Berglen

Anfänge bekannter Betriebe aus Berglen im neuen Film von Fohr und Wirth

Volkhardsmühle
Wirth und Fohr (r.) vor der längst zum Wohnhaus umgebauten Volkhardsmühle, die im 14. Jahrhundert gebaut wurde. © Alexandra Palmizi

Diethard Fohr und Friedrich Wirth haben es erneut getan: einen Film zur Berglener Heimatgeschichte gedreht. Dieses Mal geht es um die „Industrialisierung“ in Berglen, die Geschichte von Berglener Unternehmen. Das Besondere dieser Dokumentation ist wieder, dass aus der persönlichen Perspektive, anhand von eigenen Erlebnissen und Erinnerungen, erzählt wird.

Es begann damit, dass Fohr im Buch von Werner Hofmann, einer Fundgrube für jeden an Berglener Historie Interessierten, herumstöberte – und im Kapitel zu Steinach als dem „Dorf der Mühlen“ hängenblieb. Denn die Mühlen dort, das seien ja eigentlich die ersten Fabriken in Berglen gewesen, so Fohr. Er war verblüfft, denn ihm als Steinacher sei das bis dahin gar nicht so recht bewusst gewesen. In der Sägmühle Schaber hatte er als Kind einst dauernd gespielt. Die Kinder der Betreiberfamilie waren seine Freunde. Oben wurden Zwetschgen und Äpfel gedörrt, sie als Buben hätten da natürlich nicht widerstehen können, also fleißig stibitzt, aber so, dass es nicht aufgefallen sei.

In der Sägmühle gab es eine Badstube und Astlöcher zum Kiebitzen

Eine weitere Kindheitserinnerung von ihm: In der Sägemühle gab es eine Badstube und so manches Astloch zum Kiebitzen. Er erinnert sich auch, dass der Linsenbach wegen der Mühle angestaut wurde, so dass die immer jeweils etwa zwei Stunden arbeiten konnte. Oder der Steinacher „Wasserstreit“ zwischen den Mühlenbetreibern, der erst aufgehört habe, als die beiden Mühlen in einer Hand waren. Fohr erfuhr also erst viele Jahre später, dass die Mühlen über Jahrhunderte bestanden hatten und dass die Volkhardsmühle, längst umgebaut zu einem Wohnhaus, die älteste war, vom Kloster Lorch gegründet worden war, dass sie den Namen von den beiden Volkhard-Äbten, die im 14. Jahrhundert gelebt hatten, hat und dass sie 1602 neu aufgebaut worden war. Auch die Untere Mühle war in etwa so alt, gefolgt von der Ölmühle und der mittleren Mühle, die 1868 der Winnender Kaufmann Binz kaufte und zu einer Spinnerei umbaute. Dass dagegen spätere Berglener Firmen bei weitem nicht die Lebensdauer der Mühlen erreichten, zeige die Beschleunigung der Zeit, so Fohr.

Fohrs Mutter holte einst das Vesper für die Bareiß-Leute

Er hat selbst deren Geschichte aufgestöbert, Interviews mit den Nachkommen oder Nachfolgern der Gründer geführt, gefilmt von Wirth. Auch hier kommen seine Erinnerungen ins Spiel. Zum Beispiel, dass seine Mutter einst für die Mitarbeiter der 1943 gegründeten Firma Bareiß (Weiterbearbeitung von Druckgussteilen aus Aluminium und Magnesium) das Vesper holte. Fohr hat zur Firmengeschichte Werner Bareiß und die ehemaligen Mitarbeiter Alfred Breyer, Hilde Öchsle und Erika Klopfer befragt.

Das Ganze habe ziemlich geeilt, betont Wirth, denn alle Beteiligten seien mittlerweile in hohem Alter, es sei also eine letzte Chance das mündlich überliefert zu erhalten. Fohr erinnert sich zwischendurch schmunzelnd, dass Anfang der 60er Jahre die ersten Griechen als „Gastarbeiter“ kamen und dass die anfangs mangels deutscher Sprachkenntnisse auf ihre eigenen Rippen deuteten, wenn sie ein Ripple wollten.

Zur einstigen Metallschleiferei in Steinach, 1957 durch Herbert Fichtner gegründet, hat er dessen Sohn Bernhard interviewt. 1966 begann die Firma Thermopack in Oppelsbohm mit der Fertigung von Plastiktüten. Franz Kincses war dort der Werkleiter. In dem Film erzählt Elsbeth Ruoff, wie das damals war mit der Heimarbeit, für Frauen die erste und einzige eigene Verdienstquelle. Aber auch dass es jeden Tag tausendfach wiederholte Handarbeit war, ehe für das mühsame Einfädeln Maschinen entwickelt wurden. Fohr kann sich auch daran noch erinnern, er hat das nämlich selbst als Kind noch gemacht. Das wiederholte sich bei vielen anderen, als der Film als Vorpremiere beim Klassentreffen gezeigt wurde. In den Familien habe es regelrechte Arbeitsteilung bei dieser Heimarbeit gegeben, um etwas zuzuverdienen: „Jeder hat da seinen Handgriff gemacht. Der Begriff Mindestlohn war unbekannt. Man war froh, wenn man am Monatsende 50 Mark zusätzlich hatte.“ Auch in der Firma Bareiß gab es Zuverdienst, für die Bauernmädchen im Winter.

Chef gab Arbeitern seinen VW, damit die alle 14 Tage zu ihren Familien konnten

Erzählt wird auch die Geschichte des Sandwerks bei Hößlinswart, Anfang der 30er Jahre von Eugen Schenk gegründet, wobei zunächst an zwei anderen Stellen gegraben worden sei, die sich aber nicht als ergiebig erwiesen hätten, erst beim dritten Versuch sei man erfolgreich gewesen, so Fohr, der Harald Schenk dazu interviewt hat. Auch hier gibt es eine Anekdote: Die Arbeiter waren von der bayrisch-tschechischen Grenze, damit die daheim ihre Familien besuchen konnten, bekamen sie vom Chef alle 14 Tage dessen VW. Auch mit dem langjährigen Betreiber Dieter Beck verbindet Fohr etwas. Er hat als Bub für den SSV Steinach-Reichenbach gegen den und seinen KTSV gekickt. Er weiß das Ergebnis heute noch: 2:1 für Hößlinswart. Rund 20 Jahre später waren beide Vorsitzende ihrer Vereine: „Es ist doch manchmal seltsam, wie das Leben so spielt“, so Fohr, der ausdrücklich die großen Verdienste Becks um den KTSV betont.

Der Sand wurde mit dem Pferdefuhrwerk nach Winnenden gebracht

Noch ein Sandwerk spielt in dem Film eine Rolle, das Heck’sche in Kottweil, samt Tiefbauunternehmen. Klaus Heck erinnert sich. Anfangs wurde noch mit Pferdefuhrwerken der Sand nach Winnenden geführt. Der ältere Teil des Abbaugebiets war dort, wo heute der Waldspielplatz liegt, der jüngere dort, wo heute das AVB-Betriebsgelände ist.

Zur Firma Riker, der Ende der 40er Jahre gegründeten Brennerei in Hößlinswart und deren „weltbestem“ Eierlikör, merkt Fohr an: „Der ist ja auch ganz gut, das muss man zugeben.“ Es geht auch ums einstige Eier-„Aufklopfen“ und darum, warum das von einem Tag auf den anderen verboten war und damit seither der benötigte Eidotter zugekauft werden musste. Rolf Riker und Jochen Frank erinnern sich.

Ende der 50 Jahre wurde in Hößlinswart die Metallschleiferei und -poliererei von Walter Maurer gegründet. Seine Frau und Tochter erzählen. Erste stammt wie Fohr aus dem Sudetenland, bei haben also gemeinsame Wurzeln. Die Tochter erzählt in dem Film, dass die Eltern damals stets „greifbar“ waren, weil das Wohnhaus direkt neben dem Betrieb war. Die Kehrseite davon: Sie war eben auch greifbar, musste mitarbeiten, hat wohl Tausende von Muttern verpackt. Dass der Sturzbügel von Porsche dort gefertigt wurde, sei der ganze Stolz der Firma gewesen, weil den eben nur sie so hingekriegt habe, berichtet Fohr.

Ihm sind bei der Entstehung des Films also seine vielen guten Beziehungen zugutegekommen, hat er dabei, neudeutsch gesagt, von seinem Netzwerk profitiert. So erinnert er sich zum Beispiel noch daran, dass in Steinach einst die Kirchturmuhr immer um fünf Minuten vorging. Die Tochter der langjährigen Mesnerin erzählte ihm, dass ihre Mutter das absichtlich gemacht hatte, damit jede(r) ja rechtzeitig zum Bus kam. Von Kincses sagt Fohr:„Der war mit Leib und Seele Thermopacker.“

Um was ging es ihm denn in den Interviews? „Darum, nette G’schichtle aus den Leuten herauszuholen. Die sollten vor allem unterhaltsam sein. Das klappte, glaube ich, ja ganz gut.“ Fohrs Kameramann Wirth wohnt seit Anfang der 80er Jahre in Oppelsbohm, seine Familie stammt ebenfalls aus dem Sudetenland. Er erinnert sich, wie er als Belohnung für die bestandene Aufnahmeprüfung ins Gymnasium einst eine kleine Kamera bekam, eine Bilora-Box, die er heute noch hat. Zehn Jahre älter als Fohr, studierte er in Nürnberg, wurde Ingenieur, und als Bosch eine Kamerafabrik in Malaysia baute, dort Entwicklungsleiter.

Der 70-minütige Film wird noch zweimal gezeigt

Der etwa 70-minütige Film wird noch zweimal gezeigt: am Freitag, 8. Oktober, ab 18 Uhr im Schützenhaus Ödernhardt und am Freitag, 29. Oktober, Beginn 12 Uhr, im Vereinsheim des KTSV Hößlinswart. Anmeldung bei Fohr, 0 71 95/94 19 30, Mail an diethardfohr50@aol.com. Eigentlich hätte er bereits vor einem knappen Jahr erstmals öffentlich gezeigt werden sollen, Corona ließ es nicht zu. Die Akustik, Stichwort Nebengeräusche, sei nicht perfekt, räumt Wirth ein, umso besser aber sei Fohr seine Rolle gelungen. Abgerundet wird der Film durch Kurzporträts von Firmen im Gewerbegebiet Erlenhof und einem Ausblick von Maximilian Friedrich, der, als, der Film entstand, noch Berglener Bürgermeister war.

Diethard Fohr und Friedrich Wirth haben es erneut getan: einen Film zur Berglener Heimatgeschichte gedreht. Dieses Mal geht es um die „Industrialisierung“ in Berglen, die Geschichte von Berglener Unternehmen. Das Besondere dieser Dokumentation ist wieder, dass aus der persönlichen Perspektive, anhand von eigenen Erlebnissen und Erinnerungen, erzählt wird.

Es begann damit, dass Fohr im Buch von Werner Hofmann, einer Fundgrube für jeden an Berglener Historie Interessierten,

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