Fellbach

Die Schule von morgen ist digital

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Zu einem zeitgemäßen Unterricht gehört der Einsatz digitaler Medien, findet der Schulleiter Ralf Heinrich aus St. Georgen. © Büttner / ZVW

Fellbach. Hilfe, unsere Kinder daddeln bloß noch am Rechner und whatsappen auf dem Smartphone! Aber ist das wirklich der Untergang der Zivilisation? Nein, findet Ralf Heinrich, Schulleiter am Thomas-Strittmatter-Gymnasium St. Georgen. Bei der Arbeitstagung der Rems-Murr-Bürgermeister in Fellbach warb er für eine moderne Medienpädagogik auf der Höhe der digitalen Zeit.

Im Video: Arbeitstagung der Bürgermeister Rems Murr in Fellbach, alle erkannt?

Der Wissenschaftler Manfred Spitzer habe da mal „etwas Gutes“ herausgefunden, sagt Ralf Heinrich; bevor er den Hirnforscher zwei Sätze später in die Pfanne haut.

In seinem Buch „Digitale Demenz“ erklärte Spitzer: Wenn Kinder den ganzen Abend am Computer spielen, werden all die Inhalte, um die es vormittags in der Schule ging, „völlig überlagert von emotionalen Medienerfahrungen“ und gelangen nie aus dem Kurz- ins Langzeitgedächtnis.

"Verantwortungsvoller Umgang mit modernen Technologien"

Da ist was dran, räumt Heinrich ein – nur habe Spitzer aus diesem neurologischen Befund eine „pädagogische Folgerung“ abgeleitet und damit einen schweren „Fehler gemacht“: Kinder sollten bis zu ihrem zehnten Lebensjahr von digitalen Geräten ferngehalten werden, findet Spitzer – und Heinrich kommentiert sarkastisch: „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“

Kinder hören noch auf ihre Eltern – bis irgendwann, in der Pubertät, „die Tür zum Kinderzimmer zugeht“. Die frühe Lebensphase der Aufgeschlossenheit ungenutzt verstreichen zu lassen wäre „eine Katastrophe. Wir müssen im siebten, achten Lebensjahr mit Kindern in die Medienwelt einsteigen“, um ihnen zu vermitteln, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit modernen Technologien aussehen kann, welche Gefahren in der digitalen Welt lauern und welche Chancen.

Schule 4.0? Davon sind wir noch weit entfernt

Ralf Heinrich ist so was wie ein Avantgardist der Digitalpädagogik. Anfang der 2000er Jahre war er Referent am Landesmedienzentrum, seit 2004 erprobt er als Schulleiter des Thomas-Strittmatter-Gymnasiums in St. Georgen moderne Lernformen (siehe „Leitlinien“). Er findet: Auf dem Weg in die Zukunft hinken viele Schulen noch heftig hinterher.

Sicher, zwischen 1996 und 2007 setzte das Land fast 60 Millionen Euro für „bedarfsgerechte Medienausstattung der Schulen“ ein. Nur war das Geld in vieler Hinsicht „ganz schön fehlinvestiert“. Denn was nützt die vorzeigbarste Klassenzimmertechnik, wenn die Lehrer den Anschaltknopf am Beamer nicht finden? „Bis wir die Lehrer fortgebildet hatten, war die Technik veraltet.“

Vielerorts fehlen die technischen Möglichkeiten

Und wie soll eine medial gestützte Unterrichtseinheit gelingen, wenn heute in Raum 209 zwar alles vielversprechend beginnt, morgen bei der Fortsetzung in Raum 211 aber gar kein Beamer hängt? Wie soll die Internet-Recherche Spaß machen, wenn „das Netz am Ende“ ist, sobald neben Klasse 8 a auch noch die 9 b online stöbert?

Vielerorts fehlt es an den „technischen Möglichkeiten“ – manchmal sogar im Innovationslabor Strittmatter-Gymnasium: Neulich fragte eine junge Lehrerin den Schulleiter, wo der „Klassensatz Tablets“ sei. Heinrich musste antworten: „Wir haben keinen.“

„Die Tüftler der Zukunft“

Aber nicht nur die Ausstattung ist ein Problem. Viele Erwachsene – auch Lehrer – durchschauen kaum die Eigenarten der modernen Medien und lehnen deshalb erst mal ab, was sie nicht begreifen. Die Jugend von heute, heißt es dann, daddelt doch nur noch.

Heinrich antwortet aus seiner Erfahrung als Pädagoge: „Die Spieler“ sind oft „unsere Besten“; sie eignen sich en passant technisches Hintergrundwissen an, überwinden „Hürden“, erreichen neue „Levels“. Die Zocker von heute können „die Tüftler der Zukunft“ sein, Ingenieure, Informatiker.

Jugendliche leben „im Hier und Jetzt“

Beispiel Whatsapp: Was soll das hastig hingepfuschte Getippe, üben sich Erwachsene gerne in Kulturkritik, früher hat man Briefe geschrieben. Heinrich kontert: Jugendliche leben „im Hier und Jetzt“, sie lieben die „Echtzeitkommunikation“.

Vielleicht sollten Eltern ihren Kindern öfter mal eine aktuelle Whatsapp in die große Pause schicken – „wie lief die Mathe-Arbeit?“ –, anstatt abends zu fragen, was heute in der Schule los war, und sich zu ärgern, wenn es mal wieder allenfalls eine mürrische Kurzantwort gibt, weil die Klausur nun mal, gähn, schon eine Ewigkeit her und längst kein Aufreger mehr ist.

Kommunikation via Smartphone hilft über Hürden hinweg

Und warum schreiben diese Jugendlichen sich dauernd komische Kurznachrichten, warum können die nicht normal miteinander reden? Auch das ein typisches Erwachsenen-Genörgel. Heinrich erklärt: Jugendliche fühlen sich oft nicht wohl in ihrem Körper, sind unsicher, scheuen den Blickkontakt – die „technisch modellierte Kommunikation“ via Smartphone hilft ihnen über viele Hürden hinweg.

Eltern und Pädagogen könnten diese Einsicht nutzen; und manchmal, gerade auch bei ernsten Themen, via Smartphone endlich jenes Gespräch vernünftig in Gang bringen, das Aug’ in Auge schon x-mal in beklommenem Schweigen versandet ist.


Leitlinien

  • Medienpädagogik – das reicht am Thomas-Strittmatter-Gymnasium in St. Georgen von der Internet-Recherche bis zum Einsatz einer 3-D-Visualisierung des Atom-Modells, von der Debatte über Whatsapp-Mobbing bis zur Aufklärung über Spielsuchtgefahren und Datenschutzprobleme.
  • „Unter Medienkompetenz“, heißt es auf der Internetseite der Schule, „verstehen wir einen ebenso reflektierten wie selbstständigen, einen kritischen wie effektiven und vor allem den verantwortlichen Umgang mit Medien. Dazu gehört:
  • Selbstverantwortung, etwa hinsichtlich der Zeiteinteilung vor den Bildschirmen oder hinsichtlich der Gesundheit. Schulische Computerarbeit macht deshalb nur Sinn im Rahmen eines ganzheitlichen pädagogischen Ansatzes (Bewegte Schule, sportlicher Ausgleich...).
  • Verantwortung gegenüber digitalen Kommunikationspartnern, sei dies nun die Autorin einer Homepage, für deren geistiges Eigentum ich mich via Kurzmail bedanke, sei es mein Gegenüber im Chat, dessen Menschenwürde ich beachte.
  • Informationstechnische Grundbildung ist unverzichtbare Bedingung eines reflektierten Medienumgangs. Dazu braucht es stufenweise und verantwortlich begleitete Medienerfahrungen in unterschiedlichen Netzen, vom Schul- bis hin zum globalen Internet.“
  • Letztlich gehe es bei all dem „nicht mehr nur um effiziente, letztlich aber passive Rezeption von Medieninhalten. Nachhaltiges Lernen greift, wenn Schule, Schüler/-innen, Lehrkräfte und Eltern ihren aktiven Beitrag zur schulinternen, lokalen, regionalen oder gar globalen Medienkultur gestalten.“