Berglen

Der neue Vorstand des KTSV Hößlinswart schlägt Alarm

KTSV Hößlinswart
Jürgen Quetschlich, Nicole Hennecke und Jürgen Spies (v.l.) wollen im Verein das Ruder herumreißen. © Alexandra Palmizi

Die Lage ist dramatisch. Dem KTSV Hößlinswart geht’s schlecht. Der neue Vorsitzende Jürgen Quetschlich, der den langjährigen KTSV-Chef Dieter Beck abgelöst hat, sagt gar: „Der Verein stirbt.“ Wenn der nicht dagegen tut. Der neue Vorstand, zu dem auch der neue zweite Vorsitzende Jürgen Spies und die neue Kassiererin Nicole Hennecke gehören, zeigt sich wild entschlossen, den Abwärtstrend zu stoppen, ihn möglichst umzukehren.

Beim Pressegespräch im Vereinsheim, wie die Wende gelingen könnte, verweist Quetschlich zunächst auf das, was auch die neue Führungsmannschaft nicht ändern kann: Die „natürliche“ Ausgangslage, dass nämlich der KTSV mit seinem Vereinsgelände ebenso an der Peripherie liegt wie Hößlinswart selbst. Das Einzugsgebiet erstreckt sich kaum über den Ort selbst hinaus, allenfalls noch bis ins nahe, oberhalb gelegene Rohrbronn. Zum andern aber gibt es in Berglen einen anderen Sportverein, mit einem breitgefächerten Angebot und einer Qualität, gegen den der KTSV nicht anstinken könne, räumt Quetschlich neidfrei voller Anerkennung ein, den SSV Steinach-Reichenbach. Er verweist auf dessen tolle Jugendarbeit, nicht von ungefähr, wie sich gleich herausstellen wird.

Der Unterschied beginnt schon mit der geringeren Zahl an Abteilungen. Beim KTSV gibt es „nur“ Fußball, Tennis und Sportschießen. Das ganz große Problem des Vereins ist aber: Ihm fehlt der Nachwuchs. Er hat deshalb keine Jugendmannschaften mehr. Kann also Kinder und Jugendlichen nicht locken mit Wettkämpfen gegen andere. Damit fehlt der Anreiz zum Training. Die Folgen für den Verein sind verheerend. Auch bei den KTSV-Schützen sieht es nicht anders aus, berichtet Spies, selbst einer. Die „letzten“ Jugendlichen dort seien mittlerweile um die 20 oder älter. Hinzu komme, dass der Sport nicht mehr populär sei, ein schlechtes Image habe, erst recht im Großraum Winnenden seit dem Amoklauf, und dass die Ausrüstung, um den Sport ausüben zu können, relativ aufwendig sei. Jedes zweite Jahr sei eine Mannschaft weniger gemeldet worden. Corona habe auch nicht gerade geholfen, lange habe man nicht trainieren können und nach dem Neustart habe man erst mal die Verbliebenen wieder einsammeln müssen.

Kein Kindergarten und keine Schule mehr im Ort

Seit einigen Jahren hat der KTSV keine Jugendfußballmannschaften mehr, nachdem man sich vorher mit Spielgemeinschaften über Wasser gehalten hatte. Nicht besser sieht es beim Tennis aus. „Den zwei, drei Jugendlichen, die kommen und interessiert sind, können wir ja nichts anbieten“, bringt Quetschlich die Misere auf den Punkt.

Er ist mit seiner Familie 2009 hergezogen, erinnert daran, dass es in der Zeit kaum Kinder und Jugendliche im Ort gab. Mittlerweile sei es seiner Einschätzung nach so, dass Hößlinswart eigentlich wieder einen eigenen Kindergarten bräuchte. Schon Ende der 90er Jahre habe es fast keinen Nachwuchs im Ort gegeben, erinnert sich Nicole Hennecke und daran, dass der Kindergarten und die Schule deswegen aufgegeben wurden. Das Problem sei aber, dass Kinder mit ihren Schulkameraden spielen und auch Sport treiben wollen, die Schulstandorte in Berglen seien aber in Steinach und Oppelsbohm, so Quetschlich. Die Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche einfach zu Fuß oder mit dem Rad hoch zum KTSV gekommen sind, die seien längst vorbei, bedauert Spies. Das ist die andere Seite der „Randlage“, so idyllisch die auch ist.

Wanderer, Radler, Nordic Walker sollen gelockt, an den Verein gebunden werden

„Wir wollen nicht nur das Ruder rumreißen, wir müssen es“, betont Quetschlich. Das werde man aber nur mit dem sportlichen Angebot alleine nicht schaffen. Anders gesagt: Er und seine Mitstreiter wollen das „K“ im Vereinsnamen stärken, setzen auf die Kultur, im weitesten Sinne. Das sei die einzige Chance, um den Verein wieder attraktiv zu machen. Natürlich soll die Kabarettreihe weiterlaufen. Er sieht darüber hinaus Ansätze, dass es gelingen könnte. Der Verein hat eine eigene Halle, die er das ganze Jahr über „bespielen“ kann. Sein Gelände liegt abseits, aber eben inmitten der Natur. Dort kommen ständig Spaziergänger, Wanderer, Radler, Nordic Walker vorbei. Man könne versuchen, die an den Verein zu binden, mit Lauf- und Radtreffs etwa, die von dort starten und nachher dorthin zurückkehren. Und deren Teilnehmer dann in der Vereinsgaststätte einkehren. Mit der Pächterin, die nach langer Zeit ständiger Wechsel diese seit einigen Jahren erfolgreich betreibe. Mit einem Fahrradparkplatz, der vorbeikommenden Radlern sage, damit locke: „Hier ist was los“. Apropos Radfahrer: Man müsse die Chance nützen, die sich Hößlinswart, dem KTSV, durch den nun durchgehend asphaltierten Radweg zwischen Steinach und Rohrbronn biete. Die bestehenden beiden Gymnastikgruppen und die Wandergruppe sollen gestärkt, beim „Neustart“ genutzt werden. Nicole Hennecke denkt an einen monatlichen Tanzabend. Daran, dass der Verein dringend einen modernen Internetauftritt, eine ansprechende Homepage, brauche.

Augenmerk mehr auf den Gesundheits- und Breitensport

„Wir bekommen keine neuen Mitglieder mehr für unsere bisherigen spezifischen Abteilungen“, bekräftigt Spies Quetschlichs Ansatz, das Augenmerk künftig auf den Gesundheits- und Breitensport zu richten, das KTSV-Gelände zu einem „großen Freizeitzentrum“ auszubauen: „Wir müssen den Leuten etwas anbieten, damit sie hier Mitglieder werden.“ Eine Idee sei, für Ältere eine Boule-Bahn anzulegen. Oder, das habe schon Beck lange vorgeschwebt, ein Beachvolleyballfeld. Oder ein Platz für Pickleball, eine Art Kleinfeldtennis, eine Trendsportart in den USA. Oder Fußballtennis auf den Tennisplätzen, wenn dort die Freiluftsaison vorbei ist. In der Nähe trainiere eine Hundeschule, die könne vielleicht in den Verein integriert werden. Man brauche abteilungsübergreifende Angebote und solche, die die Mitglieder der Abteilungen wieder mehr zusammenbringe.

Das Problem des KTSV ist nicht die bloße Mitgliederzahl an sich, die sei etwa konstant, man könnte aber auch sagen, sie stagniert. Es ist die Altersstruktur. Der Verein ist überaltert. Der Komplettausfall des Jugendbereichs räche sich auch bei den Aktiven, so Quetschlich. Es fehle damit nämlich die Bindung an den Verein. Dann spielten nur noch „Legionäre“ in der Mannschaft, die nur zum Training und zu den Spielen kommen. Zumal Jugendliche heutzutage andere Interessen, viele andere Angebote für ihre Freizeit hätten, so Spies.

Ihr Engagement in allen Ehren, aber warum soll der KTSV überhaupt überleben, wenn es doch in Berglen einen anderen, erfolgreich agierenden, sehr gut aufgestellten Verein gibt, wie sie selbst einräumen, eben den SSV? Die Frage verärgert sie nicht und überrascht sie auch nicht. Es wirkt, als hätten sie diese erwartet. Sie haben Antworten. Quetschlich reagiert prompt mit einer Gegenfrage: „Was gibt es denn noch in Hößlinswart, wenn es den KTSV nicht mehr gibt? Dann ist der Ort doch endgültig tot!“ Es folgt eine Aufzählung, was es in Hößlinswart alles nicht mehr gibt. Er und seine Familie seien damals sehr herzlich aufgenommen worden, seien bald integriert gewesen. „Der KTSV ist unser zweites Wohnzimmer geworden.“ Nicole Hennecke sagt dazu: „Den Verein gibt es seit 110 Jahren!“ Dass er überlebt, das sei man auch „unserem Dieter“, dessen unglaublichen Verdiensten um den KTSV, schuldig. All das hier „oben“ gäbe es ohne Beck gar nicht, so Quetschlich, Bezug nehmend auf die enormen Eigenleistungen des Vereins über viele Jahr hinweg an der Entstehung, dem Ausbau und dem Erhalts des Vereinsgeländes, dem maßgeblichen Anteil Becks daran.

Sie wollen den Ort aufrütteln, jeden dort erreichen

„Wir wollen den Ort aufrütteln“, beschreibt Spies die Motivation, „so viele wie möglich erreichen, dass jeder sieht, erkennt, dass er was tun muss.“ Die Hößlinswarter also hinterm Ofen hervorlocken, ergänzt Quetschlich. Er erinnert an die Bärenstraßenfeste, die nicht gerade Publikumsrenner waren: „Da saßen mehr Leute in der Kirche dort.“ An die Ausfälle des beliebten und weit über Hößlinswart hinaus bekannten Eselrennen, der 1. Mai-Feier, damit seien dem Verein Einnahmen verlorengegangen. Immerhin: Die Wintersonnwendfeier im Dezember ist geplant.

Die Lage ist dramatisch. Dem KTSV Hößlinswart geht’s schlecht. Der neue Vorsitzende Jürgen Quetschlich, der den langjährigen KTSV-Chef Dieter Beck abgelöst hat, sagt gar: „Der Verein stirbt.“ Wenn der nicht dagegen tut. Der neue Vorstand, zu dem auch der neue zweite Vorsitzende Jürgen Spies und die neue Kassiererin Nicole Hennecke gehören, zeigt sich wild entschlossen, den Abwärtstrend zu stoppen, ihn möglichst umzukehren.

Beim Pressegespräch im Vereinsheim, wie die Wende gelingen

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