Alfdorf

Besuch im Raumschießkino: Wo die Jäger schießen üben

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Schießkino
Sportschützin Birgit Wiedmann. © Schlegel
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Schießkino
Birgit Wiedmann zeigt den Projektor und erläutert, wie die Anlage die Schießleistung auswertet. © Schlegel

Alfdorf. Mit Pistolen und Gewehren können Sportschützen, Jäger, Interessierte und auch Polizisten im Raumschießkino von Thomas Wiedmann auf Zielscheiben, Tiere und Flaschen schießen, die ein Projektor auf die durchlöcherte Leinwand wirft. Dass auch Laien den Umgang mit einer Waffe ausprobieren und ohne Waffenbesitzkarte und mit scharfer Munition schießen können, stößt auf Kritik.

Sportschützin Birgit Wiedmann nimmt das Gewehr, führt die Munition ein, lädt und legt an. Sie kneift ihr Auge zu und visiert das Ziel an. Die Waffe zittert kaum. Im Hintergrund gibt die Schießstandaufsicht den Schuss frei. Ihr Finger bewegt sich, es knallt und raucht. Die Kugel trifft auf die Leinwand und eine digitale Flasche in 25 Metern Entfernung zerspringt. Birgit Wiedmann nimmt die Waffe und legt sie mit dem Lauf nach vorne ab. Vorführung beendet.

Im vergangenen Jahr hat sich Jäger und Sportschütze Thomas Wiedmann einen langgehegten Traum erfüllt. Aus einer 200 Jahre alten Scheune in der Alfdorfer Ortsmitte hat er das nach eigener Aussage „modernste Raumschießkino Deutschlands“ bauen lassen. Ein Projektor wirft verschiedene Ziele an die Wand, auf die mit scharfer Munition geschossen wird. Ein Computer analysiert, wo das Ziel getroffen wurde. 1,5 Millionen Euro habe die Anlage gekostet.

Auslöser war eine neue Gesetzeslage: „In unserem Raumschießkino können die Jäger ihrer gesetzlichen Pflicht nachkommen“, erläutert Wiedmann. Das neue Jagd- und Wildtiermanagementgesetz schreibt vor, dass Jäger einmal im Jahr trainieren, auf bewegte Ziele zu schießen. Das können sie seit September in Alfdorf. Eine von Grün-Rot geschaffene Marktlücke, so Wiedmann.

Ins Raumschießkino kommt nur rein, wer vorher identifiziert wurde

In der Eingangshalle begrüßen den Besucher Hirschgeweihe und Trophäen an den Wänden. Eine Kanone steht in der Ecke. Am Tresen sind Bildschirme angebracht, die nicht in das martialische Ambiente passen wollen. Die gesamte Anlage ist videoüberwacht. „Es kommt nur rein, wer vorher identifiziert wurde“, weist Thomas Wiedmann auf die Sicherheitsvorkehrungen hin. Gewehre und Munition lagern in Tresoren.

Wer schießen will, muss sich ausweisen. Wer eine Waffe dabei hat, aber keine Waffenbesitzkarte, darf nicht schießen. Wer gar illegale Waffen dabei hat, wird gemeldet. Wer als Laie zum ersten Mal schießen will, erhält ein Training unter Aufsicht. Die Regeln sind streng. Der „nebenberufliche Schießstandplaner“ hat großes Interesse daran, dass es zu keinen Vorfällen kommt – unter anderem schon deswegen, weil ihn das die Lizenz und somit das Geschäftsmodell kosten könnte, denn mit dem Schießstand will er Geld verdienen.

Das Raumschießkino ist gesichert wie ein Tresor

Durch eine Tür gelangt der Besucher in einen Aufenthaltsraum. Von dort geht es in den Keller. Eine Panzertür versperrt den Zugang. Der Schlüssel von Thomas Wiedmann klimpert. Er drückt ein paar Tasten. Die Tür öffnet sich. Der Schießstand ist ein grauer und nüchterner Raum, rund 35 Meter lang. Thomas Wiedmann öffnet Schränke und fährt das System hoch. Auf der Leinwand erscheinen Wildtiere für Jäger, Zielscheiben und Flaschen für Sportschützen und Laien. Die Polizei könne auf spezielle Programme zurückgreifen.

Von verschiedenen Punkten aus kann geschossen werden. Mit Luftgewehr, Klein- oder Großkaliber. Waffen können ausgeliehen und erprobt werden. Es gibt verschiedene Programme, die unter anderem die Konzentration der Schützen fördern, beispielsweise wenn sie auf Zahlen schießen und vorher rechnen müssen.

Schießen für Jedermann?

Darf denn ein Chef seine Mitarbeiter zur Jahresfeier ins Schießkino einladen und jeder darf schießen?‘ Theoretisch ja, antwortet Wiedmann. „Sicherheit und Kontrolle sind das A und O“, betont Birgit Wiedmann. Es herrschen strikte Regeln. Niemals über Kreuz schießen, die Waffen mit dem Lauf nach vorne ablegen. Trainiert eine Gruppe, ist der Raum abgeschlossen. Es gibt drei Fluchtwege. „Ein Rambo darf hier nicht schießen“, sagt Wiedmann. Doch Kritiker äußern Bedenken.

Gisela Mayer vom Aktionsbündnis Amoklauf in Winnenden meldet Bedenken gegen das Raumschießkino an

 Dass Laien in Wiedmanns Raumschießkino eine Waffe abfeuern und ihre Fertigkeiten trainieren können, stößt auf Kritik. Gegen Trainingsmöglichkeiten für Jäger und Sportschützen gibt es keine Einwände. Auf Großkaliber sollten die Schützen jedoch verzichten.

Dieser Meinung ist Gemeinderat Klaus Hinderer. Er hatte sich im Juli gegen die Großkaliber-Schießanlage im innerörtlichen Bereich ausgesprochen. Der ehemalige Pressesprecher der Polizeidirektion Aalen äußert diese Kritik auch im Hinblick auf den Amoklauf in Winnenden vor sieben Jahren. Er betont auf Nachfrage ausdrücklich, er habe nichts gegen den Schießsport. Trainingsmöglichkeiten für Sportschützen und Jäger seien wichtig. Dass die Polizei dort trainieren kann, sei in Ordnung – die hätten aber eigene Schießstände; die Polizeidirektionen in Aalen und Stuttgart haben bisher nicht in Alfdorf trainiert. Und er kann nicht nachvollziehen, dass man jedem die Möglichkeit biete, mit scharfer Munition zu schießen, und daraus ein Geschäft macht. „Man muss so etwas nicht aktiv unterstützen und fördern.“ Die Option, in Alfdorf trainieren zu können, senkt die Schwelle des Zugangs zu Waffen: Wer für diese Dienstleistung bezahlt, kann am Schießstand Pistolen und Gewehre abfeuern.

Kritik: Das Raumschießkino schaffe eine Verbindung zwischen Schießen und Spaß

Zu den Kritikern gehört auch Gisela Mayer vom Aktionsbündnis Amoklauf in Winnenden. Sie differenziert: Gegen einen professionellen Umgang mit Waffen habe sie keine Einwände. Hier können Gruppen, egal ob mit oder ohne Waffenbesitzkarte, unter Aufsicht und mit Schießlehrer zur Waffe greifen. Mayer kritisiert, dass hier eine Verbindung zwischen Schießen und Spaß geschaffen werde. Dieser Eventcharakter stört sie. Der könne die falsche Klientel anlocken, die Schießen nicht als ernsthaften Sport begreife, sondern aus Spaß feuere. In Winnenden habe man 2009 erlebt, wie aus Spaß Ernst wurde.

Auch Manfred Schluchter, kommissarischer Polizeirevierleiter in Winnenden, hat die Vorkommnisse des Amoklaufs vor Augen, wenn er auf Nachfrage ebenfalls kritisiert, dass in einem Raumschießkino theoretisch jeder Mensch schießen dürfe, von Altersgrenzen abgesehen. Es Menschen zu ermöglichen, aus „erotischen“ Gründen auf einem privaten Schießstand mit der Waffe umzugehen, hält er nicht für erstrebenswert. Man wisse nicht, welche Auswirkungen derlei Trainingsmöglichkeiten auf Individuen ausübten, die dann vielleicht eine Waffenbesitzkarte erwerben wollen. Nach den Vorkommnissen des Amoklaufs seien sie in Winnenden „gebrannte Kinder“. Man könne eben nichts ausschließen.

Das unterstreicht Gisela Mayer. Mit einer Pistole oder einem Gewehr auf digitale Flaschen, Moorhühner und Blumentöpfe zu feuern, „schafft eine falsche Verbindung“. Sich aus Zeitvertreib mit potenziell gefährlichen Waffen zu beschäftigen, sei falsch. Schießen sei kein Spaß. Dieser Eindruck werde durch die Internetpräsenz des Anbieters in Teilen geweckt. Das gelte es, zu überdenken. „Dazu ist es zu gefährlich.“

„Wir als Polizei wollen nicht, dass man aus Spaß mit scharfen Schusswaffen schießt“, betont auch Manfred Schluchter.

Konter: Es gehe nicht um Geballere, sondern um nötiges Training

Thomas Wiedmann ist auf derlei Kritik gefasst. Die Anlage erfülle zu „150 Prozent“ die nötigen Sicherheitsvorkehrungen. Es habe noch keinerlei Vorfälle gegeben. Wenn geschossen wird, werde die Tür verriegelt. Nach draußen dringe kein Geräusch. Gibt es einen Querschläger, wird er von Wänden, Boden und Decke verschluckt, erklärt Wiedmann. Der Projektor, der die Bilder an die Leinwand aus Papier wirft, ist von Panzerstahlwannen geschützt. Hinten fängt ein Splitterschutzvorhang die Munition auf. Ein Lamellen-Stahlgeschossfang hält jede Kugel auf. Im Keller gibt es Handyempfang. Vorschrift. Eine Zuluftanlage filtert die Luft, saugt den Pulverdampf ab.

Die Kreispolizeibehörde habe die Anlage abgenommen. Mitarbeiter der Bauaufsicht und Gewerbeaufsicht und des Immissionsschutzes des Landratsamtes hätten die Anlage untersucht. Er habe Tausende Seiten gelesen, die Anlage geplant, Kurse absolviert und Prüfungen abgelegt, damit er den Schießstand mit seinem Team betreiben darf. Es würde immer unter Anweisung und Aufsicht geschossen, mit zulässigen Waffen und – selbstverständlich – ohne Alkohol.

Jäger seien dafür verantwortlich, beispielsweise den Bestand an Wildschweinen zu begrenzen. Sie könnten trainieren, wie sie Tiere erlegen, ohne dass diese unnötig leiden. Spezielle Programme schulten die Fertigkeit, nur dann zu schießen, wenn ein ordentlicher Treffer möglich ist. Insgesamt könnten die Menschen bei ihm „eine sichere und ordnungsgemäße Waffenhandhabung“ üben. „Das Wichtigste für uns ist die Lizenz“, betont er. „Waffen sind nicht gefährlich. Der Mensch ist gefährlich. Es geht hier nicht ums Geballere, sondern um das gezielte Schießen.“ Grundsätzlich sei eine Aufsichtsperson im Keller. Schießen fördere die Konzentration. Es gebe keine Spaßveranstaltungen am Schießstand.

Kathrin Hochmuth vom Württembergischen Schützenverband 1850 (WSV) glaubt, dass die Gelegenheit, unter Aufsicht und mit Lehrern das Schießen auszuprobieren, ein Angebot ist, das illegalen Missbrauch verhindern kann. Man dürfe den Schießsport nicht unter Generalverdacht stellen. Auch sie findet: Schießen sei eine Sportart, die die Konzentration fördert. Man könne nicht verhindern, dass Menschen die Sicherung durchbrennt, aber es gebe Kontrollmechanismen und ein striktes Waffengesetz.