Fellbach

Geflügel-Schlachtmobil in Fellbach-Schmiden: Kürzester Weg vom Stall in den Topf

Hühner
Landrat Richard Sigel (links) lässt sich das Geflügelschlachtmobil des Maschinenringes zeigen. © ZVW/Benjamin Büttner

Wer morgens sein Frühstücksei genießt, aus Freilandhaltung vom Bauern um die Ecke, versteht sich, denkt an glückliche Hühner, viel Auslauf und gesundes Futter fürs gackernde Federvieh. Nicht aber an die Tatsache, dass selbst die fleißigste Legehenne nach spätestens 18 Monaten ein Fall für den Suppentopf ist.

Werden eines Tages die Schalen brüchig und lässt die Legeleistung nach, wird der ganze Stall ausgetauscht. Die meisten Hühnerbauern an Rems und Murr geben die alten Hennen dem Lieferanten mit, der ihnen junge, leistungsfähige Legehennen gebracht hat. Die Althennen erwartet ein langer Weg zum Schlachthof. Bestenfalls ins bayrische Ansbach – vielleicht noch weiter und länger.

„Kürzere Transportwege, mehr Hygiene und weniger Tierleid“

Diese Qualen müssen nicht sein. Seit diesem Jahr ist das Geflügelschlachtmobil des Maschinenringes in Betrieb. Es ermöglicht dem Huhn einen letzten, kurzen Weg vom Stall in den Suppentopf. Motto: „Kürzere Transportwege, mehr Hygiene und weniger Tierleid.“

Wolfgang Bürkle vom Schnitzbiegel-Hof in Fellbach-Schmiden ist einer von 50 Landwirten in der Region, die das Geflügelschlachtmobil nutzen können. Er hat bereits die notwendigen Schulungen für den Sachkundenachweis absolviert. Rund 4000 Legehennen tummeln sich um die fünf mobilen Ställe auf den Feldern des Schnitzbiegehofes. Die braunen Hühner laufen durchs hohe Gras, picken in der Erde herum – und nehmen keinerlei Notiz vom Anhänger, der direkt am Zaun steht und in dem sie eines Tages landen sollen. Die Eier seiner Hühner vermarktet Bürkle ab Hof oder im Verkaufsautomaten. Künftig hängen Christine und Wolfgang Bürkle in ihrem Hofladen auch regelmäßig Schilder auf mit der Ankündigung: „Schlachtfrische Suppenhühner von unserem Hof gibt es wieder am ....“

Schlachtung vor Ort kostet bis zu vier Euro je Henne

Ob sich die Direktvermarktung der Hühner wirklich lohnt, kann Wolfgang Bürkle noch nicht abschätzen. Bisher musste er je Althennen-Abtransport 200 Euro hinlegen. Doch auch die Schlachtung vor Ort kostet ebenfalls Geld, nämlich bis zu vier Euro je Henne. Und mehr als acht, neun Euro seien die Kunden nicht bereit, selbst für ein total regionales Suppenhuhn zu zahlen. Dennoch sei das Schlachtmobil, so Bürkle beim Vor-Ort-Termin am Schlachthaus auf Rädern auf dem Schnitzbiegel-Hof, „die für uns passende Variante“.

Mit dem Ostalbkreis will der Rems-Murr-Kreis zu einer „Biomusterregion“ werden

Die Direktvermarktung von heimischen und regional erzeugten Lebensmitteln ist Landrat Richard Sigel ein Anliegen. Der Landkreis engagiert sich seit Jahrzehnten für die heimische Landwirtschaft. Nun geht’s einen Schritt weiter. Zusammen mit dem Ostalbkreis will der Rems-Murr-Kreis gar zu einer „Biomusterregion“ werden. Hofnahe und tiergerechte Schlachtungen sowie eine regionale und nachhaltige Direktvermarktung passen in dieses Schema. Mit dem Schlachtmobil werde eine Lücke geschlossen, sagte Sigel auf dem Schnitzbiegel-Hof. „Auf den völlig unnötigen Transport“, so Sigel, könne bei Hühnern nun endlich verzichtet werden.

So ein Schlachthaus auf Rädern ist teuer. Fast 80.000 Euro hat sich der Maschinenring Rems-Murr-Neckar-Enz das Gefährt aus österreichischer Produktion kosten lassen. Der kurze Weg vom Stall in den Suppentopf beginnt fürs Huhn mit der Betäubung per Elektroschock, erklärt Geschäftsführer Stefan Zoller den Ablauf einer Schlachtung, an der jeweils drei Leute beteiligt sind. Es folgen der Kehlschnitt und die Ausblutung, dann geht es in den Brühkessel, von dort in eine Rupfmaschine und zur Zerlegung. In einem hygienisch abgetrennten Bereich werden die Tiere schließlich ausgenommen, verpackt und auf vier Grad heruntergekühlt.

Seit das mobile Schlachthaus in Betrieb ist, wurden bereits 2500 Hennen geschlachtet

Die Schlachtungen erfolgen im Minutentakt. Die Kapazität liegt bei 50 bis 60 pro Stunde. Seit das mobile Schlachthaus in Betrieb ist, wurden bereits 2500 Hennen aus zwölf Hühnerbetrieben geschlachtet. Auch für Gänse, Puten und Enten eignet sich das Schlachtmobil. Stefan Zoller weiß, dass die mobile Geflügelschlachtung kein Selbstläufer sein wird. Die Skepsis der 1500 Geflügelhalter an Rems und Murr ist groß. Zumal die Schlachtung ja nicht gerade billig ist. Umso wichtiger sei es, die Verbraucher zu überzeugen, nicht nur Eier aus regionaler Produktion zu kaufen, sondern auch die Suppenhühner, so Zoller. Denn: kein Ei ohne Suppenhuhn. „Mit dem Kauf von Suppenhühnern aus diesem Schlachtmobil schließt sich der Kreis der Wertschöpfungskette“, heißt es in einer Broschüre, in der der Maschinenring für das Schlachtmobil wirbt.

Das Huhn ist im Trend. Immer mehr Familien halten sich Hühner nur zum Zeitvertreib – und machen sich keine Gedanken, dass und wie sie das Federvieh eines Tages schlachten werden. Diese Tiere aus Klein- und Kleinstställen sind gar nicht mitgezählt bei den 140.000 Hühnern, die die Statistik als Hühnerbestand im Rems-Murr-Kreis fürs Jahr 2020 ausweist. Die Statistik erfasst nämlich nur die Tiere aus rund 200 größeren Hühnerfarmen.

Schlachtungen von Geflügel werden vom Veterinäramt nicht überwacht

Auf die Frage, wo und wie eigentlich all die Geflügelhalter im Rems-Murr-Kreis ihre Tiere schlachten, zuckt Veterinäramtsleiter Thomas Pfisterer die Schultern. Offenbar gibt es eine gewisse Grauzone, über die keiner gerne redet – oder nur hinter vorgehaltener Hand. In Baden-Württemberg gebe es sieben Geflügelschlachthöfe, lautete eine Auskunft, die mehr Fragen offenlässt als beantwortet. Im Gegensatz zu Rindern und Schweinen – Stichwort: Fleischbeschau – werden Schlachtungen von Geflügel vom Veterinäramt nicht überwacht.

Aus Sicht des Instituts für Agrarökonomie sind mobile Schlachteinheiten gerade für Legehennen in Mobilställen mit kleineren Beständen eine Alternative zu den immer seltener betriebenen regionalen Geflügelschlachtstätten. Geflügel-Direktvermarkter dürften ohne EU-Zulassung bis zu 10.000 Tiere pro Jahr in eigenen, von ihrem Veterinäramt registrierten Schlachträumen schlachten; eine Lohnschlachtung für andere kleine Geflügelbetriebe ist nicht zulässig. Rechtlich gesehen gelte das Betreiben einer mobilen Geflügelschlachtanlage aber nicht als Lohnschlachtung.

Michael Stuber, Leiter des Landwirtschaftsamtes Rems-Murr: Dass Rinder auf der Weide geschlachtet werden, ist die absolute Ausnahme

Auch Rinder dürften mittlerweile auf der Weide geschlachtet werden. Noch aber ist dies die absolute Ausnahme, sagt Michael Stuber, Leiter des Landwirtschaftsamtes Rems-Murr. Je mehr Landwirte von ihren wenig lukrativen Milchkühen abkommen und zur Mutterkuhhaltung wechseln, desto interessanter werden Weideschlachtungen.

Für die wäre wiederum ein spezielles Schlachthaus auf Rädern notwendig. Martin Kugler, Erster Vorsitzender des hiesigen Maschinenrings, kann sich durchaus vorstellen, dass sich der Maschinenring eines Tages engagieren wird. Vorausgesetzt, die Nachfrage stimmt. Mit Blick auf die Biomusterregion wäre die Weideschlachtung von Rindern nur konsequent, meint Landwirtschaftsamtsleiter Stuber. Die mobile Geflügelschlachtung ist nur ein erster Schritt zu Schlachtungen mit kurzen Wegen und somit weniger Stress und Qualen für die Tiere.

Wer morgens sein Frühstücksei genießt, aus Freilandhaltung vom Bauern um die Ecke, versteht sich, denkt an glückliche Hühner, viel Auslauf und gesundes Futter fürs gackernde Federvieh. Nicht aber an die Tatsache, dass selbst die fleißigste Legehenne nach spätestens 18 Monaten ein Fall für den Suppentopf ist.

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Werden eines Tages die Schalen brüchig und lässt die Legeleistung nach, wird der ganze Stall ausgetauscht. Die meisten Hühnerbauern an Rems und Murr geben die alten

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