Backnang

Ein winziges Bad mit riesengroßem Charme: Was macht die Anziehungskraft des  "Dorfpools" in Hinterwestermurr aus?

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Blick von oben aufs Minibädle in Hinterwestermurr. © Privat

Willkommen im „Outback“ des Schwäbischen Waldes, in Hinterwestermurr. Hier kann man - nun ja, schwimmen! Vorausgesetzt, man ist Mitglied im Verein der Wasserfreunde. Sie betreiben das urige Minibad in Eigenregie. Aktuell zählt der Verein 430 Mitglieder und damit mehr als fünfmal so viele Mitglieder, wie der „Flecken“ Einwohner hat.

Viele haben hier, auf 14 mal acht Metern, das Schwimmen gelernt. „Kinder konnten sogar das Seepferdchen machen“, erzählt Jürgen Wurst, Erster Vorsitzender der Wasserfreunde Hinterwestermurr. Der Verein bringt sich ein für ein winziges, vom Wasser der nahen Murrquelle gespeistes Familienbad, das vor Geschichten fast überläuft: Würde für jede Anekdote ein Glas Wasser ins Becken geschüttet - sie würden das Fassungsvermögen vermutlich sprengen. Das fängt schon mit einer überlieferten „humorvollen Taufrede“ und kuriosen Namensvorschlägen für die Badeeinrichtung an, die von „Aqua voll“ über „Quellwasser Hinterwestermurr“ oder „Ulrich Burr Gedächtnisbad“ im Gedenken an den damaligen Bürgermeister reichten. Es blieb bei Hinterwestermurrer Freibädle, für das Dorfbewohner einst den Wasserzufluss von Hand von der Quelle ins Becken gegraben haben. Mit einem kräftigen Schwimmzug ist ein Erwachsener fast einmal der Länge nach durchgeschwommen. Einheimische sprechen bis heute neckisch vom „Dorfpool“ oder vom „Feierabend-Planschbecken“.

Nur zeitweise als Feuerlösch-Reservebecken zwischengenutzt

Ironisch wurde beim Bau 1964 über das „Leerschwimmbecken“ gespottet, weil der Beckenausbau und die zunächst ungeklärte Wasserversorgung die Eröffnung um zwei Jahre verzögerte. Die Zukunft des reparaturbedürftigen Beckens schlug Wellen: Ende der 70er Jahre wurde es gesperrt und fristete fortan ein Dasein als Feuerlösch-Reservebecken. Zu viele Keime im Wasser, keine Umwälzanlage, hatte das Gesundheitsamt beanstandet. „Gebadet wurde trotzdem, auf eigene Gefahr“, erinnert sich Gerhard Wurst, ehemaliger Dorfobmann und einer der Gründungsmitglieder der Wasserfreunde. 1994 stand dem Bädle, das an seiner tiefsten Stelle 1,30 Meter misst, das Wasser bis zum Hals: Es wurde undicht. Bürgermeister Burr und der Erste Beigeordnete Werner Stingel verkündeten die rettende Idee: Findet sich eine Privatperson, die das Bad pachtet, unterstützt die Gemeinde sie mit einem Zuschuss von 10 000 Mark, die für die Sanierung benötigt wurden. Das war das Startsignal für den „Surfer“ und „Wasserskifahrer“ und Parkettlegemeister Sascha Willkomm und seine sieben Kumpels, die im Juni 1994 den Verein gründeten, der bis heute den Erhalt, Betrieb und die Pflege in eigener Regie stemmt.

In der heutigen Zeit ist man geneigt, dieses Bad zu fotografieren und das Foto gleich an ein paar Freunde zu versenden. Doch auch hier kann es passieren, dass der Handyempfang recht ländlich ist. Ein Gespräch kann an manchen Stellen so rauschig-raschelnd klingen, als habe man das Handy direkt im „Dorfpool“ versenkt.

Kein Pommesgeruch stört, jeder bringt sein Vesper selbst mit

Die azurblaue Farbe des Bades bringen die ursprünglichen, mit blauer Chlorkautschukfarbe bestrichenen Becken-Betonplatten, die von Anfang an drin sind. Schon immer fließt das Quellwasser, das nicht für den Badbetrieb genutzt wird, weiter in die Murr. Das 1965 erbaute Bädle war schon in Betrieb, als andere, wesentlich größere Gemeinden davon träumen konnten. Hier wird bis heute mit Kaltwasser geduscht und es gibt keinen Pommesgeruch, die Badegäste bringen sich ihre Verpflegung selbst mit.

Hinter der Bädlesruh’ steckt viel Ehrenamtsmüh’: Die Wasserfreunde haben bis 2014 das chlorfreie Bad regelmäßig geputzt und das Wasser ausgetauscht. Bis auf die Fugen, die erneuert wurden, war das Becken noch nie renovierungsbedürftig. 2015 ging die neue Sandfilteranlage in Betrieb, seither ist die Temperaturobergrenze von einst 19 Grad auf konstante 24 Grad geklettert, was mehr erlaubt als einmal Zehenspitzen reinhalten. Eine Umwälzanlage sowie ein Sanitärbereich kamen neu hinzu. Auch hier packten die Vereinsmitglieder an, die wissen, welche Freude sie damit insbesondere jungen Familien mit Kindern machen. Die Kleinen sind in Reichweite, können gut im Auge behalten werden. Für sie, die wie kleine Wassernixen mit allem möglichen Schwimmgetier oder Schwimmflügeln auf der Wasseroberfläche treiben oder sicher in Mamas oder Papas Armbeuge durchs Wasser gezogen werden, ist die „Pfütze“ ja trotzdem so groß und fantastisch wie ein Ozean.

Familiärer Charme ist über die Jahrzehnte erhalten geblieben

Die Großen, die lieben eben gerade das Kleine: Die Lage ist landschaftlich reizvoll, die Abmessungen sind kompakt und handlich, das Bad aber ist ein riesiges Schmuckstück für die Region. „Kein Spaßbad, sondern ein gepflegtes schönes Gelände mit einer kleinen Bademöglichkeit“, so formuliert Jürgen Wurst den familiären Charme, den sich das Bad über die vielen Jahrzehnte bewahrt hat.

Nur einmal im Jahr wurde es vor Corona trubelig: Die Wasserfreunde feiern im Juni ihr jährliches Badfest - auch „wenn’s Grotta hagelt“, wie der ehemalige Vorsitzende Sascha Willkomm einst verkündet hatte. Damals wusste noch niemand etwas von Corona. Denn die Pandemie hat nun erstmals 2020 das fixe Datum über den Haufen geworfen. Doch dafür ist das Bädle zum zweiten Mal Kulisse des „Bergfestivals“, das diesen Freitag, 23. Juli, mit „The Magical Mystery Band“ startet.

Der Verein nimmt aktuell keine weiteren Personen auf

Mit 430 Mitgliedern ist der Verein in die Saison 2021 gestartet - und hat zum ersten Mal einen Aufnahmestopp ausgerufen. Die Nachfrage sei während des Corona-Lockdowns zwar gestiegen, aber der Verein denkt an die Mitglieder, die das Bad seit Jahren unterstützen. „Wir möchten, dass alle weiterhin einen ruhigen Platz in der Natur genießen können und nicht von zu viel Massen vertrieben werden“, so Jürgen Wurst.

Zu Beginn des Sommers 2020 sei nicht klar gewesen, ob die Wasserfreunde in den Genuss ihres Bädles kommen können. Man legte sich ins Zeug – heraus kam ein umfassendes Regelwerk. Eine Besonderheit ist die vom Verein entwickelte und programmierte „Corona-Box“, die mittels RFID-Chip die Anwesenheitszeiten der Badegäste erfasst, so dass eine Rückverfolgung möglich ist und Infektionsketten rechtzeitig unterbrochen werden können - kurzum: Dem Team war es nach Information von Jürgen Wurst wichtig, „den Familien ein Stückchen Urlaub in dieser schwierigen Zeit zu ermöglichen“.

Willkommen im „Outback“ des Schwäbischen Waldes, in Hinterwestermurr. Hier kann man - nun ja, schwimmen! Vorausgesetzt, man ist Mitglied im Verein der Wasserfreunde. Sie betreiben das urige Minibad in Eigenregie. Aktuell zählt der Verein 430 Mitglieder und damit mehr als fünfmal so viele Mitglieder, wie der „Flecken“ Einwohner hat.

Viele haben hier, auf 14 mal acht Metern, das Schwimmen gelernt. „Kinder konnten sogar das Seepferdchen machen“, erzählt Jürgen Wurst, Erster Vorsitzender

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