Berglen

Mundarttheater in Berglen

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Stefan Österle erzählt die Biografie des Mundartdichters Sebastian Blau. © Habermann / ZVW

Berglen. „Affadaggl“ und Bachel und Seggel, „Grabbawiaschda“ und „Schloifschell“, und deren weibliche Pendants – so klang der Abend mit „Dein Theater“. Schauspieler Stefan Österle haut die Litaneien gröbster Schimpfwörter aus des Sebastian Blaus Feder so rasend schnell raus, dass der Spaß am Unflat-Vokabular, die Lust am Lästern, eines der Hauptmotive für jeden Dialekt, deutlich spürbar wird.

Und selbst Urschwaben unter den Zuschauern in Oppelsbohm verstehen womöglich nicht jedes Wort, weil sich Österle des Rottenburger Schwäbischen bedient, Blaus heimatlicher Mundart.

Aber so viel wird wohl jedem sehr schnell klar: Keiner kannte sich in „Schwäbisch als Hochkultur“ besser aus als Sebastian Blau, Gründer und Herausgeber der Stuttgarter Zeitung, keiner konnte Mundart einerseits derber, andererseits subtiler. Und kaum einer wusste mehr von den Schwaben. Das Ensemble „Dein Theater“ stammt aus Stuttgart und ist insofern nur zweite Wahl für das Werk Sebastian Blaus, des in Rottenburg geborenen und ein ganz spezielles Schwäbisch schwätzenden Mundart-Meisters. Doch diese Dialekt-Distanz machen die Schauspieler Stefan Österle und Anja Meuschke in der Nachbarschaftsschule sehr gut wett.

Im ersten Teil des Abends über den „Zauber der Mundart“ kommt Biografisches über Josef Eberle alias Sebastian Blau zur Sprache. Österle, in Mütze, rotem Hemd und erdbrauner Hose wolle „ein Plädoyer für eine aussterbende Sprache“ halten, die von Schiller, Hegel, Hesse, Daimler. Lauter Leute, die es hierzulande zum Teil nicht lange ausgehalten haben, denn, so Blau, „für Genies isch’s Ländle zu kloi“.

Doch dies nur angeblich und nur scheinbar, denn auch wenn einst ein Germanist festzustellen meinte, der Schwabe spreche „im Tone eines fortschreitenden Erstaunens“, und seine maulfaule Mundart habe „die Schonung der Sprechwerkzeuge“ zum Ziel, so lassen Österle/Blau einen ganz anderen Schluss zu: Trotz - oder wegen? - eines verknappten Vokabulars und einer geradezu lasziven Lakonie bringt das Schwäbische die Dinge wunderbar pointiert auf den Punkt. Keine Rede von sprachlicher Verarmung. Schon allein die endlos vielen (Schimpf-)Wörter über Mann und Frau, mit denen Österle glänzen kann, beweisen ja das Gegenteil.

Manchmal brabbelt er komplett unverständlich, zumindest für den Berichterstatter mit westfälischem Migrationshintergrund. Etwa wenn Österle in den Tonfall eines alten Weibes fällt und mit hoher Stimme, wohl als Rottenburger Großmütterle, dem Enkelkind die Leviten liest. Dann bleibt immerhin der Sound des Schwäbischen erhalten, wenn auch der Sinn im Dunkeln bleibt.

Die schwäbischen Liebesbriefe verstehen selbst Mundart-Migranten

Aber ist nicht Mundart bisweilen auch dann noch präzise, wenn allein ihr Klang Bedeutung trägt? Weiß nicht jeder, selbst ein Berliner oder Sachse, beim Hören des Wortes „Siach“, dass es sich um nichts Vornehmes handeln kann? Jedenfalls wusste Sebastian Blau durch seine Sprache jeden denkbaren Sachverhalt auch Mundart-Migranten zu verdeutlichen, wie im zweiten Teil in der szenischen Story von Alois (Stefan Österle) und Paula (Anja Meuschke), einer „schwäbischen Liebesgeschichte in Briefen“. Er daheim auf dem Dorf am Wirtshaustisch, sie im fernen Stuttgart in guter Hoffnung, aber nach weiterem Fehltritt ohne heiratswilligen Kindsvater, wie eine Beichte in Versen, offenbart. Am Ende wird alles gut, die jungen Leute werden getraut – und jeder Berliner oder Sachse versteht ganz genau, um was es hier geht. Weil Eberle/Blau nicht nur viel von Mundart wusste, sondern noch mehr vom Menschen, aus dem Ländle oder sonst woher.