Berglen

Hochbetrieb bei Friseur Giovanni Cafaro in Oppelsbohm, wenige Tage vor der Schließung

Friseur_Oppelsbohm
Giovanni Cafaro in seinem Oppelsbohmer Friseursalon „GC“. © Benjamin Büttner

Das Telefon klingelt jetzt öfter als sonst in den vergangenen Wochen beim Friseur. Viele Kunden wollen auf den letzten Drücker einen Termin, falls noch diese oder Anfang nächster Woche eine neue Corona-Verordnung erlassen wird. Müssen die Salons wegen zu hoher Infiziertenzahlen schließen, ist das Haareschneiden nicht mehr erlaubt. Dann heißt die Devise für so manchen wieder, wie im März und April: wachsen lassen, Zöpfe flechten, mit Haargel bändigen – oder ein Laie aus dem eigenen Haushalt oder Freundeskreis greift, mit meist zweifelhaftem Ergebnis, zur Schere. „Die Leute kriegen so langsam Panik“, stellt Giovanni Cafaro fest. Sein nach seinen Initialen G und C benannter Salon befindet sich in Berglen-Oppelsbohm an der Johann-Sebastian-Bach-Straße 8, erst Mitte Juli dieses Jahres, vor fünf Monaten, hat er aufgemacht. Zurzeit ist er ausgebucht.

Nur wenige Infizierte in Berglen, ist die Salonschließung gerecht?

„Die Gemeinde Berglen hat noch keinen Alarm geschlagen, aber die Zahlen sprechen ja für sich“, sagt Giovanni Cafaro. Er jammert nicht und verweist auch nicht auf die niedrigen, einstelligen Infiziertenzahlen in der kleinen Gemeinde, die sicher nicht so arg zum kreisweiten und für die Friseurschließungen ausschlaggebenden Inzidenzwert von 200 Infizierten pro 100 000 Einwohnern, drei Tage nacheinander, beitragen. Cafaro weiß, dass alles zusammenhängt und für alle das Gleiche gelten sollte. „Meine Kunden kommen ja nicht nur aus Berglen, auch aus Winnenden, Backnang und Stuttgart, wo ich gearbeitet habe, bevor ich nach München gegangen bin.“ Dort war er Friseur-Trainer für die Firma L’Oreal und ihre Produkte, in München und teilweise in ganz Deutschland unterwegs.

Chef Cafaro ist bereit zu Mehrarbeit, solange man ihn lässt

Der Chef zweier Mitarbeiterinnen wird in seinem ersten eigenen Salon so lange arbeiten, wie man ihn lässt. „Wenn ich am Freitag, Samstag und Montag noch öffnen darf, biete ich auch da Termine an.“ Klassischerweise haben viele Friseure montags zu, Giovanni Cafaro ist zu Ausnahmen und Überstunden in Sondersituationen wie diesen bereit. „Lieber fange ich jetzt viel auf, um für die Gehälter und die Fixkosten einen Puffer zu haben.“ Und auch den Kunden fühlt er sich verpflichtet, die ihn als den Neuen, der aus der Großstadt in die Provinz gekommen ist (und in Winnenden wohnt), gerne angenommen haben. „Von daher habe ich alles richtig gemacht. Mit meinen Kunden habe ich die ganze Zeit ein gutes Gefühl gehabt, sie helfen mit, dass alles in Ordnung geht.“ Wer sich verschönern lassen will, muss vom Parkplatz vor dem Geschäft bis zum Verlassen des Salon-Vorplatzes nach dem Haarschnitt eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen. Auf Dienstleistungen wie Wimpernfärben, Augenbrauenfärben oder -zupfen muss ganz verzichtet werden, Maniküre auch, aber die ist sowieso nicht im Angebot bei „GC“. Rasieren und Barttrimmen geht, nur nicht die Nassrasur, dafür müsste man ja die Maske abnehmen. Die Kunden haben volles Verständnis.

„Doch was mich und sicher auch viele andere nervt, ist die Unsicherheit.“ Giovanni Cafaro weiß, dass man sie nicht abstellen kann, für alle ist die Situation eine nie da gewesene. Dennoch wünschte er sich mehr Sicherheit, einen Zeitplan für die einschränkenden Maßnahmen: „Die Kunden rufen an, und ich kann ihnen keine Antwort geben. Das macht mich nervös.“ Und wenn er nervös werde, dann trete sein von beiden Eltern mitgegebenes italienisches Temperament zutage, ergänzt er lachend und macht die typisch fächelnde Handbewegung.

Glücklich sind Kundinnen, die ihren Termin vor Wochen vereinbarten

„Ich bin ein Italo-Schwabe, hier geboren und aufgewachsen“, erzählt er, während er systematisch Strähne für Strähne die Haare einer Kundin mit Farbe bestreicht und in Alufolie einschlägt. „Mein Ausbilder war Reiner Sauter in Stuttgart“ – er war der Udo Walz der Landeshauptstadt, wenn man so will, inzwischen ist er ein hohes Tier beim Haarproduktehersteller Wella.

Gleich ist die Kundin fertig, und während die Farbe in ihr Haar einwirkt, kommt die nächste dran, ihre Freundin. War’s schwer für die zwei, den Termin am Mittwochnachmittag zu ergattern? Das nicht, sagen die jungen Frauen. Weil sie sich nämlich schon vor vier Wochen Gedanken gemacht haben, dass sie vor Weihnachten noch mal schön sein wollen. Das nennt man hervorragende Planung. Und was ist mit jenen, die nun nicht mehr zum Zuge kommen? Giovanni Cafaro ist ein Stück weit Optimist: „Ich bin guter Hoffnung, dass die Friseurschließung nur für ein paar Tage ist. Und wenn nicht, kann ich Kundinnen auf Wunsch ihre Haarfarbe für zu Hause mitgeben.“

Das Telefon klingelt jetzt öfter als sonst in den vergangenen Wochen beim Friseur. Viele Kunden wollen auf den letzten Drücker einen Termin, falls noch diese oder Anfang nächster Woche eine neue Corona-Verordnung erlassen wird. Müssen die Salons wegen zu hoher Infiziertenzahlen schließen, ist das Haareschneiden nicht mehr erlaubt. Dann heißt die Devise für so manchen wieder, wie im März und April: wachsen lassen, Zöpfe flechten, mit Haargel bändigen – oder ein Laie aus dem eigenen Haushalt

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