Berglen

Dachdecker zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt

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Bei Dachdeckerfirmen gibt es gelegentlich nicht nur auf dem Dach Löcher zu stopfen. © roboriginal - Fotolia

Berglen/Waiblingen. „Der Letzte, der das versucht hat, lag drei Wochen im Krankenhaus.“ Im Dachdeckergewerbe geht es mitunter rau zu. Aber nicht wegen dieser Drohung, sondern wegen vorsätzlicher Insolvenzverschleppung und weiterer Delikte, die damit zusammenhängen, ist ein 49-Jähriger vom Schöffengericht zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden.

Der Mann ist, juristisch gesehen, auch des vorsätzlichen Bankrotts, des Betrugs und der Veruntreuung schuldig. Angeklagt war er sogar dafür, dass er zwei Firmen in die Pleite geführt hatte. Eine, die vor zehn Jahren mit Sitz in Berglen gegründet und 2001 nach Waiblingen verlegt worden war, die 2007 ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnte und bei der 2008 das Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Bei ihr war er zwar nur drei Jahre formal Geschäftsführer, faktisch allerdings auch über seine Abberufung als solcher hinaus. 2010 schlüpfte er sozusagen unter das Dach eines Betriebs, der seinen Sitz bis dahin in Ludwigsburg gehabt hatte und den er als „faktischer“ Geschäftsführer nach Winnenden verlegte. Wobei schon die vorherige Pleite nicht seine erste war.

Es hagelte Vollstreckungsbescheide und Kontopfändungen

Es war immer der gleiche Ablauf: Die Betriebe hatten nicht genug Kunden und damit Aufträge, ihr Geschäftsführer kam irgendwann mit dem Löcherstopfen, sprich längst fällige, sich aufstapelnde Rechnungen von Lieferanten aus den Einnahmen zu bezahlen, nicht mehr hinterher. Es hagelte Vollstreckungsbescheide, Kontopfändungen, Vergleiche wurden geschlossen, teilweise auch erfüllt, die Miete für Geschäftsräume wurde nicht bezahlt, die von den Löhnen der Mitarbeiter einbehaltenen Arbeitnehmeranteile an die betreffenden Krankenkassen nur teilweise oder gar nicht abgeführt, fällige Steuern nicht bezahlt, vorgeschriebene Bilanzen nicht erstellt. Der Betrieb in Winnenden war sogar noch im Jahr der Verlagerung nicht mehr zahlungsfähig, hatte so gut wie kein Guthaben auf der Bank, die prompt Lastschriften zurückgab und schließlich das Konto kündigte. Der Vermieter ließ zwangsräumen.

80 Anklagepunkte, 24 Ordner Unterlagen, 6200 Seiten Akten

Der Chef stellte keinen Insolvenzantrag, obwohl er es längst hätte müssen. Gegenüber einem Baustofflieferanten in Alfdorf übernahm seine Gattin eine Bürgschaft in Höhe von rund 180 000 Euro für aufgelaufene Rechnungen, er gab damit also ein Zahlungsversprechen ab, die Situation der Firma falsch darstellend und wohl wissend, dass er diese Schulde nicht würde begleichen können. Als Sicherheit wurden Immobilien der Frau in Stuttgart und Spanien angegeben, obwohl diese bereits hoch belastet waren. Als der Lieferant schließlich drohte, ihn zu verklagen, fiel am Telefon der eingangs genannte Satz, objektiv eindeutig eine Nötigung, die vom Gericht nur deswegen nicht geahndet wurde, weil nicht klar war, ob der, dem sie galt, und der im Prozess als Zeuge aussagte, sie damals als wirkliche Drohung empfunden hatte. Immerhin bekam der Händler im Wege eines Vergleichs noch die Hälfte des Warenwerts bezahlt.

In der Verhandlung gab es nach der Verlesung der ellenlangen Anklage mit rund 80 Punkten, unterfüttert mit 24 Ordnern Ermittlungsunterlagen und einem Karton mit 6200 Seiten Akten, eine Unterbrechung für eine nichtöffentliche „informelle Beratung“, laut Richter ausdrücklich keine „Verständigung“.

Der Angeklagte räumte im Anschluss alle Vorwürfe ein, legte ein umfassendes Geständnis ab. „Mir ist bewusst, dass die letzte Stunde für mich geschlagen hat.“ Er hoffe nur, nicht ins Gefängnis zu müssen, also mit einer Bewährungsstrafe davonzukommen.

Für die Kripo „ein alter Bekannter“

Der Mann hat einen Hauptschulabschluss, absolvierte eine Kfz-Lehre und arbeitete auf Montage im Messebau, ehe er sich in den 90ern als Dachdecker selbstständig machte. Sein Blick zurück: „Heute sage ich, wenn ich es könnte, würde ich es anders machen.“ Er sei von der Arbeit „besessen“ gewesen, habe aber nicht begriffen, „dass ich das Kaufmännische nicht kann“. Die Pleiten hätten seiner Gesundheit massiv geschadet, seine Ehe sei zeitweise auf der Kippe gestanden. Er habe seine Lehren gezogen, nämlich nie mehr eine Firma leiten zu wollen.

Seine Einsicht komme reichlich spät, zumal er nicht nur einmal Schiffbruch erlitten habe, hielten ihm Ankläger und Richter vor. Er habe es nicht wahrhaben wollen, aber auch nie die Absicht gehabt, seinen Betrieb bewusst an die Wand zu fahren, beteuerte der Angeklagte.

Der Angeklagte ist mehrfach, auch einschlägig vorbestraft, bekam aber bisher stets Bewährung. Für einen Kripobeamten aus Waiblingen, aus dem Dezernat für Wirtschaftskriminalität, der im Prozess als Zeuge aussagte, ist er seit vielen Jahren „ein alter Bekannter“ beziehungsweise, „bekannt dafür, dass er die Dinge nicht richtig abwickelt“.

Für den Ankläger wirkte das Geständnis des Angeklagten, dessen „Umdenken“, glaubhaft. Man müsse auch bedenken, dass er immer jemanden gefunden habe, „der das Spielchen mitgemacht hat“. Außerdem habe er sich um Schadenswiedergutmachung bemüht. Strafverschärfend sei allerdings sein Vorstrafenregister, mittlerweile sei man bei der vierten Insolvenzverschleppung. Der Richter begründete das „Nein“ zu einer weiteren Bewährung auch mit der langen Dauer der Verschleppung, insgesamt über zwei Jahre. Der Angeklagte sei da nicht „reingeschlittert“, habe eine nicht geringe kriminelle Energie an den Tag gelegt, sein Vorgehen zeige ein „gewisses System“. Die erste Haft werde für ihn sicher ein Schock, das Urteil sei angesichts des vom ihm angerichteten erheblichen Schadens gleichwohl milde.