Berglen

Backnangs neuer Oberbürgermeister Maximilian Friedrich: Die Baugebietspolitik in Berglen würde er wieder so betreiben

Neun Jahre Friedrich
Maximilian Friedrich. © ALEXANDRA PALMIZI

Auch Keyla muss umziehen. „Schau mer mal“, meint Maximilian Friedrich schmunzelnd zur Frage, ob er denn den Vierbeiner auch an seiner neuen Arbeitsstätte mit ins Büro bringt. Er weiß und weist auch darauf hin, dass er damit nicht der erste Backnanger Oberbürgermeister wäre. Aber wenn die Hundedame dort ein Plätzchen bekommt, dann nicht gleich in den ersten Tagen. Er wolle erst mal alle Mitarbeiter der Verwaltung dort kennenlernen und auch die drei Standorte der Stadtverwaltung, so Friedrich. Für die Mitarbeiter dort sei die Frage aber auch deswegen interessant, weil wenn er es tue, er es ja ihnen schlecht verwehren könne. Wenn er denn überhaupt „Nein“ sagen wolle, wohlgemerkt. Denn Keyla und auch ihr Vorgänger, so seine Beobachtung, hätten dem Betriebsklima im Rathaus gutgetan. Was der gelegentliche Besucher dort bestätigen kann: Vor diesen beiden gutmütigen und zutraulichen Vierbeinern hat niemand Angst haben müssen.

„Wie schnell die neun Jahre vergangen sind“, so Friedrich beim Blick zurück, sich daran erinnernd, dass sein Vorgänger Wolfgang Schille bei der Übergabe der Amtsgeschäfte ihm damals prophezeit hatte, dass so eine Amtsperiode nur scheinbar lange aussehe. In Wirklichkeit werde sie ruck, zuck vorüber sein, ausgefüllt mit Aufgaben, zumal in Berglen mit seinen vielen Teilorten. Schille sollte recht behalten, so Friedrich. Er war damals 25, ein Jungspund als Bürgermeister und für eine Zeit lang der jüngste Rathauschef im Lande. Nun ist er 34, und die Zeit dazwischen merkt man ihm an, nicht nur äußerlich hat sich einiges getan. Er sieht es auch so. Die Zeit hier habe ihn sehr geprägt, und ja, er, seine Familie, habe hier Wurzeln geschlagen. Der Weg von Backnang hierher andererseits sei ja kurz, er werde Berglen immer verbunden bleiben. Als heimatverbundener Mensch gebe es für ihn drei besondere Orte: Auenwald, wo er herkam, eben Berglen – wo die Familie in Bretzenacker gebaut hat und seit sieben Jahren wohnt – und Backnang.

„Bangbang“

Sagt die Tochter zu Backnang

Friedrich hat fest vor, sich in Berglen künftig immer wieder blicken zu lassen, auch auf das viele positive Feedback dort von Bürgern nach seiner Wahl in Backnang verweisend. Für seine Bewerbung dort, die Überlegung der Familie dazu, habe neben seinem eigenen Bezug dorthin auch eine Rolle gespielt, dass die Tochter erst zwei ist, noch nicht in den Kindergarten geht, also da nicht herausgerissen wird durch den bevorstehenden Umzug, betont Friedrich. Auf einem seiner Wahlplakate war die ganze Familie, Katharina habe sich beim Spaziergang zu einem Eiscafé in der Innenstadt, das er selbst noch aus einer eigenen Kindheit kennt, darauf prompt selbst erkannt, berichtet ihr Vater gerührt: „Die fängt ja jetzt an zu sprechen, und Backnang heißt bei ihr Bangbang.“

Friedrich wurde nicht nur dort im Krankenhaus geboren, seine Familie lebte auch einige Jahre in der Stadt. Der Besuch beim Straßenfest war und ist für ihn Pflichttermin. In seiner Berglener Zeit überschnitt er sich zwar öfters mit der Sonnwendfeier des SSV, aber dann gab es halt im Verlauf des Abends einen „fliegenden Wechsel“. Sein erster Fassanstich dort, auf den er sich besonders freut, fällt auf das 50. Straßenfest, also ein Jubiläum, es wird aber erst 2022 stattfinden, die Ausgabe heuer fällt wegen Corona aus.

Was bedeuten die neun Jahre in Berglen für ihn? „Vor allem ganz viele Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Menschen.“ Darunter stachen für ihn die Verleihung von zwei Ehrenbürgerschaften – an seinen Vorvorgänger Gerhard Schnabel und an Klara Hofmann – heraus, die Gründung der Partnerschaft mit Gaschurn, wobei er auf jeden Fall Mitglied des Partnerschaftsvereins bleiben werde, und viele, um nicht zu sagen unzählige Feste und Feiern, darunter mehrfach die Eröffnung des Richtfests des Berglesbonds durch ihn, seine Fassanstiche beim Bergleshock, „mit unterschiedlichem Erfolg“, bis hin zu regelrechten Trümmern, die er hinterließ, der idyllisch im Grünen gelegene Trauplatz bei Öschelbronn, die Erinnerung an die Fahrt mit seiner Frau durch Berglen vor der Wahl 2012, als sie von Schönheit und Vielfalt der Landschaft überwältigt gewesen seien, das wohl einmalige Eselrennen in Hößlinswart, die Heiligabendkonzerte in der Oppelsbohmer Ortsmitte, wo er sich beim ersten Mal dachte, was soll das denn sein, ein Termin am 24. Dezember.

Aber auch die Erfahrung, Erkenntnis, dass niemand unersetzlich ist, „auch ich nicht“. Deshalb sei es sein Wunsch, seine Erwartung, dass es in Berglen unter seinem Nachfolger (oder Nachfolgerin) gut weitergeht. Er ist da guter Hoffnung, erinnert daran, wie es damals, 2012, war. Damals gab er seine Bewerbung fünf Wochen vor dem Wahltag ab, das entspreche also bei der bevorstehenden Wahl Ende Mai, so Friedrich dazu, dass es bislang noch keinen Bewerber gibt. Kein Grund zur Unruhe also. Er war damals, kaum zu glauben, gar nicht der Erste, der sich bewarb, sondern nur der Zweite. Derjenige zog aber dann zurück, und so stand Friedrichs Name doch ganz oben auf dem Wahlzettel. Auf noch etwas weist er hin, was die Wahl besonders gemacht habe, dass nämlich gleich drei Diplom-Verwaltungswirte sich bewarben.

Kein Krankheitstag

„Jeden Tag gerne im Rathaus“

Friedrich ist sicher: Hätte er in Berglen einen schlechten Ruf, hätte sich das nach Backnang schnell herumgesprochen, hätte er damit kein solch überragendes Wahlergebnis dort erzielt. Er wisse, dass es von dort viele Rückfragen in Berglen gab, ob man ihm denn trauen könne. Worauf er auch stolz ist: kein einziger Abwesenheitstag im Rathaus wegen Krankheit. Das sei doch auch ein sicheres Anzeichen dafür, dass er sich hier stets wohlgefühlt habe „und dass ich wirklich jeden Tag gerne ins Rathaus gekommen bin“. Trotz sieben Wochen Doppelbelastung durch den Wahlkampf in Backnang sei nichts liegengeblieben. Er scheide also mit einem lachenden und einem weinenden Auge, freue sich auf seine neue Aufgabe, wohl wissend, dass die Stadt einige besondere Vorgänger hatte, er also in große Fußstapfen trete. Aber er sei erst der zweite Nichtjurist in dem Amt und komme eben aus dem Backnanger Raum, das unterscheide ihn, ebenso wie seine Parteilosigkeit. Sein politisches Netzwerk sei seit 2012 gleichwohl enorm gewachsen.

 Er ist Papa geworden, und nicht zu vergessen, er hat in seiner Berglener Zeit auch geheiratet, 2013, habe immer den familiären Zusammenhalt als Unterstützung gehabt, versichert Friedrich. Der Umzug nach Backnang, wo er dazu im Wort ist, stehe außer Frage, wenn auch nicht Hals über Kopf, es müsse aber passen, bis dahin werde er pendeln, es seien ja nur 20 Minuten Fahrzeit. Ja, es gebe auch in Backnang sehr viele schöne Ecken, er kenne sich dort ja gut aus. Es sei eine stolze Stadt, mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, deren Umland auf sie geprägt sei, ein Raum mit eigener Identität: „Backnang hat rund 38 000 Einwohner, die Backnanger Bucht in etwa genauso viele dazu.“ Friedrich wäre nicht Friedrich, wenn er nicht schon eine Liste hätte mit Projekten „in der Pipeline“.

„Auf jeden Fall!“

Die Baugebiete seien richtig

Wie sieht er denn seine eigene Entwicklung seit 2012, die gab es doch? „Natürlich, es wäre ja schlimm, wenn es anders wäre.“ Ja, er sei damals noch ziemlich heißblütig gewesen, mittlerweile gelassener geworden. Freilich würde er mit dem Blick von heute manches anders machen, sehe es selbstkritisch. Er hat in einem Interview vom „Dornröschenschlaf“ gesprochen, in dem Berglen bis zu seinem Amtsbeginn gelegen habe. Er habe das in dem Sinn gemeint, dass er in Berglen ein unglaublich großes Gestaltungspotenzial gesehen habe, etwa durch den damaligen Klinikbau in Winnenden, betont Friedrich und verweist auf die schlechte Internetanbindung damals. Das sei nicht als Kritik an seinen beiden Vorgängern gemeint gewesen, die in ihrer Amtszeit ja auch sehr viel bewegt hätten. „Es waren eben andere Zeiten.“ Aber so wie er damals auch werde auch sein Nachfolger gute Grundlagen vorfinden.

Würde er seine „Baugebietepolitik“ noch mal so verfolgen, mit der er sich nicht nur Freunde gemacht hat? „Auf jeden Fall!“ So viel sei in dieser Zeit im Vergleich gesehen mit anderen Kommunen doch gar nicht gebaut worden in Berglen, allenfalls durchschnittlich. Wohnraum sei und werde benötigt, und es sei doch auch eine Vielzahl von innerörtlichen Baulücken geschlossen worden. Er verweist zudem auf den Gemeinderat, der das mitgetragen hat. „Ich habe das ja nicht allein entschieden. Die allermeisten Beschlüsse in meiner Amtszeit waren einstimmig.“ Die Wohnraumfrage sei auch eine soziale, viele in seinem Alter und dem seiner Frau seien auf der Suche. „Ich habe da auf jeden Fall kein schlechtes Gewissen.“ Dass er die gewachsene, besondere Eigenart der Berglen gefährdet habe, wie ihm ein Kritiker vorwarf, den Schuh zieht Friedrich sich schon gleich gar nicht an. Dass das nicht stimme, dafür reiche es, einfach mal durchzufahren, dann sehe man doch, dass Berglen seinen Charakter erhalten habe. Nur ein Bruchteil eines Prozents der Gesamtfläche sei in der Zeit bebaut worden.

Friedrich zeigt eine lange Liste, was alles seit 2012 „passiert“ ist: darunter die Sicherung der ärztlichen Versorgung vor Ort, die Sicherung der örtlichen Nahversorgung durch den Neubau des Netto-Markts in Oppelsbohm, die Sanierung des Kunstrasenplatzes im Erlenhof, die Schließung von Radwegelücken, die fortlaufende Modernisierung der Nachbarschaftsschule – „die hat mittlerweile etwa so viele Schüler, also nur mit der Grundschule, wie damals zusammen mit der Sekundarstufe“ – wie überhaupt aber deren Bau einst samt Gründung des Schulverbandes in der damaligen Zeit eine wirklich visionäre Entscheidung gewesen sei.

Klarinette

Bei ihr zehrt er von der Substanz

Er hat noch eine Liste, für die Übergabe, also für seinen Nachfolger, was nämlich noch alles ansteht. Aber: Er werde sich nach seinem Amtsantritt in Backnang in Berglen zurückhalten, sich dort nicht mehr einmischen. Er sei jedoch selbst froh gewesen damals, dass er auf seine Vorgänger jederzeit zugehen konnte, von ihren Erfahrungen habe profitieren können. Bei aller gerne getanen Arbeit aber, beim ebenfalls nötigen „Herunterkommen“ habe ihm vieles geholfen: Lesen, „das erdet mich immer wieder“, die Familie, das Spazierengehen mit dem Hund, die Musik. Er spielt Klarinette, trat damit gelegentlich auf, zehrt dabei allerdings, wie er einräumt, von der vor langer Zeit angeübten Substanz. Die Familie ist überhaupt musikalisch, auch seine Frau, sein Schwager und seine Schwiegermutter spielen Instrumente, und es wird auch gesungen. Nicht zu vergessen: Sport, vor allem Tischtennis, dem er nach wie vor verbunden ist, das jedoch längst zu kurz kommt. In Backnang wird die Arbeit, werden die Termine aber sicher nicht weniger.

Auch Keyla muss umziehen. „Schau mer mal“, meint Maximilian Friedrich schmunzelnd zur Frage, ob er denn den Vierbeiner auch an seiner neuen Arbeitsstätte mit ins Büro bringt. Er weiß und weist auch darauf hin, dass er damit nicht der erste Backnanger Oberbürgermeister wäre. Aber wenn die Hundedame dort ein Plätzchen bekommt, dann nicht gleich in den ersten Tagen. Er wolle erst mal alle Mitarbeiter der Verwaltung dort kennenlernen und auch die drei Standorte der Stadtverwaltung, so Friedrich.

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