Berglen

Der Bildhauer Michael Schützenberger stellt bei Streich eine Steinskulptur auf

Schützenberger
Schützenberger und sein Kollege Hans-Peter Östermann (etwas verdeckt) beobachten mit Argusaugen das heikle Manöver. © Gabriel Habermann

Der Künstler als Handwerker. So eine Großskulptur muss schließlich, wenn sie im öffentlichen Raum aufgestellt werden soll wie diese, sicher stehen. Sie braucht ein Fundament, einen Sockel, erst recht, wenn sie wie „Großer Geist und Mensch“ fast zweieinhalb Meter hoch ist und über zwei Tonnen schwer. Vor allem benötigt sie erst einen Standort. Ihrem Erschaffer, dem Bildhauer Michael Schützenberger, ist es gelungen, dafür den Besitzer einer geeigneten Fläche bei Streich zu gewinnen.

Geeignet, weil die Skulptur in einem idyllischen Ensemble aus Schuppen und Bäumen steht. Ihre beiden Figuren sind Richtung des gegenüberliegenden Friedhofs gewandt, die Skulptur steht nicht weit von der Straße, aber wiederum nicht so nahe, dass Autofahrer von ihr abgelenkt werden. Sie steht nahe einer Kreuzung und auf einer Anhöhe, auch das beides wichtig, kein Zufall. Vor allem steht sie aber so, dass sie künftig den „Eingang“, das „Tor“ zu Streich bildet. Das ist der Gedanke von Schützenberger. Er will dem Ort, in dem er seit langem lebt, der zu seiner Heimat geworden ist, damit ein Geschenk machen. Wobei sein eigenes Anwesen dort die Mitte des kleinsten aller Berglener Orte sei. „Dort sind schon sowieso Figuren von mir.“

Das Kunstwerk stand vorher viele Jahre in Waiblingen

Die Skulptur wurde nicht erst zu diesem Anlass geschaffen. Sie entstand 1992 bei einem Bildhauersymposium in Erfurt, stand 1995 vor dem Kameralamt in Waiblingen und von 1996 bis 2019 vor der dortigen Polizeidirektion. 2019, zum 60. Schützenbergers, wurde sie vor dem Druckhaus Waiblingen aufgestellt. Nun wird sie also „zurückgeführt“, wie ihr Erschaffer sagt.

Aber dazu braucht es viel Mühe, ja Schweiß. Schützenberger hat für die halbstündige Überfahrt einen Spezialisten beauftragt, samt Pritschenwagen mit Auslegern für dessen Standsicherheit und Kran für die schwere Last. Er hat den Kollegen und Freund Hans-Peter Östermann aus Rommelshausen als Helfer, der sein Atelier auf dem Bildhauerhof Schützenbergers hat. Es gilt zunächst, das Kunstwerk aus Rochlitzer Porphyr (Tuff) sicher vom Wagen auf den Sockel zu bringen. Behutsam wird sie dorthin manövriert und so, dass niemand unter die schwebende Last kommt. Sollte die auf einen abstürzen, dann hätte derjenige „nie wieder Kopfschmerzen“, so Schützenberger mit Wiener Schmäh. Anfängliche Zweifel, ob der Kranausleger für die Überbrückung ausreicht, verfliegen. Die Stellen werden anvisiert, wo die Skulptur im Sockel mit Metallhülsen verankert werden soll. Die Hilti kommt zum Einsatz für die Bohrlöcher, den Strom, spendet, über ein dorthin verlegtes Kabel, ein naher Bauwagen.

Feingeist Schützenberger geht unerschrocken zu Werke, zeigt, dass Bilderhauerei auch handwerklich ist, lässt sich aber auch gerne helfen, ist für jeden Rat dankbar und kann über seine eigene Schusseligkeit frotzeln: „Dös wär a Sach. I hoab dafür oifach koa Aug, i sieh des ned.“ Zwischenzeitlich sind auch die Finger mal in Gefahr, dicht unter den zwei Tonnen, es geht gut aus, „mit Gottvertrau’n in d’ Technik. Wenn die jetzad da drunterbringst, brauchst koane Handschuh mehr.“ Bohren im leicht bröselnden Porphyr oder im harten Beton: „Isch scho anders.“ Möglichst senkrecht, so dass die Figur neigungslos dasteht. Es gebe Kollegen, die könnten das bewundernswert gut, gibt sich Schützenberger neidfrei, und es gebe auch Kernbohrer mit integrierter Wasserwaage, „aber die muaß ma sich erst amol leista kenna“. Es wird noch ein hartes Stück Arbeit, Hartnäckigkeit ist gefragt, Schützenberger kommt nicht drum rum, auch noch eigenhändig Speis zu machen, er hat dafür vorsorglich alles dabei. Mörtel soll die paar Millimeter Lücke, die schließlich zwischen Grundfläche der Skulptur noch bleiben, und dem Sockel ausgleichen. Auch da ist er nicht pingelig, die graue Masse am Fuß verschandele das Kunstwerk keineswegs. Er füllt allerdings nicht komplett auf, sondern nur rundrum am Rande. Figur und Sockel sollen nicht miteinander so verbunden werden, dass man sie auf ewig nicht mehr trennen kann.

Feierliche Enthüllung mit Musikuntermalung am Sonntag

Die Skulptur wird am Sonntag öffentlich „enthüllt“, in kleinem feierlichen Rahmen, mit etwas musikalischer Untermalung, um 11 Uhr. Es ist auch der Tag der Bundestagswahl. Schützenberger ist so frei, ihm als Österreicher sei das „eh wurschd“ , zumal er zwei Tage vorher Geburtstag hat. Aber gut: „An dem Tag wird also nicht nur die Politik ihr Geheimnis lüften.“ Was will, was soll uns sein Kunstwerk sagen? Die Verbundenheit des Menschen mit der Natur ausdrücken, so Schützenberger: „Dass wir ihr nicht entkommen.“ Das Kunstwerk besteht aus einem Paar, dessen beide Figuren sehr unterschiedlich groß sind. Die kleine im Vordergrund ist eine menschliche Gestalt. Schützenberger kommt auf seine bekannte Minotaurus-Skulptur am Stadteingang von Winnenden aus Richtung Höfen/Birkmannsweiler zu sprechen. Bei der gebe es eine starke sexuelle Komponente, bei der Streicher eine intellektuelle, die große Figur symbolisiere den Geist. Eine Dualität zwischen dem und der Natur lässt er nicht gelten, betont: „Das ist die Natur.“ Kann eine Skulptur die Natur, den Geist überhaupt materialisieren? Schützenberger muss lächeln: Ja, das sei doch gerade ihr „Angebot“, sei es schon immer gewesen: „Kunst schafft Sinnbilder.“

Er will mehr schaffen. Ein Streicher Skulpturenpfad schwebt ihm vor. Die Skulptur jetzt soll der Eingang, der Beginn eines künstlerisch bereicherten Panoramawegs werden. Um ihn zu verwirklichen, brauche es die ausdrückliche Zustimmung der Bevölkerung. „Das können nicht wie früher noch einige Stadträte entscheiden.“ Er geht davon aus, dass es auf privaten Flächen möglich ist, Interessenten hätten sich schon gemeldet. Auf öffentlichem Grund werde es schwierig, das zeigten ihm seine langjährigen Erfahrungen mit Behörden. Auch in Korb sei es so gewesen, dass erst, als der Erfolg da war, Verwaltungen mit-, beziehungsweise nachgezogen hätten. „Ich weiß aber, dass es auch dort Leute mit Kunstverständnis gibt.“ Der Skulpturenpfad könne ein Standortfaktor werden wie „Streich brennt“, die Gemeinschaftsveranstaltung der dortigen Brennereien, die Besucher in Scharen von weither anlockt. Er brauche in jedem Fall Unterstützung, nicht zuletzt mit Maschinen und Fahrzeugen, erst recht, wenn es ein Pfad über ganz Berglen verteilt werden sollte. „Das ginge weit über meine Kräfte hinaus.“

An den Skulpturen selbst aber werde es auf jeden Fall nicht scheitern. Zu seinem Werk mit etwa 700 Figuren gehören rund 30 Großplastiken. Etwas weniger als die Hälfte ist in fremden Händen, über die anderen könnte er also verfügen. Seine Werke sind weit verstreut, stehen etwa am Ossiacher See in Kärnten, in Wien, in Dresden, in Waiblingen, in Winterbach, in Stuttgart. Alle eint aber, dass sie sehr schwer sind, ihre „Versetzung“ wäre eine logistische Herausforderung, eine Aufgabe für einen Herkules, in der Sprache des Bildhauers.

Der Künstler als Handwerker. So eine Großskulptur muss schließlich, wenn sie im öffentlichen Raum aufgestellt werden soll wie diese, sicher stehen. Sie braucht ein Fundament, einen Sockel, erst recht, wenn sie wie „Großer Geist und Mensch“ fast zweieinhalb Meter hoch ist und über zwei Tonnen schwer. Vor allem benötigt sie erst einen Standort. Ihrem Erschaffer, dem Bildhauer Michael Schützenberger, ist es gelungen, dafür den Besitzer einer geeigneten Fläche bei Streich zu

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