Backnang

„Wir werden überleben“: Wie das Backnanger Unternehmen d&b audiotechnik trotz Corona-Krise nach vorne blickt

db audiotechnik BK
Das Unternehmen d & b audiotechnik weitet seinen Firmencampus in Backnang trotz der Krise weiter aus. © db audiotechnik

Es sind Bilder zum Weinen. Tausende Menschen in einer Konzerthalle, genießend, singend, freudetaumelnd. Zum Weinen regt der Anblick an, weil es sich momentan anfühlt, als blieben glanzvolle Musikereignisse mit zigtausenden Gästen, dicht gedrängt Leib an Leib, für immer eine Erinnerung.

Ein typisches Symptom von Corona-Überdruss ist das. Natürlich werden wieder Großkonzerte stattfinden, Festivals, Operngalas, Messen, Tagungen. Es weiß nur keiner, wann.

In Taiwan oder China feiern sie jetzt schon wieder in Präsenz ihre Stars in Sälen mit 15 000 anderen. Das soll jetzt keine Rechtfertigung sein für die doch recht spezielle Herangehensweise dieser Länder im Kampf gegen die Pandemie. Amnon Harman nennt das Beispiel trotzdem, weil es im Hoffnungsschimmer-Reigen der d & b audiotechnik GmbH & Co. KG eine Rolle spielt. Harman ist Sprecher der Geschäftsführung des Backnanger Unternehmens, das als Spezialist für Beschallungssysteme viele Jahre lang nur eine Richtung der Geschäftsentwicklung kannte: Stetig nach oben.

Und dann kam Corona.

Das Unternehmen will mit seinen Lautsprechern und Verstärkern und allem, was sich in Audiotechnik sonst noch so verbirgt, „die Leidenschaft von der Bühne unverfälscht auf das Publikum übertragen“, so beschreibt Amnon Harman die Mission. Nur sitzt momentan im Publikum keiner.

Die Rede ist von 80 Kündigungen

Bereits im März 2020 war klar, das wird „drastisch“, doch als dann im Herbst die Hoffnung starb, der Lockdown könnte zu Weihnachten enden – da ging dem Unternehmen zwar nicht die Puste aus, aber es holte den Restrukturierungsplan aus der Schublade. Das ist ein schöneres Wort für Entlassungen.

Wie viele Beschäftigte es getroffen hat, darüber habe man Stillschweigen vereinbart, sagt Harman. Aus anderer Quelle ist zu hören, etwa 80 Personen hätten die Kündigung erhalten.

Am Standort Backnang beschäftigt d & b audiotechnik circa 450 Menschen; insgesamt sind’s in der Gruppe mehr als 600. Die Zahl wird wieder wachsen, prophezeit der Firmenchef – nur könnten in Zukunft andere Qualifikationen gefragt sein als bisher. Verbindungen zwischen Online- und Offline-Lösungen werden eine viel größere Rolle spielen. Kunden wollen neue Ideen haben, wie sich Entertainment umsetzen lässt – weshalb es „neue Jobs im Hightech-Bereich geben wird“, wie Harman sagt.

Die Produktion läuft auf kleiner Flamme weiter

Ein gerüttelt Maß an Optimismus und Mut gehört dazu, in der momentanen Situation den Blick derart weit nach vorne zu richten. Immerhin: Die Produktion in Backnang ist nie ganz geschlossen worden. Etwa ein Viertel bis 30 Prozent der Kapazitäten werde nach wie vor genutzt. Man versorgt beispielsweise öffentliche Auftraggeber, die jetzt ihre Theater- und Opernhäuser renovieren. Kreuzfahrtschiffe werden weiterhin gebaut, weil es sich die Verantwortlichen nicht leisten wollen, langfristige Großprojekte dieser Art einfach auf Eis zu legen – und auf Kreuzfahrtschiffen erwarten gut zahlende Gäste Sound vom Feinsten.

Fußballspieler erwarteten früher kräftigen Applaus ihrer Fans nach gelungenen Spielzügen, ferner Fangesänge und sonstige Zeichen von "Wir lieben euch". In diesem Fall ist der wehmütige Blick auf Vergangenes völlig fehl am Platz, denn die Spieler müssen auf all das nicht verzichten. An dieser Schnittstelle hat d & b auch seine Finger mit im Spiel: Mit einem Partner aus England habe man eine Lösung entwickelt, die das Spielfeld beschallt und nicht die Ränge, erzählt Amnon Harman, sprich: Man veranstaltet eine Art Online-Konferenz mit zigtausenden Fußballfans. Interessierte Zuschauer loggen sich zu Hause am Fernseher ins System ein, und sofern sie es für angebracht halten, ihrer Mannschaft Applaus zu spenden, tun sie das via Smartphone kund. Entscheiden sich viele gleichzeitig für den Applaus-Knopf – dann erschallt im Stadion Applaus. Und zwar nicht erst zwei, drei Sekunden später, das wär’ ja ein Witz. Nein, gleich und direkt stellt sich die Verbindung her zwischen Fan auf dem Sofa und Spieler auf dem Feld.

Zukunftsmodell: Präsenz und virtuelle Begegnung gemischt

Als „sehr relevant“ stuft Amnon Harman dieses Geschäftsfeld mittlerweile ein – und es taugt auch als Beispielfall für das, was in Zukunft eine viel größere Rolle spielen wird in vielen Bereichen: die Hybridlösung. Präsenz und virtuelle Begegnung gemischt sozusagen, wobei die Vorteile beider Formen in eine "Eins plus eins gleich drei"-Gleichung münden.

Amnon Harman führt das Unternehmen seit Juli 2014 und ist für Strategieentwicklung und -umsetzung verantwortlich. Untergangsstimmung wäre jetzt fehl am Platz, wenngleich d & b selbstredend eine „sehr schwierige Zeit“ durchmacht. Harman verweist auf eine Studie, die den Einbruch der Umsätze im Live-Event-Markt auf 64 Prozent beziffert. In ähnlichen Dimensionen bewegt sich das Backnanger Unternehmen, das im Jahr 2019 laut Harman noch einen Umsatz von gut 170 Millionen Euro erwirtschaftet hat. Dank Kurzarbeit habe man die Kündigungen sehr lange hinausschieben können. Dass es so was wie Kurzarbeit überhaupt gibt, können sich andere Staaten gar nicht vorstellen: „In Deutschland wissen wir gar nicht, wie privilegiert wir da sind.“

"Mit einigen Schrammen kommen wir durch"

Die aktuelle Situation zehrt dennoch an den Nerven, räumt Harman ein, zumal einer Art Wir-schaffen-das-Trotzhaltung eine gewisse Ermüdung folgte. Solange das Live-Entertainment-Segment nicht wieder anläuft, „wird es uns nicht gut gehen“ – doch man habe die Zeit genutzt, neue Geschäftsfelder erschlossen, sich auf digitale Beschallungslösungen der Zukunft ausgerichtet, die Erweiterung des Firmen-Campus in Backnang weiter vorangetrieben, sich mit Zulieferern geeinigt, zumal es „eine sehr große Solidarität“ in dieser Branche gebe: „Wir schauen auf die Zeit nach der Krise. Wir wissen, dass wir überleben werden. Mit einigen Schrammen kommen wir durch.“

Es sind Bilder zum Weinen. Tausende Menschen in einer Konzerthalle, genießend, singend, freudetaumelnd. Zum Weinen regt der Anblick an, weil es sich momentan anfühlt, als blieben glanzvolle Musikereignisse mit zigtausenden Gästen, dicht gedrängt Leib an Leib, für immer eine Erinnerung.

Ein typisches Symptom von Corona-Überdruss ist das. Natürlich werden wieder Großkonzerte stattfinden, Festivals, Operngalas, Messen, Tagungen. Es weiß nur keiner, wann.

In Taiwan oder China

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