Fellbach

Triennale Kleinplastik 2022 in Fellbach: Von Poesie, Gewalt und Sound der Dinge

Triennale
„Altes Ehepaar in Deutschland“ heißt dieses Kunstwerk von Simone Gilges. © Peter D. Hartung

Dieses Objekt versinnbildlich so poetisch wie brutal, um was es in dieser Triennale in Fellbach geht. Um unser zum Zerreißen gespanntes Verhältnis zwischen Kunst und Natur, mithin Menschengemachtem und Gewachsenem. Zu sehen ist ein fein gesponnenes Nest aus Draht- und Kabelfäden, in dessen Mitte schutzlos ein blässlich blaues Ei liegt. Tauben haben dieses Nest in Ermangelung natürlicher Stoffe aus Abfällen an der Baustelle zu Stuttgart 21 zusammengebastelt.

Arbeiter haben es dem Künstler Erik Sturm gebracht, der dort schon in Stahlträger verkeilte Bohrköpfe als Skulpturen gesammelt hatte. Das Stahl-Nest nun als himmelschreiende Skulptur. Und zugleich ein schaudern machendes Stück Poesie.

Blick auf Migrationsgeschichte der Dinge

„Die Vibration der Dinge“ nennt sich thematisch die von Elke aus dem Moore kuratierte 15. Triennale Kleinplastik in Fellbach. Und die, so viel wird schon bei einem viel zu kurzen Rundgang vor der Eröffnung an diesem Samstag deutlich, wird als global weit geöffnete und inspirierende Ausstellung einmal mehr überregionale Aufmerksamkeit finden. Zu Recht. Hier werden, wie aus dem Moore sagte, „existenzielle Fragen der Gegenwart“ verhandelt und – wie sich das Publikum überzeugen kann – mit der Vergangenheit und Zukunft in ein produktives, auch verstörendes Verhältnis gesetzt.

Zu den als Co-Kuratorinnen geladenen Künstlerinnen gehört Memory Biwa aus Namibia mit ihrem den Kolonialismus und dessen Verheerungen reflektierenden Projekt der „klingenden Körper“ und dem Blick auf die gewaltsame Migrationsgeschichte von (Kunst-) Objekten, ihrem Raub und ihrer Rückkehr, zu dem sie wiederum Künstlerinnen aus Südafrika und Botswana eingeladen hat.

Faszinierend auch die Intervention auf einem Waldgrundstück beim Besinnungsweg in Oeffingen von Antja Majewski und einer Künstlergruppe. „Sculpture Forest Sanctuary“ (Skulptur Schutz Wald) heißt die Kunstbeschwörung, die am Samstagnachmittag (15 Uhr) begangen wird. „Die Skulpturen dort sollen aufpassen, dass dem Wald nichts passiert und dass es uns gut geht“, sagte die Künstlerin beim Pressegespräch.

Sensibilisierung für Resonanzen

Vielleicht brauchen wir tatsächlich wieder ein bisschen Schamanismus, eine erhöhte Aufmerksamkeit auf den Klang der Dinge. Resonanz ist dafür das von Elke aus dem Moore gewählte Zauberwort. Es geht um die Sensibilisierung für Vibrationen und Schwingungen. Elke aus dem Moore hat einen Begriff von Kunst, der ihr einiges zutraut. „Die Kunst ist mit einer Ladung und Wirkmacht ausgestattet und kann Veränderungen in uns hervorrufen.“

Daran glaubte auch Fellbachs im April verstorbener Alt-Oberbürgermeister Friedrich-Wilhelm Kiel, der die Triennale im Jahr 1980 ins Leben gerufen hatte. Ihm ist in Erinnerung die diesjährige Triennale gewidmet. Immer gewünscht hatte er sich, dass Knetmasse bei der Triennale dabei sein müsse. Tut sie. Wie, wäre eine andere Geschichte. Und Geschichten gibt es in und nach dem Besuch dieser auch sehr, sehr schönen Ausstellung – mit beteiligten Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt – sehr viele zu erzählen.

Dieses Objekt versinnbildlich so poetisch wie brutal, um was es in dieser Triennale in Fellbach geht. Um unser zum Zerreißen gespanntes Verhältnis zwischen Kunst und Natur, mithin Menschengemachtem und Gewachsenem. Zu sehen ist ein fein gesponnenes Nest aus Draht- und Kabelfäden, in dessen Mitte schutzlos ein blässlich blaues Ei liegt. Tauben haben dieses Nest in Ermangelung natürlicher Stoffe aus Abfällen an der Baustelle zu Stuttgart 21 zusammengebastelt.

{element}

Arbeiter haben es

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper