Berglen

Selbstgekochtes aus dem Karton: Wie die Wirtsfamilie der "Rose" in Vorderweißbuch während Corona über die Runden kommt

Rose Vorderweißbuch
Viola und Kurt Ehmann in ihrer zur Abholstation umfunktionierten Gaststube. © Benjamin Büttner

Der Gastronomie geht’s schlecht, auch die „Rose“ in Vorderweißbuch durchlebt eine schwere Zeit. Die schwäbische Landgaststätte, für ihre urige, familiäre Atmosphäre und ihr gutes Essen zu bezahlbaren Preisen weit über Berglen hinaus bekannt, hat bis zum Corona-Lockdown im Frühjahr Gäste auch etwa aus Stuttgart und Ludwigsburg nach Berglen gelockt. Anders als fast alle anderen Lokale, die es bis dahin überlebt hatten, haben Kurt und Viola Ehmann aber nach der ersten Schließung das Lokal nicht wieder aufgemacht, sondern sind beim „Essen to go“ geblieben.

Der einzuhaltende Sicherheitsabstand hätte in der ohnehin engen Gaststube zu einer Halbierung der Zahl der Tische und damit auch der Gästezahl geführt, so dass, wenn man auch noch die Einhaltung der Hygienevorschriften dazunimmt, der Aufwand in keinem Verhältnis mehr zum Ertrag gestanden wäre, so Ehmanns. Und es wäre auch sehr umständlich geworden, weil oft Gruppen kommen, die Frage wäre gewesen, wie teilt man die auf dem wenigen Platz ein, wen platziert man wo. Kurzum, aus ihrer Sicht, hätte sich das also nicht mehr gelohnt. „Wir haben gesagt, nein, das tun wir uns nicht an. Wir machen weiter so wie seit Ostern.“

Nun wird also zwar weiter gekocht, aber die Gäste müssen sich ihr Essen abholen. Betrieb ist nur noch am Freitag- und am Samstagabend (jeweils 17 bis 20 Uhr) sowie am Sonntagmittag (jeweils 11.30 bis 14 Uhr). Aber auch dieser eingeschränkte Betrieb bedeutet einen großen Aufwand. Sonntags geht es mit der Arbeit, der Vorbereitung bereits um 4 Uhr morgens los, zum Beispiel mit Kartoffelschälen für den selbst gemachten Salat oder den Teig zu machen für die eigenen Spätzle. Die ganzen Zutaten werden nach wie vor selbstgemacht, die Küche ist auch eng, die Abläufe müssen eingeteilt, gut organisiert sein, es muss alles Hand in Hand gehen. Nur mit dem Einpacken der Essen ist am Sonntag einer alleine voll beschäftigt.

Gäste sollen sich beim Abholen nicht über den Weg laufen

Der Gaststube ist anzusehen, dass dort schon lange keine Gäste mehr sich aufgehalten haben. Sie ist seitdem eine Logistikzentrale, eine Auslieferungsstelle. Ihre Enge und die des Treppenaufgangs erfordern, dass sich die Gäste beim Abholen der Essen möglichst nicht begegnen sollen. Es gibt einen genau getakteten Plan dafür. Die Essen werden fast auf die Minute hin gestaffelt fertig und verpackt, die Liste abgearbeitet, Name für Name abgehakt. Die Zeitfenster zum Abholen sind eng. Wenn der Andrang sehr groß ist, wird es halt von zehn auf fünf Minuten noch mal verkleinert.

Die Vorgabe ist das eine, die Wirklichkeit manchmal eine andere. „Wenn man da am Telefon sagt 12.35 Uhr, da lachen manche und können es nicht gar glauben.“ Das gelte auch für die Regel, dass spätestens einen Tag vorher bestellt werden muss. „Es gibt immer welche, die nur eine Stunde vorher anrufen.“ Bis auf den Muttertag, wo es aus dem Ruder gelaufen ist, hätten sie es aber im Griff. Die Nachfrage ist da, ihre Stammgäste halten ihnen die Treue. Sonntags geht es rund. „Wir haben keine Supereinnahmen, aber es rechnet sich.“ Auch die Speisekarte ist angepasst, wechselt zwar jede Woche, aber das Angebot muss eben verpackbar sein und zum Einweggeschirr passen.

Es hilft bei dieser Notgastronomie, dass sie Unterstützung bekommen. Die Kartons, in die sie die Essen, verteilt auf die entsprechenden Einwegverpackungen, reinstellen, haben sie unentgeltlich bekommen. Eine gemeinsame Spendenaktion der beiden Verpackungsspezialisten Justpack in Backnang und Harro Höfliger in Allmersbach im Tal. Justpack-Geschäftsführer Dirk Kallenberg wohnt in Kottweil. Zugute kommt auch, dass Ehmanns das Gasthaus gehört, sie müssen keine Pacht zahlen, es ist ein Familienbetrieb, für den sie nur wenige Angestellte, etwa als Küchenhilfen, brauchen.

Schwätzle mit den Gästen geht nicht, es bleibt nur noch „Grüß Gott“ sagen

Werden sie durchhalten? „Sicher, wir haben ja auch noch Landwirtschaft und Streuobstwiesen, die bewirtschaftet werden müssen, also G’schäft gibt’s immer.“ Der Plan ist, dass es „nach“ Corona auch mit der Gastwirtschaft wieder losgeht, sie bekämen so viel Zuspruch von ihren Stammgästen, dass sie wieder kommen werden, sie könnten also gar nicht anders, das sei schon eine große Motivation. Es würden aber nicht nur Stammgäste Essen zum Abholen bestellen, sondern auch viele Ältere, „wir haben ja hier in den Berglen einen Riesenbekanntenkreis.“ Und es komme ihnen zugute, dass der Ort immer noch ein Dorf sei, in dem jeder jeden kennt und man wisse halt Bescheid übereinander.

Aber wie ist denn die völlig veränderte Situation für ihn als Wirt? „Na ja, ich hock’ ja auch gern zu den Leuten na und schwätz mit denen. Wenn ich nicht gerade koche. Jetzt geht halt nur noch ,Grüß Gott’ sagen.“ Auch seine Gäste vermissten das Typische. „Wir werden immer wieder gefragt, wann wir wieder aufmachen.“ Von allen vier Seiten kämen Leute, selbst aus Schorndorf und Waiblingen gebe es gar nicht so wenige, die sich auf den Weg hier rauf machten. Sicher, sie hätten seit März eine „Nullrunde, aber das ist okay, wir haben schon andere Zeiten erlebt.“

Er ist 62 und seit einiger Zeit auch nicht mehr der Gesündeste, aber so drei, vier Jahre sollten es schon noch sein, davon geht er aus. Von drei Söhnen helfen zwei im Betrieb mit, einer ist Metzer, also sie gehen schon davon aus, dass es einen Nachfolger geben wird.

Der Gastronomie geht’s schlecht, auch die „Rose“ in Vorderweißbuch durchlebt eine schwere Zeit. Die schwäbische Landgaststätte, für ihre urige, familiäre Atmosphäre und ihr gutes Essen zu bezahlbaren Preisen weit über Berglen hinaus bekannt, hat bis zum Corona-Lockdown im Frühjahr Gäste auch etwa aus Stuttgart und Ludwigsburg nach Berglen gelockt. Anders als fast alle anderen Lokale, die es bis dahin überlebt hatten, haben Kurt und Viola Ehmann aber nach der ersten Schließung das Lokal nicht

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