abläufe bis ins Detail. Wer ein „kapitalmarktfähiges“ Unternehmen repräsentiert, sollte im Habitus gängigen Seriositätsritualen gehorchen, in aalglattem Business-Englisch parlieren und stockseriösen Bankern mit dem opportunen Quantum Devotheit begegnen: nicht Panzers Kernkompetenzen. Er pflegt ein laienverständliches Schwäbisch – wenn er was nicht wichtig findet, nennt er’s „scheißegal“, und Typen, die nichts blicken, sind „Flachzangen“.

Eine vielbeachtete Personalie

Anfang 2018 präsentierte Panzer deshalb einen neuen Geschäftsführer, der „das Unternehmen weiterbringen“ werde, „als ich es könnte – eine absolute Top-Besetzung“. Name des Hoffnungsträgers, der erklärte, die neue Aufgabe sei ihm eine „Herzensangelegenheit“: Bernd Fickler, vormals Chef der Kreissparkasse Waiblingen.

Die Personalie löste da und dort Erstaunen aus: Denn Anfang 2018 liefen noch Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Untreue gegen Fickler, nachdem sich im März 2017 der Verwaltungsrat der Sparkasse mit sofortiger Wirkung von ihm getrennt hatte. Im Mai 2018 wurde das Verfahren zwar gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt, aber so lange wartete Panzer nicht – gewohnt entscheidungsfreudig legte er sich bereits Monate vorher schwungvoll angstfrei fest: Er halte die Vorwürfe für „geradezu lächerlich“.

Und bis zu seinem Aus in Waiblingen hatte Fickler in der Sparkassenfamilie in der Tat eine Traumkarriere hingelegt: Er lernte in Waiblingen Bankkaufmann, studierte Sparkassen-Betriebswirt, war Filialdirektor in Riesa, Vorstandsvorsitzender in der Niederlausitz, Nummer eins in Groß-Gerau, trat 2012 in Waiblingen die Nachfolge des legendären Chefs Albert Häberle an – und konnte Jahr um Jahr gute Bilanzzahlen vorweisen. So einer, mag Panzer gedacht haben, ist vertraut mit der strukturierten Führung eines geordneten Hauses. Das zusammenzubringen mit der Dynamik von Wohninvest – es muss nach dem Besten aus beiden Welten geklungen haben.

„Wir sind hier ja nicht der VfB Stuttgart“

Und ist nach 16 Monaten schon wieder Geschichte. Das schriftliche Statement, das Wohninvest auf Anfrage herausgibt, klingt unpanzerisch spröde: „Herr Bernd Fickler ist auf eigenen Wunsch aus der Geschäftsführung der Wohninvest-Gruppe ausgeschieden. Er konnte die ihm gestellten Aufgaben zeitlich nicht mehr mit seinem Engagement in seiner Beteiligungsgesellschaft vereinbaren. Er wird sich künftig ausschließlich um seine eigene Gesellschaft kümmern. Wir bedauern diese Entscheidung und bedanken uns herzlich für die erfolgreiche Zusammenarbeit.“

Und so ist, wie Harald Panzer auf mündliche Nachfrage bestätigt, der Börsengang nun „verschoben“ und der Ex-Chef zurück im Tagesgeschäft.

Versteht er sich nur als Übergangslösung, bis der nächste Geschäftsführer gefunden ist? Nein, sagt Panzer, er bleibe. „Wir sind hier ja nicht der VfB Stuttgart.“

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