Berglen

Große Aktion in Berglen: Warum Apfelbäume von Misteln befreit werden müssen

Misteln
Ehrenamtliche haben am Samstag 300 mit Misteln befallene Obstbaumäste abgesägt. © ALEXANDRA PALMIZI

Einen Tag lang in die Baumkronen steigen und klebrige Parasiten raussägen - da weiß man abends, was man geschafft hat. „Es ist schweißtreibender, als man zunächst denkt“, sagt Diethard Fohr aus Winnenden, der die Idee zur umfassenden Mistelaktion hatte. Er erklärt, warum sich etliche Helfer das mühsame „G'schäft“ angetan haben – und warum es nicht bei einer Aktion bleiben kann.

Die kugelförmigen Mistelbüsche setzen den Bäumen seit Jahren derart zu, dass Diethard Fohr und andere bereits warnen: „Wenn nichts getan wird, werden die Schmarotzer große Teile unserer typischen Streuobstwiesen ruinieren.“ Es mag Menschen geben, die sich einen Mistelzweig an die Tür hängen und ihre weihnachtliche Deko mit etwas frischem Grün aufpeppen. Im Spätherbst treibt die Mistel weiße, durchscheinende Beeren aus. Was am Haus nett aussieht, hat sich auf den Wiesen zu einem echten Problem ausgewachsen.

„Wenn wir nichts tun, steht hier in 20 Jahren kein Baum mehr“

„Die Mistelplage hat extrem zugenommen, wenn man sie nicht entfernt, steht hier in zehn bis 20 Jahren kein Baum mehr“, sagt Friedrich Müller vom Obst- und Gartenbauverein Reichenbach. Über Vögel gelange der Samen ans Ziel: Sie fressen in der nahrungsarmen Winterzeit die Beeren, putzen nach dem nächsten Landeanflug auf einem Baum ihren Schnabel, an dem noch Fruchtfleisch klebt, oder sie übertragen die Nährstoffe für den Mistelsamen mit ihrem Kot. Die Mistel ist ein Halbschmarotzer: Sie trinkt an den Wasserleitungen des Wirtsbaumes mit und versorgt sich so mit organischem Material; das Chlorophyll für die Fotosynthese erzeugt sie selbst. Insbesondere auf Apfelbäume hat sie es abgesehen. Hier habe sie leichtes Spiel, denn das weiche Holz biete ihren Saugwurzeln kaum Widerstand, die sie in den Stamm treibt. Birnen- oder Zwetschgenholz sei härter, so Friedrich Müller.

„Da müssen nun also auch die Eigentümer ran“, sagt Diethard Fohr, als nach den ersten Bäumen ersichtlich wird, wie viel Arbeit es ist, eine weitreichende Streuobstlandschaft wie die der Berglen mistelfrei zu bekommen. „Es zeigt sich, dass man trotz sehr hilfreicher Teleskop-Hochentaster langsamer vorankommt als gedacht.“

20 Helfer haben am Samstag über 300 Misteln geschafft. Fohr hat die Samen eines „Prachtexemplars“ gezählt und kommt auf eine drastische Zahl: „Wenn man im Schnitt 100 Samen pro Mistel annimmt, dann haben wir gestern 30 000 potenzielle Misteln beseitigt.“ Dabei war die Aktion am Samstag zwischen Steinach und Kottweil eher als Probedurchlauf gedacht.

Häckselplatz war für die Aktion den ganzen Tag geöffnet

„Erfreulich war, dass auch auf den Grundstücken ringsherum viele Besitzer Hand anlegten und am Häckselplatz reger Andrang der Ablieferer herrschte“, so Diethard Fohr. Unterstützung und Beratung kamen vom Landratsamt und von der Gemeinde. Die Beratungsstelle für Obst- und Gartenbau habe zu Vorbesprechungen Mitarbeiter entsandt. Berglens Bürgermeister Maximilian Friedrich habe dafür gesorgt, dass der Häckselplatz ganztägig geöffnet ist. Die Gemeinde habe zudem eine Unfallversicherung für die Helfer abgeschlossen, die teilweise abenteuerlich hoch steigen müssen. Die akkubetriebenen Hochentaster erwischen Äste in bis zu drei Metern Höhe. Manchmal haben sich die Mistel-Biester noch weiter oben ausgebreitet. Viele der alten Bäume bringen es auf fünf Meter oder höher, das müssen sich die Helfer über Leitern erklettern.

Viele Baumkronen sind so stark befallen, dass sie bis aufs Astgerippe gestutzt werden, bei einigen Exemplaren muss sogar das obere Ende des Hauptastes oder die gesamte Krone abgesägt werden. Durch diese sehr einschneidende Rettungsmaßnahme kann der Baum Schaden nehmen und mit der Zeit absterben, darum haben sich die Organisatoren von den Eigentümern die Erlaubnis eingeholt, ihre Grundstücke mistelfrei zu bekommen.

Früher habe sich das Mistelproblem im natürlichen Jahresverlauf von selbst erledigt, erklärt Friedrich Müller. „Die Bauern haben regelmäßig ihre Stückle und Äcker gepflegt, da wurden die Obstbäume automatisch mitgepflegt.“ Heute zeigen sich in der Streuobstlandschaft vermehrt brachliegende Grundstücke. Dadurch hat die Mistel freie Bahn - im streuobstreichen Berglen war sie besonders erfolgreich. Ohne menschliche Hilfe sei der Wildwuchs nicht im Zaum zu halten.

Mitmacher gesucht

Der nächsten Mistelaktionstag in Berglen ist am 13. Februar von 9 bis 16 Uhr. Freiwillige melden sich bei Diethard Fohr,07195/941930, E-Mail mistelaktion2020@aol.com oder direkt bei den örtlichen Projektleitern: Bretzenacker/Oberweilerhof07181/2544574 und 07195/74117, Hößlinswart 07181/41949, Ödernhardt 07181/5700822, Öschelbronn 07195/71860, Oppelsbohm 07195/75822, Reichenbach 07195/74570, Rettersburg 0171/5737807, Steinach/Kottweil 07195/71095, Streich 07181/43736, Weißbuch 07181/605022. Für Leutenbach gibt's eine Aktion am 27. Februar. Jederzeit können und sollen private Stücklesbesitzer die Misteln aus ihren Bäumen schneiden. 

Einen Tag lang in die Baumkronen steigen und klebrige Parasiten raussägen - da weiß man abends, was man geschafft hat. „Es ist schweißtreibender, als man zunächst denkt“, sagt Diethard Fohr aus Winnenden, der die Idee zur umfassenden Mistelaktion hatte. Er erklärt, warum sich etliche Helfer das mühsame „G'schäft“ angetan haben – und warum es nicht bei einer Aktion bleiben kann.

Die kugelförmigen Mistelbüsche setzen den Bäumen seit Jahren derart zu, dass Diethard Fohr und andere

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper