Fellbach

Antisemitismusbeauftragter Michael Blume spricht in Fellbach über „Verschwörungsmythen in Corona-Zeiten“ - und berichtet von Drohungen gegen ihn

Verschwörung
Symolbild. © ZVW/Gabriel Habermann

Nicht nur das Virus, auch die es begleitenden Verschwörungsmythen verbreiten sich pandemisch. Ansteckend, mutierend und gefährlich sind beide. Das jedenfalls wurde beim Livestream-Vortrag von Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg, im Fellbacher Rathaus deutlich. Auf Einladung der Kulturgemeinschaft sprach Blume über „Verschwörungsmythen in Corona-Zeiten“.

„Verschwörungsmythen sind, anders als Theorien, nicht widerlegbar!“, so der Autor zweier Bücher über das Thema, Und wer hätte das, etwa im Gespräch mit Querdenkern auf deren Demos oder mit verschwörungsinfizierten Kollegen am Arbeitsplatz, nicht schon erlebt. Egal was du sagst: Da gibt es kein Durchkommen.

Direkte Konfrontation bringt nichts

Und so erklärt Blume auf die Publikums-Frage aus dem zugeschalteten Chatroom, wie man denn mit solchen Leuten im Alltag umgehen solle: „Die direkte Konfrontation bringt meistens gar nichts. Schon gar nicht im Internet.“ Besonders dort, so Fellbachs Oberbürgermeisterin Gabriele Zull in ihrer Begrüßung zum Vortrag, der zufällig am Tag der Urteilsverkündung im Lübcke-Prozess stattfand, „werden Ehrenamtliche und Politiker, die sich für die Eindämmung der Pandemie engagieren, verhöhnt, verbal und“, irgendwann nicht mehr nur virtuell, „auch tätlich angegangen“.

So war Michael Blume an diesem Tag, wie er berichtete, gleich zweimal in Fellbach. Am Vormittag bei der Polizei, um Anzeige zu erstatten gegen Verbreiter von „Drohungen und Beschimpfungen“ im Internet, die sich gegen seine Person und seine Arbeit richteten. „Das sind keine Einzeltäter“, sagte er, „die sind vernetzt. Das sind Mehrfachtäter, die von zu Hause aus ihre Botschaften ablassen. Stellen Sie sich vor, was da für ein Umfeld des Hasses entstanden ist. Das ist gefährlich!“ Auch Christa Linsenmaier-Wolf, Vorsitzende der Kulturgemeinschaft Fellbach, benannte das in ihrer Einführung: „Es gibt eine Hetze im Netz, wo sämtliche Hemmungen fallen.“

Und Blume, der historisch mit jeder Medienrevolution, vom Buchdruck („Hexenhammer“) über den exzessiven Radio-Einsatz der Nazis bis hin zum Internet eine dazu parallele, giftige Blüte der Verschwörungsmythen einhergehen sieht, beobachtet: „Gefühle der Wut und Frustration werden im Netz nicht abgebaut, sondern noch verstärkt.“

Dabei sei die besondere Funktion von Verschwörungsmythen die, dass sie dem Gläubigen „für alles, was schiefläuft, einen Schuldigen, einen Sündenbock präsentieren“. Stellte man sich im 15. Jahrhundert vor, dass Frauen - mit Hilfe von Juden - aus entführten und geschlachteten Kindern eine Hexensalbe herstellten, um damit fliegen zu können, ist es heute die Wahnvorstellung der QAnon-Anhänger, die unter anderem glauben, dass US-Politiker des natürlich „links-liberalen“ Establishments in Washingtons Kellern aus dem Blut von Kindern ein lebensverlängerndes Serum hergestellt haben.

Am Ende die Suche nach dem Erlöser

Sehr oft läuft das dann auch auf Weltverschwörungsmythen hinaus, erklärte Michael Blume, in deren Zentrum als vermeintliche Drahtzieher immer wieder Juden vermutet werden, etwa ein global agierender Finanzinvestor wie George Soros. „Die Juden, die tun sich zusammen, die sind so klug, wenn was schiefläuft, müssen die schuld sein.“ So lautet dann die immer wiederkehrende antisemitische Mythen-Erzählung als simples Welterklärungsmodell.

In einer letzten Stufe ihres Verschwörungsfurors, die Blume als „Tyranno-Philie“ bezeichnete, sucht der dafür anfällige Mensch dann einen Erlöser aus diesen Verstrickungen. In den USA war das zuletzt Donald Trump.

Vortrag ansehen

Der Vortrag von Michael Blume ist abrufbar unter www.kulturgemeinschaft-fellbach.de oder www.lpb-bw.de.