Alfdorf

So erntete man früher Kartoffeln

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Von Hand werden auf dem Kartoffelacker des Bauernhofes Linckh in Enderbach die Kartoffeln eingesammelt. Auch dieser historische Traktor war dabei im Einsatz. © Habermann / ZVW
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Für die kleinen Helfer war die Kartoffelernte ein großes Erlebnis. © Gabriel Habermann
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Ein idyllisches Motiv: An den Obstbäumen hängen noch die Früchte, die historischen Zugmaschinen fahren zur Kartoffelernte.

Welzheim/Alfdorf. Man könnte seine Kartoffeln ja einfach auf dem Markt kaufen. Die Schlepperfreunde Welzheim, deren Familien und Freunde holten sich ihre Kartoffeln wie früher mit historischen Traktoren und betagtem Ackergerät aber lieber selbst vom Feld. Die Schlepperfreunde Welzheim hatten am Tag der Deutschen Einheit zum Kartoffelroden eingeladen.

Erde spritzt auf hinter dem Traktor. Der knapp 60 Jahre alte Bungartz zieht ein eigentümliches Gespann hinter sich her, auf Metallrädern, die aussehen wie unbereifte Fahrradfelgen. Hinten rotiert der Kartoffelroder, wirbelt haufenweise Erde auf und schleudert sie fontänenartig von sich. Wer nicht zur Seite geht, wird mit Erde besprenkelt, auch manch kleine Kartoffel ist dabei.

Körbe füllen sich rasch

In sicherem Abstand von diesem „Erd-Krümelmonster“ folgen die Erntehelfer, die den Feiertag im Dieseldunstkreis tuckernder Motoren auf dem Kartoffelacker verbringen. Die Frauen stecken in Original-Kittelschürzen: „Damit es echt aussieht, früher hat man zum Schaffen eine getragen“, sagt Regine Weißer stolz und lacht. Die Körbe füllen sich rasch. Roder und Pflug haben gute, erdauflockernde Vorarbeit geleistet. Wie auf dem Silbertablett liegen die reifen Salatkartoffeln der Sorte „Antonia“ da, die wir so gern zu Kartoffelsalat rädeln. Der Boden: Locker und leicht, „ideal für die Kartoffelernte“, sagt mit fachkundigem Blick Landwirt Daniel Linckh, auf dessen Acker in Enderbach die Schlepper kreisen.

Auch die Jugend hilft mit

Bis zur Salatschüssel mit dem schön schmatzenden Kartoffelsalat ist es noch ein ganzes Stück Arbeit: Zahlreiche Hände grubeln die Knollen aus der Erde. Viele Kinder graben in dicker Regenkleidung mit - „sie lieben das Dreckeln“, freut sich Waltraud Knappenberger von den Schlepperfreunden über die rege Teilnahme.

Auch die Jugend hat was übrig fürs Rackern auf dem Acker. „Äpfel sind schlimmer“, meint der 24-jährige Sebastian, der sich in gebückter Haltung vorwärts bewegt. „Wenn so viele zusammen schaffen, dann schafft man was weg“, frohlockt Tina Mangold. Sie fahren zusammen Schlepper und schrauben an den Traktoren herum. „Wir fluchen und lachen gemeinsam, also können wir auch zusammen ernten.“

Historische Maschinen im Arbeitseinsatz

Die Motivation hinter dem Kartoffelroden ist nicht für alle die Aussicht auf leckeren Kartoffelsalat, das reale Erleben steht für die Schlepperfans im Vordergrund. „Wir genießen es, unsere Gefährte für einen Einsatz in der Praxis rauszuholen“, gesteht Martin Haußmann. Einen Kartoffelroder und Pflug damit zu ziehen und anzutreiben sei etwas anderes als das betagte Gefährt, immer schön herausgeputzt für die Sonntagsfahrt, von einem Schleppertreffen zum nächsten „nur spazieren zu fahren“. „Hier werden die Alten wieder zu Kindern“, kommentiert Waltraud Knappenberger schelmisch.

Wie praktisch, dass die Tücken der alten Technik die „kindliche“ Begeisterung bisweilen verlängern. Immer wieder drehen die Traktorräder durch. Dann heißt es langsam tun und den Kartoffelpflug genau beobachten, wie er sich Zentimeter für Zentimeter vorwärts arbeitet. Ein Helfer läuft hinterher und hält das Erntegerät in der Spur - ein Spurhalteassistent, mal anders. Auch ein „Achsbeschwerer“ läuft mit: Wenn sich die Schaufel nicht in der gewünschten Tiefe eingräbt, setzt sich Stefan Weißert auf den Pflug und beschwert die Antriebsachse. Dann hören die Räder meistens auf zu drehen und mit 13 PS geht es tuckernd weiter. Wenn nicht, wird ein anderer Schlepper eingespannt, es stehen ja einige zur Auswahl. Manchen beschleichen beim Zuschauen beinahe ehrfürchtige Gefühle.

Nach den Kühen kamen die Traktoren

„Wenn man sich überlegt, dass sie das Geschäft früher nur mit Kühen geschafft haben“, meint Jürgen Fritz. „Es ist lang her, seit ich zum letzten Mal Kartoffeln geerntet habe“, erzählt er. „Als Schulbuben haben wir uns morgens in der Schule zum Ernten auf dem Feld verabredet, da gab’s für jeden fünf Mark und ein Vesper.“ Nach den Kühen kamen die Traktoren - einige von ihnen werden von den Schlepperfreunden gehegt und bleiben der Nachwelt somit erhalten. Wer damals mit einem Schleuderrad-Kartoffelroder vorfuhr, war technisch auf dem neuesten Stand. „Er war fortschrittlich, weil er die Arbeit mit Hacke und Pflug ersetzt hat“, erklärt Wolfgang Kokor, Erster Vorsitzender der Schlepperfreunde. Als reine Freizeitbeschäftigung genossen, macht die Arbeit mit historischem Ackergerät offenbar große Freude. „Was ist, machen wir noch ein Stückle?“, animiert Wolfgang Kokor.

Man merkt: Er hat noch nicht genug, er will fahren, mit Knattern im Ohr und Dieselgeruch in der Nase, da kommt Freude auf. Ganz bestimmt ist auch Vorfreude auf eine Portion Kartoffelsalat dabei.


Zeitaufwendig

Gegen das aufwendige Geschäft von einst ist die Kartoffelernte heutzutage fast ein Spaziergang. In zwei Minuten fahre er die Reihe mit dem Vollernter ab, sagt Landwirt Daniel Linckh. Gut zwei Stunden waren die 20 Erntehelfer mit der Strecke beschäftigt.