Fellbach

Fellbach: Ernst Schöller ist Experte für Kunstraub und Bilderschwindel beim LKA

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Ernst Schöller führt durchs Lager. © Benjamin Büttner

Erheiterung, Staunen, Kopfschütteln, Empörung. Das und noch viel mehr bewirkt Ernst Schöller, wenn er den Truhendeckel zu seinem Erfahrungsschatz öffnet und Einblicke gewährt in die gleichermaßen wundersame und groteske Welt der Kunstfälschung. Unverfrorenheit und kunsthandwerkliches Geschick treffen auf einen zum Teil ignorant-bornierten Käufermarkt. Wussten Sie, dass wohl 30 Prozent aller Kunst, die so herumhängt, gefälscht ist?

Wen stört’s, wenn reiche Schnösel Hunderttausende oder sogar Millionen von Euro so locker sitzen haben, dass sie einen Monet, Picasso, Chagall, Kandinsky oder Fraanz Marc erstehen und letztlich doch einer Fälschung aufsitzen!?

„Wer so denkt, ist logisch falsch abgebogen“, erwidert Ernst Schöller. Zum einen gehe es ums Prinzip. „Wenn Sie ein Markenprodukt kaufen, wollen Sie ja auch nicht, dass Sie ein Plagiat geliefert bekommen, obwohl Sie den Preis für ein Markenprodukt gezahlt haben. Wenn die Leistung, die der Verkäufer dem Käufer in einem Kaufvertrag verspricht, nicht erfüllt wird, ja die Nichterfüllung sogar verschwiegen oder getarnt wird, dann ist das schlichtweg Betrug.“

Außerdem habe das Werk eines großen Künstlers eine Aura des Echten, die sich der Kunstliebhaber mit einkaufe. Die Präsenz des Künstlers im Werk, das Wissen um die historische Berühmtheit und eventuell das Alter des Objekts machten einen großen Teil des „Werts“ eines Kunstwerks aus.

Kunst-Betrug und zwar gewerbsmäßig

Zum anderen wird längst auch im Lower-Budget-Bereich der große Reibach gemacht. Neulich sei eine ältere Dame bei ihm vorstellig geworden, die hatte ein kleines Aquarell für 190 Euro auf dem Hauptplatz in Trient gegenüber dem Castello del Buonconsiglio gekauft. Im Nachhinein erwies sich das „Aquarell“ aber als feingerasterter Offsetdruck auf schwammigem Büttenpapier. „Wenn der Händler in Trient – sagen wir ruhig Betrüger – nun pro Tag fünf bis acht solcher falscher Aquarelle an gutgläubige Touristen verkauft, dann setzt er locker 1000 Euro am Tag um. Das macht 7000 Euro die Woche und 30 000 Euro im Monat. Alles schwarz und unversteuert“, sagt Ernst Schöller.

Seit 1980 ist der Oeffinger im Landeskriminalamt Baden-Württemberg für die Bearbeitung von „Kunst“-Delikten zuständig. „Nein, Kunstfälscher sind eben keine Künstler, sondern allenfalls handwerklich geschickt. Wenn sie Künstler wären, hätten sie mit ihrer eigenen Kunst Erfolg und es nicht nötig, ideenlos andere zu kopieren.“

Der 60-Jährige taucht immer wieder in Funk, Fernsehen und Zeitungen auf, wenn’s um spektakuläre Fälle geht. Nur bei den Landeskriminalämtern in Bad Cannstatt, München und Berlin sowie beim Bundeskriminalamt kümmern sich Ermittlungsbeamte ausschließlich um Kunstdelikte. Schöller und sein Team gelten deutschlandweit, wenn nicht sogar europaweit als absolute Experten, vor denen Händler, Auktionshäuser, Galeristen und Kuratoren zittern.

Wer noch nicht zittert, sollte zittern. Schätzungsweise 30 Prozent aller Kunstwerke, die im Umlauf sind, ja mitunter sogar in Museen hängen und in Auktionshäusern versteigert werden, sind ganz oder teilweise gefälscht, heißt es. Kriminalhauptkommissar Ernst Schöller grinst ob solcher Behauptungen. „Aus meinem Mund hören Sie dazu nichts.“ 2010 hatte sich der Kunsthändlerverband über ähnliche Aussagen Schöllers lautstark empört. Doch der war erst Mitte Mai 2014 wieder in einem deutschen Auktionshaus Fälschungen identifizieren, diesmal: 100 Werke, angeblich von Roy Lichtenstein und Andy Warhol.

Mehr als 1000 Dalí-Fälschungen wurden auf Schöllers Ermittlungserfolge hin schon durch den Reißwolf gejagt. Wobei das an sich keine große Zahl ist, eine Vernichtung ist aber auch nicht selbstverständlich. Schöller hatte bereits Anfang der 1990er geholfen, einen international tätigen Fälscherring rund um einen Léon Amiel zu enttarnen. Schöller besitzt Beweisfotos, die er in New York geschossen hat von „Papierstapeln“ in einem Lagerraum. Darauf zu sehen sind rund 100 000 Drucke: fünfstellige Auflagen von Dalís (rund 53 000 Stück), Picassos, Chagalls und andere – allesamt unecht. Verkaufswert: 1,8 Milliarden US-Dollar. Es vergehe auch heute kaum ein Jahr, in dem er auf dem Markt nicht Fälschungen aus dieser Quelle identifiziere. Die New Yorker Druckerei war bis zur Enttarnung bereits mindestens sechs Jahre lang aktiv gewesen.

„In Deutschland wird im Gegensatz zu Frankreich gefälschte Kunst normalerweise nicht eingezogen und vernichtet, sondern geht an den letzten Eigentümer zurück.“ Was Schöller verwundert, da ein gefälschter Führerschein oder eine gefälschte Urkunde ja auch nicht an den letzten Eigentümer zurückgegeben wird.

„Gut, der letzte Eigentümer muss sich freilich verpflichten, die Werke nicht wieder als Originale zum Verkauf anzupreisen.“ Eine Auflage, die nicht immer eingehalten wird. Darum verfolgt Schöller alle Aktivitäten auf dem Kunstmarkt sowie in großen Galerien und Auktionshäusern aufmerksam, prüft Ausstellungskataloge und Bestandslisten. Überführte Fälscher oder Händler, die nach Jahren wieder anbieten, stechen ihm sofort ins Auge.

Umso erfreulicher, wenn Fälschungen in der Hand der Fälscher konfisziert werden können. Bei einem der größten Coups seiner über 30-jährigen Laufbahn gelang Schöller die Überführung eines Skulpturenfälscher-Duos. „In deren Lager in Mainz fanden wir über 1000 Bronzen und 300 Gipsfiguren. Sie hatten vor allem den Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti (1901–1966) gefälscht.“ Öffentlichkeitswirksam ließen die Staatsanwaltschaft Stuttgart und das LKA die Skulpturen einschmelzen und die Gipse zerschlagen. Nur Anschauungsexemplare blieben erhalten. Die Fälscher hatten mit Kunsthändlern kooperiert und wurden 2011 zu sieben Jahren und vier Monaten, die Händler zu neun Jahren Haft verurteilt. Seit 2004 hatten sie mehr als acht Millionen Euro mit ihren betrügerischen Machenschaften gescheffelt.

Acht Jahre später trat einer der Männer erneut mit gefälschten Bildern auf dem Kunstmarkt auf, die er für 49 Millionen Schweizer Franken feilbot, so Schöller.

Die großen Fische Wolfgang Beltracchi & Konrad Kujau

73 oder mehr Gemälde-Fakes von Wolfgang Beltracchi wähnt Schöller noch im Umlauf. Niemand wisse, wo. „Ich selbst habe ein von Beltracchi gefälschtes Gemälde bei einem bekannten Schraubenfabrikanten abgehängt.“ Mit 200 bis 230 Werken, die noch unaufgedeckt im Umlauf seien, prahlte Beltracchi in der Talkshow „3 nach 9“ am 31. Januar 2014. Er war Ende Oktober 2011 in einem der größten Kunstfälscher-Prozesse der Nachkriegszeit vom Landgericht Köln zu sechs Jahren verurteilt worden, befindet sich jedoch im offenen Strafvollzug, hat eine Autobiografie veröffentlicht und gibt großspurig Interviews. Schöller hatte zu den Ermittlungen gegen Beltracchi beigetragen. Laut Staatsanwaltschaft Köln beliefen sich die Gewinne der Beltracchi-Bande, die von Freiburg und Südfrankreich aus agierte, auf mindestens 16 Millionen Euro.

Unverfrorenheit, Dreistigkeit und Selbstüberschätzung scheinen den großen Fischen der Kunstfälscherszene eigen zu sein. Das erlebte Schöller auch mit Konrad Kujau (1938–2000) aus dem sächsischen Löbau, der lange in Bietigheim-Bissingen lebte. „Kujau war ein guter Bekannter von mir. Er war insgesamt achtmal mein Kunde“, witzelt Schöller. „Ein Hans Dampf in allen Gassen, aber eben vor allem ein überführter Betrüger, der als Hinterhof-Militaria-Händler begann und Pseudo-Devotionalien aus der Nazizeit verkaufte, zum Beispiel gefälschte Wehrmachtsausweise. Schriften und Stempel täuschend echt nachmachen, das konnte er wirklich. Die falschen Hitler-Tagebücher haben ihn berühmt gemacht.“

Nach seiner Haftstrafe betrieb Kujau die Kneipe „Alt Heslach“ und machte in original Kujau-Fälschungen, die er offiziell in seiner Stuttgarter „Galerie der Fälschungen“ verkaufte. „Wobei damit immer noch allerlei Schindluder getrieben wurde“, sagt Schöller. Er schaute hin und wieder in Kujaus Atelier vorbei und wurde Zeuge von Szenen, die einen schmunzeln ließen, wenn es nicht so ernst gewesen wäre. Ein Beispiel: „Kujau verkaufte weiter Fälschungen großer Meister, wies diese aber mit Aufklebern auf den Bildern als Fälschungen aus. So weit, so gut. Ich hab’s aber selbst erlebt, wie beim Verkauf eines solchen Werks der Aufkleber abfiel ... Man konnte sich also seinen Teil denken. Dass dies so nicht geht, darauf habe ich immer wieder hingewiesen.“

Grotesk auch die posthume Nachgeschichte: Eine Frau, die sich als Kujau-Nichte ausgab, kaufte massenweise gefälschte „original Kujau-Fälschungen“ (Rembrandt, Rubens, Renoir) in China, setzte Kujaus Unterschrift darauf und vertrieb die Werke übers Internet.

Einer, der hatte Stil und ja: Es war ein Holländer

Dass Kujau, Beltracchi und Co. keine künstlerische Kreativität besaßen beziehungsweise besitzen, sondern allenfalls handwerkliches Geschick – dabei bleibt Ernst Schöller. Nur der eine Fälscher, der eine Holländer, der hatte Stil. Und schon sind wir in Südfrankreich. An einem Tag im Frühjahr 1994. Ernst Schöller aus Oeffingen jagt zusammen mit französischen Polizeikollegen ein Phantom, das sich Jan van den Bergen nennt. „Aufmerksam gemacht auf den Fälscher hatte mich die Geschäftsführerin eines Auktionshauses in München, der verdächtige Werke angeboten worden waren. Ich schaute mir die Werke an. Sie waren perfekt, die Farben, das Papier, das Material, der Pinselstrich. Nur bei einem Blumenbild von Chagall, da waren die Stempel des französischen Chagall-Komitees, die die Echtheit zertifizieren sollten, 2,8 Millimeter zu klein.“ Einem Kenner wie Schöller fiel das natürlich auf. Sieben weitere Auktionshäuser hatten ähnliche Werke von Jan van den Bergen angenommen.

Eine fingierte Adresse in Paris; eine Wohnung in Orléans, in der nur Matratzen lagen; ein Postnachsendeantrag zwischen Poitiers und Bordeaux; ein leeres Landhaus mit einem zwei Tage alten Verrechnungsscheck eines Auktionshauses im Briefkasten: Nach einer wahren Fahndungs-Odyssee gelang Schöller und seinem Team in Kooperation mit den französischen Behörden der Zugriff. In einem Landschlösschen im Dorf Linazay, südlich von Poitiers, trafen sie nicht nur Jan van den Bergen und seine Frau an, sondern konnten auch 1503 Gemälde und Tuschezeichnungen beschlagnahmen. „Das war die bis heute größte Sicherstellung von Kunstfälschungen in Europa“, sagt Schöller. „Als wir von Paris zurückfuhren, war ein damit vollgepackter Möbelwagen hinter uns.“

Monate später, Vernehmung des Fälschers in Paris: Der französische Ermittler düpiert Jan van den Bergen sichtlich, in dem er einzelne gefälschte Werke immer als „pièce“ (Stück) bezeichnet. „Ich schalte mich in die Vernehmung ein und sage ihm, dass er wunderbare Arbeiten gemacht hat. Nur sei ihm leider der Chagall-Komitee-Stempel nicht so gelungen.“ So bricht Schöller das Eis, und Jan van den Bergen packt aus. Dem Oeffinger und seinem Cannstatter LKA-Team gelingt damit 1994 die Aufklärung des „größten Kunst-Skandals der letzten 20 Jahre“ – so schrieb es die renommierte britische Zeitung The Guardian, und die kann nicht irren.