Alfdorf

Was ist eine Kammerz und wo im Welzheimer Wald gibt es sie noch?

Kammerz
Eine Kammerz ist auch in Alfdorf zu sehen. © Privat

Einst gehörten Häuser mit einer Kammerz zum Ortsbild. Die Spaliere, an denen Rebstöcke sich hinauf- oder entlangranken, bescherten dem Hausbesitzer so manches abgabenfreie Viertele. Auch für das Gebäude war eine Kammerz von Vorteil.

Die Weinrebe versorgte sich über 10 bis 20 Meter tiefe Wurzeln mit Wasser und zog dabei auch die Feuchtigkeit aus den durch Nässe und Salpeterausblühungen gefährdeten Sandsteinfundamenten. Und von Goethe wissen wir, dass Kammerz auch noch eine andere Funktion haben können. Seine Enkel liefen in den Weimarer Hausgarten nicht über die Treppe, sie kletterten einfach schnell durchs Fenster und dann über das Weinspalier, über die Kammerz.

Schon die alten Griechen und Römer wussten es genau: Wein ist „unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien das schmackhafteste, unter den Nahrungsmitteln das angenehmste“. Und so überzogen die Römer in der Oberpfalz und am Rhein die Weinberge gewölbeartig mit diesen Spalieren, wie es heute auch im Außenbereich mancher Besen- und Gastwirtschaften wieder gepflegt wird. Schon früh heißt es, eine Kammerz sei „eine feine Runde bedeckte kamerte oder lauberhütten ..., darein man etliche tische setzen und malzeit halten“ könne. In den Ortschaften aber sieht man immer seltener eine Kammerz an der Hauswand. Meistens befindet sie sich an der Südseite und sorgt für eine frühe Ernte. So meldete der „Staatsanzeiger“ vom 6. August 1859: „Heute kamen hier die ersten reifen Trauben zu Markte ... von einer Kammerz zu Untertürkheim“. Diese Trauben schmecken sehr süß und sind sehr beliebt. Mancher Kammerzbetreiber schützt sie deshalb vor dem unbefugten Wegnaschen von Tier und Mensch mit kleinen Stoffbeutelchen. Nicht nur dem Gaumen schmeicheln die Trauben der Kammerz, auch sie selbst ist eine Augenweide und lässt manches Haus zum Fotoobjekt werden.

„Wollt ihr die Stadt im Range heben, pflanzt an jeder Ecke Reben.“ Und so heißt es in Erinnerungen aus dem Remstal: „Das Wengerthäusle war auf der Nordostseite mit einer kleinen Kammerz dekoriert, die fröhlich dort kletterte und blaue Trauben trug.“ Als Rebstöcke nahm man früher gerne den sehr frühen Morelo mit seinen blauen Trauben. Für weiße Trauben pflanzte man Förster-Sämling oder Sylvaner, später auch Gutedel.

Kammerz können sehr alt werden. In Esslingen soll es Weinspaliere geben, die über hundert Jahre alt sind. Radikale Rückschnitte bei Baumaßnahmen nehmen sie meist nicht übel und erholen sich nach einem notwendigen Rückschnitt wieder sehr schnell. Viele Kammerz allerdings verschwanden mit dem Spritzen der Weinstöcke. Wer wollte schon eine durch Kupfervitriol blau gefärbte Hauswand!

Einst gehörten Häuser mit einer Kammerz zum Ortsbild. Die Spaliere, an denen Rebstöcke sich hinauf- oder entlangranken, bescherten dem Hausbesitzer so manches abgabenfreie Viertele. Auch für das Gebäude war eine Kammerz von Vorteil.

Die Weinrebe versorgte sich über 10 bis 20 Meter tiefe Wurzeln mit Wasser und zog dabei auch die Feuchtigkeit aus den durch Nässe und Salpeterausblühungen gefährdeten Sandsteinfundamenten. Und von Goethe wissen wir, dass Kammerz auch noch eine andere

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