Berglen

Zwei Tage vor dem Corona-Lockdown herrscht bei Schul- und Amtsleitern Ungewissheit, welche Vorgaben für die Notbetreuung gelten

Nachbarschaftsschule
Der Berglener Rektor Jörg Ziegler sieht seine Lehrer und sich an der Grenze der Belastbarkeit. © ALEXANDRA PALMIZI

„Wir kommen uns hier allmählich vor wie ,Tatort’-Kommissare“, beschreibt der Leiter der Nachbarschaftsschule, Jörg Ziegler, die Situation drastisch. Er, seine Stellvertreterin und die Sekretärin der Schule seien längst jedes Wochenende vor Ort, um Nachkontakte zu ermitteln. Mittlerweile komme man, auch die Kollegen, auf dem Zahnfleisch daher. Die Situation sei psychisch äußerst belastend. „Es gibt wohl wenig Berufe, wo man so viele Kontakte hat wie als Lehrer. Hinter jedem Kind steht ja eine Familie.“ Gebe es einen positiven Test, sei es in einer Familie oder direkt an der Schule, müsse innerhalb kürzester Zeit eine schier endlose Zahl von Telefonaten geführt werden. Sei jemand in der Schule positiv getestet, dann werde es ganz extrem.

Nichts kommen lassen will Ziegler aber bei seiner Klage auf das Gesundheitsamt. Das leiste tolle Arbeit, die Mitarbeiter dort seien immer hilfsbereit und trotz ihres eigenen Stresses stets freundlich bei Anfragen. Der Abfolge ständig neuer Verordnungen, die kurzfristig vor Ort umgesetzt werden müssen, komme man allerdings kaum noch hinterher. „Das ist so verwirrend, wer soll denn da noch durchblicken?“ Kompliziert sei es auch durch die Ganztagesbetreuung, weil an der ja noch weitere Personen hängen und es so einen Rattenschwanz an Kontakten gebe. „Wir müssen ja immer feststellen, wer alles hatte in dem bestimmten Zeitfenster Kontakt mit dem betreffenden Kind? Die müssen dann ja alle in Quarantäne.“

Die Nachbarschaftsschule sei bislang glimpflich davongekommen, mit nur einem positiven Fall, berichtet Ziegler auf Nachfrage. Ansonsten habe man nur Kontaktpersonen ersten Grades gehabt, was dann eben zu entsprechenden Quarantänen geführt habe. Allerdings sei derzeit der Standort Steinach komplett dicht, weil es dort eine positiv getestete Schülerin gibt und die beiden Lehrerinnen, die dort unterrichten, deshalb Kontaktpersonen ersten Grades seien.

Auch die Notgruppen müssen nach Jahrgängen getrennt sein

Am Montagmorgen sei man vom Kultusministerium informiert worden, dass der Beginn der Weihnachtsferien auf Mittwoch vorgezogen wird und dass die Notbetreuung durch die jeweilige Schule erfolgen soll. Stand Montagmorgen seien zwar „Orientierungshilfen“ aus Stuttgart angekündigt, es lägen jedoch noch keine Ausführungsbestimmungen vor, so Ziegler weiter. „Wir richten aber auf jeden Fall eine Notbetreuung ein, beziehungsweise stellen uns darauf ein.“ Das Problem sei aber das gleiche wie beim ersten Lockdown: Auch in der Notbetreuung dürfen Kinder verschiedener Klassenstufen nicht durchmischt werden. Das bedeute, dass auch die Notgruppen nach Jahrgängen getrennt sein müssen. „Alles andere wäre für die fünf Tage ja völliger Nonsens.“

20 Laptops werden verteilt für den Fall der Fälle

Ziegler verweist darauf, dass die Schule aus dem Nothilfeprogramm 20 Laptops, „und zwar sehr gute“, bekommen hat. Die würden nun an betreffende Schüler verteilt, für den Fall der Fälle, dass der Lockdown an den Schulen über das Ferienende hinaus verlängert wird, dann eben wieder Home-Schooling ansteht, „so dass wir dafür also gewappnet sind“.

Offenbar gehe es dieses Mal bei der Frage, welche Kinder in die Notbetreuung dürfen, nicht nach dem Kriterium „systemrelevante Berufe“ bei den Eltern, sondern um die „Unabkömmlichkeit“ von ihnen laut Arbeitgeber. Damit sei zu erwarten, dass mehr Kinder das Recht auf Notbetreuung haben, der Bedarf an Plätzen könnte also deutlich höher sein. „Aber ich hoffe eigentlich auf die Vernunft der Eltern, darauf, dass sie sagen, wir lassen unsere Kinder jetzt daheim.“

Auch die Rektorin der Schwaikheimer Ludwig-Uhland-Gemeinschaftsschule, Heike Hömseder, macht aus ihrer Kritik an der Politik keinen Hehl. Wobei Stuttgart dieses Mal es sich einfach machen könne, nämlich sagen „wir müssen uns leider Berlin beugen“. Während beim Lockdown im Frühling noch gesagt worden sei, man könne die Lehrer nicht dazu zwingen, Notbetreuungsunterricht zu leisten, sei nun keine Rede mehr davon. „Aber gut, wir sind ja ohnehin noch bis 22. hier, das wäre der letzte Schultag vor den Ferien gewesen.“

Heike Hömseder: Logisch wäre in der Situation komplett runterfahren

Mit Logik habe das alles mittlerweile nichts mehr zu tun. Logisch wäre aus Sicht von Heike Hömseder nämlich, in dieser extremen Situation zu sagen, wir fahren komplett runter, machen ganz dicht. Stand Montagmorgen, also zwei Tage bevor das Ganze greifen soll, gebe es keine Vorgaben, keinen Leitfaden von oben, dabei riefen ständig Eltern in der Schule an, die Bescheid wissen wollen.

Man werde nun, ungeachtet dessen, dass sich das Kriterium für den Anspruch auf Notbetreuung ändere, die Formulare vom letzten Mal an die Eltern rausschicken, um den Bedarf wenigstens in etwa abschätzen zu können. Da aber damit zu rechnen sei, dass für mehr Kinder ein Bedarf angemeldet wird als beim letzten Mal, werde sie wohl nicht umhinkommen, Kollegen zu verpflichten, so Heike Hömseder. „Ich weiß ja nicht, brauche ich doch die komplette Unterrichtsversorgung oder kann ich wenigstens die über 60- Jährigen zu Hause lassen.“ Außerdem gebe es Kollegen, die selbst Kinder haben, die eine Betreuung brauchen.

Von den Anmeldungen hängt ab, wie viele Lehrer gebraucht werden

Kurzum, der Bedarf an Lehrern für die Notbetreuung sei schwer abzuschätzen. „Wir werden aber für jede Jahrgangsstufe zumindest eine Notbetreuung anbieten.“ Wenn jedoch in jeder Klasse für zehn bis 15 Kinder dafür Bedarf gemeldet werde, dann werde man eben für jede Klasse eine Notbetreuung brauchen und damit die annähernd komplette Unterrichtsversorgung gewährleisten müssen durch die Kollegen im Dienst – bis 22. Dezember.

„Wir kommen uns hier allmählich vor wie ,Tatort’-Kommissare“, beschreibt der Leiter der Nachbarschaftsschule, Jörg Ziegler, die Situation drastisch. Er, seine Stellvertreterin und die Sekretärin der Schule seien längst jedes Wochenende vor Ort, um Nachkontakte zu ermitteln. Mittlerweile komme man, auch die Kollegen, auf dem Zahnfleisch daher. Die Situation sei psychisch äußerst belastend. „Es gibt wohl wenig Berufe, wo man so viele Kontakte hat wie als Lehrer. Hinter jedem Kind steht ja eine

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