Alfdorf

Ernüchternde Bilanz nach dem Erdbeben in Nepal

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Im Hintergrund die vollen Busse. Im Vordergrund verteilt Peter Effenberger Lebensmittel in den Dörfern. © Privat
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Peter Effenberger im Erdbebengebiet. © Privat
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2015: Thomas Haller hilft in Nepal. © Privat
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Nun werden in Nepal an einigen Schulen Nahrungsmittel verarbeitet und täglich Essen verteilt. © Privat
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Impressionen aus Nepal. © Eva Hopfgarten (Online-Praktikant)
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Impressionen aus Nepal. © Eva Hopfgarten (Online-Praktikant)
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Impressionen aus Nepal. © Eva Hopfgarten (Online-Praktikant)
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Impressionen aus Nepal. © Eva Hopfgarten (Online-Praktikant)
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Impressionen aus Nepal. © Eva Hopfgarten (Online-Praktikant)

Alfdorf. Im Sommer war der Alfdorfer Thomas Haller ein paar Wochen in Nepal, um seinem Freund Peter Effenberger zu helfen. Ein Erdbeben ließ das Land in Südasien am 25. April erzittern – mit drastischen Folgen. Haller wollte mit anpacken. Er und Effenberger schildern nun, was sich bisher in Nepal verändert hat. Ihre Idee, zügig Häuser aus Plastikflaschen zu bauen, ist vorerst gescheitert. Nicht die einzige schlechte Nachricht. Eine ernüchternde Bilanz.

Als „Botschafter des Misthaufens“ könnte man ihn auch bezeichnen, findet Peter Effenberger klare Worte über die Lage in Nepal nach dem Erdbeben. Was voranschreitet, ist die Stagnation vor Ort. Lähmende Bürokratie, Unfähigkeit gepaart mit Unwillen seitens der Regierungen und das Zusammenspiel schwelender Konflikte, die nicht dazu beitragen, die Lage zu entschärfen. „Die Politik hat in diesem Land ja schon immer ziemlich versagt, aber so deutlich wie jetzt war es wirklich noch nie“, sagt Effenberger. Es gebe Kältetote. Waren Effenberger und Thomas Haller Anfang Juni noch begeistert von ihrer Idee, einfache, aber stabile Häuser aus Plastikflaschen zu errichten, um die Not kurzfristig und gleichzeitig langfristig zu lindern, scheint bei den Verantwortlichen ein wenig Resignation eingekehrt zu sein. Peter Effenberger klingt mitunter spöttisch, zynisch und verärgert – aber immer engagiert.

Versorgungslage

„Dramatisch schlecht“

Der Agrarwissenschaftler betreibt seit vielen Jahren in Nepal eine Demeter-Farm. Er bietet den Menschen Arbeit, damit sie landwirtschaftliche Techniken erlernen. Er holt etwas aus, um die Misere zu erläutern, die sich weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit in Nepal – und wo sonst noch auf der Welt? – abspielt. Die Lage ist undurchsichtig. Das Land will sich eine neue Verfassung geben. Nicht alle spielen mit. Indien, stark engagiert in Nepal, so Effenberger, blockiere nach Unruhen im Süden Nepals die Grenze. Da der Großteil der Waren, die Nepal erreichen, aus Indien kommt, sind viele Gebrauchsmittel für den täglichen Bedarf knapp. Benzinschmuggler profitieren. Da auch Heizgas knapp ist, mit dem auch gekocht wird, ist vielerorts die „Versorgungslage dramatisch schlecht“, so Effenberger, auch weil die Preise angestiegen sind. Auch für ihn vor Ort hat dieser Konflikt negative Auswirkungen.

Das Land scheint gelähmt. Rund vier Milliarden Dollar haben internationale Geberländer zugesagt, „und nichts davon wird wirklich abgerufen“, ärgert sich Effenberger. „Durch die Unklarheiten über die Zuständigkeiten der Ministerien gelingt es dem bürokratischen Apparat nicht, Wiederaufbaustrukturen zu schaffen und die Unterstützungszusagen zu nutzen. Auch dieses Chaos ist leider Normalität und der eigentliche Grund für die Armut im Land!“

Viele Straßen in die abgelegenen Gebiete wurden noch nicht repariert. Im September wollten Effenberger und andere Engagierte ihr Projekt umsetzen, Plastikflaschen mit Sand zu füllen und daraus Häuser zu bauen. Geld wurde gesammelt, Zement und Schrauben angeschafft. Doch nichts passiert. „Die kriegen das organisatorisch nicht auf die Reihe“, so Effenberger.

Seit Jahren wolle man ein Trinkwasserprojekt voranbringen. Es klappt nicht. Thomas Haller schaltet sich ein. Auch er war in Nepal mitunter „obergefrustet“. Man wolle helfen – und alles wird blockiert. „Ich habe gedacht, hier kannst du was tun.“ Nicht wirklich. Die Häuser durften sie nicht bauen. Spendengelder flossen großzügig. Aber sie konnten die Mittel nicht einsetzen! Fast schon aus Verzweiflung habe er Lebensmittel oder Schulsachen gekauft und sie an Bedürftige verteilt, um wenigstens etwas Praktisches zu leisten.

„Verrückt“

Niemand trifft Entscheidungen

Man habe mit dem Bauminister gesprochen, wie das Flaschenhaus aussehen soll. Man wollte eines errichten, um den Menschen zu zeigen, was ihnen helfen könnte. Aber die Behörden machten keine Vorschläge und lehnten alles ab. Tiefes Misstrauen gegenüber ausländischen Aktivitäten. Man habe vieles versucht, „aber dort trifft niemand eine Entscheidung“, ist Peter Effenberger genervt. Auswahlverfahren, wer die ersten Häuser beziehen kann, verzögerten ebenfalls alles. Es wurde Stimmung gegen die Flaschenbauten gemacht. Ergebnis: Das Projekt zieht sich in die Länge. Unterstützung aus Indien, das viel Einfluss nehme, bleibe derzeit aus, so Effenberger. Damit fehlen Know-how und mögliche Unterstützer von indischen Institutionen vor Ort, die die Helfer um Effenberger unterstützen könnten – sofern ihre Interessen das zulassen würden. Die wüssten, wie man Häuser baut. Aber es passiere nichts. „Ich werde verrückt“, sagt Effenberger. Er müsse sich ja auch um die Farm kümmern, den Vertrieb seiner Teesorten und Räucherstäbchen im Blick haben. Trotzdem verfolgen sie ein neues Projekt. „Das Warten wurde uns zu lange. Es musste etwas geschehen.“

Nach dem Erdbeben geht es den Menschen in Nepal noch schlechter, obwohl es ihnen vorher schon sehr schlecht ging. Viele Menschen leben auf dem Land auf kleinen Gehöften. Der Weg zu den Schulen ist lang. Da es an Essen fehlt, laufen die Kinder mit leerem Magen los. Kriegen sie in den Schulen nichts zu essen, bleiben sie zu Hause oder hauen ab, wenn es daheim Essen gibt. Das verschärft das Nahrungsproblem für die Familien. Verteilen die Schulen Essen, hätte das zwei Vorteile: Bildung mit einem vollen Magen. Klingt toll. Aber welchen Schulen kannst du trauen, fragt Effenberger. Man habe nun Schulen „herausgefiltert“, denen man vertraut. Man werde das genau beobachten. „Nur Geld geben? Da werde ich beschissen“, hält Effenberger fest. Also müsse man das Essen vor Ort verteilen, Infrastruktur aufbauen. Sie wollen Bauern als Kooperationspartner finden, die die Schulen beliefern. Hilfe zur Selbsthilfe.

Kältetote

Hilfslieferungen geraten ins Stocken

Gravierend schlecht sei besonders in der kalten Jahreszeit die Versorgung Hunderttausender Erdbebenopfer. „Durch den Treibstoffmangel, der auch die Armee betrifft, werden mögliche Hilfslieferungen von Decken, warmer Kleidung, Nahrung und mehr erschwert oder unmöglich. Täglich erreichen uns Nachrichten über Kältetote unter den Erdbebenüberlebenden, insbesondere in den Hochlagen.“

Es gebe aber auch „Fortschritt auf Umwegen“. Das Stadtbild von Kathmandu werde wieder von Bussen in Schieflage dominiert, auf denen mehr Menschen auf dem Dach als im Bus sitzen. Thomas Haller spricht von „Frust und Freude“. Frust, nicht helfen zu können, obwohl er unbedingt wollte, Frust über Menschen, die undankbar sind, und Freude über Menschen, die sich dankbar zeigen und auch im Erdbebengebiet lachen. Viele Menschen haben keine Wohnungen, kein Geld, sie aufzubauen, oder keine Zeit, da sie Nahrung auftreiben müssen. Da müsse man Überlebensmöglichkeiten schaffen, ergänzt Effenberger. Er ist bald wieder in Nepal. Thomas Haller vielleicht auch bald. Mit seiner Frau. Dort wollen sie helfen, Urlaub machen und Land und Leute sehen. Frust und Freude.

„Notwendigkeitsorientiert“ und „erdnah“

Schlagen die zerstörten Hoffnungen und täglichen Probleme nicht aufs Gemüt? Wie empfindet man Deutschland, kehrt man aus Nepal zurück?

Der Alfdorfer Thomas Haller freute sich nach dem Krisenurlaub auf die „traumhaften Zustände“ in Deutschland. Man müsse mal „das Hirn anschalten“, um zu erkennen, wie gut es uns hier geht. Er war die ersten Tage „neben der Spur“, schildert seine Ehefrau Anke Haller, weil die Probleme, die die Deutschen zu haben scheinen, hier so banal seien. Wer braucht ein neues Handy, nur weil es ein neueres Modell gibt? „Dort haben die Menschen ganz andere Probleme!“ Das müsse man öfter ins Bewusstsein rücken, ohne zu jammern, dass es uns in Deutschland so gut geht, sagen Hallers. „Wir leben hier gut.“ Punkt. Aber woanders helfen schade nicht.

Effenberger nimmt den Kontrast Nepal-Deutschland natürlich auch wahr. Man werde „notwendigkeitsorientiert“ und „erdnah“. Gefrustet wegen mancher Zustände in Nepal ist er aber auch.

Und trotzdem verspüre er eine tiefe Zufriedenheit, anderen zu helfen und auch mal „das Ego wegzulegen“. Dass er auch in Nepal privilegiert lebt – selbstverständlich. Und die Leute, die bei ihm arbeiten, müssen Leistung erbringen. Dafür erhalten sie dann Gegenleistung.

Aber für ihn hat Armut Gesichter. Er sehe die Hoffnungs- und Ausweglosigkeit. Manchmal reihe sich in Nepal eine „tragische Situation an die andere“.