Alfdorf

Familie Kremser aus Alfdorf benötigt Unterstützung: "Unser eigenes Kind hat uns nicht mehr erkannt!"

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Vater und Tochter wollen leben. Alex und Lara Kremser aus Alfdorf kämpfen jeden Tag, um mit Mama und Bruder Patrick leben zu können. © Privat

Wie oft im Leben liest oder hört man von schweren Schicksalen, von Familien, die alles für ein wenig „Normalität“ geben würden, und wie oft gelingt es uns allen, das in uns aufsteigende trübe Gefühl allzu schnell wieder abzuschütteln und uns unserem eigenen Alltag mit den für uns so wichtigen Problemen zu widmen.

Als ich an diesem sonnigen Freitagnachmittag vor der Türe von Familie Kremser in Alfdorf stehe, ist mir im Vorfeld bewusst, dass es dieses Mal anders sein wird, dass ich nach meinem Gespräch mit ihr nicht nach Hause gehen werde und einfach unbekümmert in meinem Tagesablauf weitermachen kann. Doch wie sehr mich die Geschichte berührt, soll ich erst in den kommenden drei Stunden erfahren. Sandra Sailer beschreibt ihren Tag bei Familie Kremser in Alfdorf.

Ein aufgeschlossener und freundlicher junger Mann, Sohn Patrick, öffnet mir die Tür. Er führt mich in das kleine Wohnzimmer der Familie, in welchem bereits Mama Margarete, Papa Alex und die kleine Lara auf mich warten. Die Familie begrüßt mich herzlich und aufgeschlossen, es ist schwer zu glauben, welche Last auf ihren Schultern ruht. Lara sitzt in einem Sitz und spielt mit einem Spielzeug in ihren Händen. Dieses kleine, süße, rothaarige Mädchen, welches schon so viel in ihrem kurzen Leben durchmachen musste.

Lara bekommt mit neun Monaten einen sogenannten „Wasserkopf“

Lara kommt im Dezember 2017 in der 24. Schwangerschaftswoche mit gerade einmal 590 Gramm Körpergewicht und 32 cm Größe viel zu früh zur Welt. Wie stark das Band der Familie ist, wird einem nicht nur an Patricks Reaktion auf Lara bewusst. Seine Eltern haben ihn auf das Bild aus Schläuchen und Kabeln rund um seine kleine Schwester, welches ihn erwarten wird, vorbereitet. Doch der damals Neunjährige entgegnet nur: „Also ich sehe nur meine kleine Schwester.“

Das kleine Mädchen kämpft mit einigen Startschwierigkeiten, sie bekommt unter anderem einen künstlichen Darmausgang. Doch Lara entwickelt sich gut, zwar sind ihr ihre Altersgenossen ungefähr neun Monate in der Entwicklung voraus, doch die Prognosen geben Hoffnung, dass Lara die Defizite aufholen wird.

Als Lara knapp neun Monate alt ist, verändert sich ihr Kopf – er wird unförmig. Die Ärzte im Krankenhaus müssen der Familie mitteilen, dass Lara einen, umgangssprachlich ausgedrückt, Wasserkopf hat. Die kleine Kämpferin bekommt ein Shunt-Ventil, welches kontinuierlich Hirnflüssigkeit abführt und so den Druck im Kopf mindert.

Die Familie wendet sich nach den Strapazen wieder dem Leben zu. Sie machen gemeinsame Ausflüge und sind guter Dinge, dass sie nun die gemeinsame Zeit unbeschwert genießen dürfen. Mit knapp zwei Jahren beginnt Lara, sich an Möbeln hochzuziehen und sich hinzustellen. Bald wird sie laufen können, da sind sich alle sicher.

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Mehrere Operationen musste Lara schon überstehen, aber sie kämpft weiter. © Privat

So sicher, so voller Hoffnung und guter Dinge bis zum 7. Juli 2020. Der Tag, an dem sich das Leben der Familie schlagartig ändern soll.

Es kommt zum „Crash“, wie Papa Alex den Verschluss von Laras Shunt-Ventil bezeichnet. Da es Lara nicht gutgeht, ist sie bereits im Klinikum Mutlangen, als sie zu krampfen beginnt. Die Ärzte beschließen sofort, die kleine Patientin ins Krankenhaus nach Stuttgart zu verlegen, gleich nachdem sie ihr ein krampflösendes Mittel gespritzt haben. Dieses Mittel hat dramatische Auswirkungen – Laras Herz bleibt stehen. Sofort wird sie wiederbelebt und auf die Intensivstation verlegt.

Das verstopfte Ventil wird getauscht, die Ärzte legen das kleine Mädchen ins Koma und erklären den Eltern, dass die Operation erfolgreich war, auch wenn durch den zu hohen Druck circa 30 bis 40 Prozent des Gehirns irreparabel geschädigt sind.

Erfolgreich hat für die Eltern bisher immer bedeutet, „dass Lara bereits nach zwei Stunden lachend und Kekse essend wieder im Bett saß“, wie Mama Margarete erzählt.

Doch dieses Mal sollte es anders sein. Als Lara aus dem Koma erwacht, liegt sie nicht ansprechbar und sich windend im Bett. Nicht einmal ihre Eltern scheint sie mehr zu erkennen.

„Es ist heftig, die Erfahrung zu machen, dass dich dein eigenes Kind nicht erkennt“

Papa Alex gesteht: „Es ist so heftig, die Erfahrung zu machen, dass dich dein eigenes Kind nicht erkennt.“ Und Mama Margarete schildert: „Ich als Mutter habe gemerkt, da ist nichts mehr da.“ Nicht zum ersten Mal in diesem Gespräch kämpfe ich mit den Tränen, kaum vorstellbar, welch ein Gefühl einen übermannt, wenn man sein eigentlich fideles Kind mit verkraftbaren Einschränkungen von einer auf die andere Sekunde gehen lassen muss und ein Kind, welches voraussichtlich für immer Pflege erhalten wird, in die Arme schließt. Mama Margarete erzählt unter Tränen: „Ich sehe heute noch mein Kind auf dem Bobbycar sitzen.“

Von nun an ist die Familie mit Laras Pflege beschäftigt. Sie erfahren etliche weitere Widrigkeiten auf ihrem Weg. Lara muss einige Operationen am Kopf über sich ergehen lassen, unter anderem, weil der Shunt, welcher bei dem „Crash“ eingesetzt wurde, mit Bakterien verunreinigt war. Alex erzählt: „Nach jeder Operation, nach jedem Krankenhausaufenthalt muss man sich umstellen, an eine neue Situation gewöhnen.“

Unter den wöchentlichen Besuchern der Familie befinden sich ein Physiotherapeut und eine Logopädin, die Lara mit aller Kraft unterstützen. Mir fällt auf, wie oft von den Großeltern und der Tante gesprochen wird, vor allem Alex' Mutter unterstützt die Familie, so gut sie kann.

Auf meine Frage, wie sie dies alles schaffen, fährt es aus dem zweifachen Familienvater prompt heraus: „Wir haben so geile Freunde!“ Gemeinsam erzählen sie mir, dass sie einige Freunde durch die Umstände, die sie begleiten, verloren haben. Doch geblieben sind ihre wahren Freunde, auf die sie sich immer verlassen können.

Ehrlich gesagt fällt es einem nicht sehr schwer, die Familie zu mögen und in sein Herz zu schließen, auch wenn sie selbst nicht viel haben, würden sie ihr letztes Hemd für andere opfern. Sie sind offen, nett und versprühen solch einen Optimismus und positive Energie, dass ich mich fast schäme, selbst so oft mit meinen vergleichsweise geringen Problemchen zu hadern.

Diagnose Lungenkrebs, den Papa Alex aber nie besiegen kann

Umso bedrückender ist es, dass die Geschichte von Familie Kremser hier noch nicht zum Abschluss kommt. Im Juni dieses Jahres erhält Vater Alex die Diagnose Lungenkrebs mit Metastasen im Rippenfell. Er verbringt daraufhin zwei Monate im Krankenhaus und bekommt Chemotherapien. Der Tumor ist inoperabel, was bedeutet, dass er den Krebs nie besiegen kann. Durch die Chemotherapie lässt sich der Tumor lediglich in Schach halten.

Alex leidet spürbar unter der Situation: „Ich kann nicht mal meiner Frau beim Aufräumen helfen.“ Er benötigt die ganze Zeit über Sauerstoff.

Als er mal eben den Raum verlässt, muss er sich bei seiner Rückkehr sofort wieder aufs Sofa setzen, und es dauert einige Zeit, bis er wieder zu Atem kommt.

Aufgrund der Erkrankung kann Alex nicht mehr arbeiten gehen, was für ihn als „Schaffer“, wie Margarete ihn nennt, schwer zu ertragen ist.

Zum Schluss frage ich Margarete, wie sie selbst ihre Situation beschreiben würde. Sie muss nicht lange überlegen und antwortet mir: „Niemals die Hoffnung aufgeben, denn wenn die Hoffnung weg ist, stürzt alles ein.“

Auch Bürgermeister Ronald Krötz unterstützt die Familie Kremser

Auf dem Weg durch den engen Flur, in der für eine vierköpfige Familie viel zu kleinen Wohnung, schießen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Ein Gefühl von Trauer, Bewunderung und Ehrfurcht begleitet mich zurück hinaus in das Sonnenlicht, in die „normale Welt“, die von dem Schicksal hinter den Mauern des in die Jahre gekommenen Häuschens, wenn überhaupt, nur Bruchstücke kennt. Ich bin dankbar, dass Familie Kremser mir die Möglichkeit gegeben hat, sie kennenzulernen, und ich so viel von ihr über das Leben und die Akzeptanz unseres eigenen Schicksals lernen durfte – beschreibt die freie Mitarbeiterin Sandra Sailer ihren Tag.

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Für Tochter Lara im Rollstuhl ist ein neuer Pkw mit Rampe nötig. Wer kann helfen? © Privat

Bürgermeister Ronald Krötz unterstützt in den sozialen Medien einen Spendenaufruf und zeigt sich von der Hilfsbereitschaft beeindruckt: „Mich hat die Situation sehr berührt und ich möchte meinen Einfluss nutzen, damit Familie Kremser in ihrer schweren Situation möglichst viel Unterstützung bekommt. Ich weiß von vielen Bürgerinnen und Bürgern, die sofort bereit waren, mit einer Spende zu unterstützen. Das finde ich großartig, und es zeigt, dass in Alfdorf zusammengehalten wird. Das notwendige Fahrzeug hat aber seinen Preis, weshalb noch viele Spenden gebraucht werden. Ich stehe auch mit verschiedenen Vereinen in Kontakt und hoffe, dass sich noch gezielte Aktionen für die Familie realisieren lassen. Auch die Wohnung ist für Familie Kremser auf Dauer zu klein und nicht barrierefrei. Ich hoffe sehr, dass sich trotz des angespannten Wohnungsmarktes eine bessere Lösung findet.“ Für Tochter Lara im Rollstuhl ist dringend ein neues Auto mit Rampe vonnöten.

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