Fellbach

Wie eine Fellbacherin den Wiener Opernball verändert

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Eine Wiener Tradition: Beim Opernball ist nichts dem Zufall überlassen. In der Woche vorher wird intensiv geprobt, am 20. Februar ist der große Tag. © Wiener Staatsoper/Michael Poehn
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Sophie Grau tanzt beim Wiener Opernball
Sophie Grau sucht sich beim Herrenausstatter einen Frack für den Ball aus. © Tom Weller

Fellbach.
Der Einzug von rund 150 Tanzpaaren in die Wiener Staatsoper ist jedes Jahr ein Höhepunkt des Opernballs. Vor 85 Jahren fand dieser zum ersten Mal offiziell statt. Ballveranstaltungen gab es in höheren Kreisen Österreichs aber schon vorher. 2020 gibt es bei der traditionsbewussten Veranstaltung eine Besonderheit: Zwei Frauen werden als Tanzpaar debütieren. Eine davon ist die 21-jährige Sophie Grau aus Fellbach.

Was bewegt die junge Frau dazu, bei der Jahrzehnte alten Institution Opernball mitmachen zu wollen? Sophie Grau sagt, Musik, Tanz und Theater seien große Leidenschaften. Der Opernball vereint all das.

Mit neun Jahren begann die angehende Musikstudentin, Schlagzeug zu spielen. Danach folgten Gesangsunterricht und das Spielen etlicher Instrumente: Gitarre, Bass, Klavier – „ich kann mich nie auf ein Instrument festlegen“, sagt Sophie Grau. In Musikschulbands spielte sie auch immer mal wieder. Für eine eigene Band fehle ihr aber die Zeit. Als Grau vor ein paar Jahren zu Besuch in Wien war, schaute sie sich eine Vorstellung im Opernhaus an. Die Atmosphäre beeindruckte sie: „Opernhäuser sind einfach mega.“ Die Einheit von Schwarz und Weiß gefällt ihr. Die Herren tanzen traditionell im schwarzen Frack, die Damen im weißen Ballkleid. Auch sie und Iris Klopfer aus Ludwigsburg, ihre Tanzpartnerin und Schulfreundin, müssen sich an die Bekleidungsvorschriften des Hauses halten.

Sie nimmt im Frack die maskuline Rolle ein

Für die Optik ist das ganz wichtig, sagt Grau. Die 21-Jährige wird einen Frack tragen. Für sie ist das kein Problem. Bei einem Herrenausstatter in Stuttgart ließ sie sich beraten. „Iris ist es im Kleid lieber“, sagt sie. „Dann lehne ich mich eben in die maskuline Rolle.“ Sie sagt das so, als schlüpfe sie in die Rolle einer Theaterfigur. „Ich trage das, was alle anderen auch tragen, die beim Tanzen führen“, sagt Grau. „Und das Geschlecht ist dabei irrelevant.“

Sie und Iris Klopfer ordnen sich selbst der LGBTI-Gemeinschaft zu. Unter diesen Begriff werden unter anderem Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle gefasst. In Artikeln, die bisher über das gleichgeschlechtliche Tanzpaar aus Schwaben erschienen sind, wurden die beiden Frauen oft als heterosexuell bezeichnet. Das stimme nicht, sagt Sophie Grau. Ihre sexuelle Orientierung sollte aber auch keine Rolle in der Öffentlichkeit spielen, findet Grau: „Das sollte nicht relevant sein.“ Die 21-Jährige fühlt sich in der klassischen Geschlechteraufteilung von Frauen und Männern ohnehin nicht repräsentiert.

Worum es ihr geht: „Wir wollen tanzen.“ Dass sie als gleichgeschlechtliches Tanzpaar aber Aufmerksamkeit für die Öffnung von Geschlechteridentitäten und sexueller Orientierung schaffen können, sei ein positiver Nebeneffekt. Denn sie engagieren sich für ihre „queere Community“. Sie findet: „Irgendjemand muss halt der Erste sein.“

Auch der Wiener Staatsoperndirektor Dominique Meyer hat nichts dagegen. „Wir sind nicht mehr im 19. Jahrhundert“, sagte er laut einem Bericht der „Stuttgarter Zeitung“. Die Debütantinnen würden die Kleiderordnung und die Linkswalzer-Voraussetzungen erfüllen. Für ihn sei damit alles in Ordnung. Aber natürlich wolle man auch ein „klares Zeichen gegen Homophobie“ setzen.

Tattoos und bunte Haare sind tabu auf dem Ball

Neben der festen Kleiderordnung gilt für die Tänzerinnen ebenfalls: Tattoos dürfen nicht sichtbar sein. Auch auffällige Haarfarben sind nicht erwünscht. Ein Glück, dass Sophie Grau ausnahmsweise mal ihre Naturhaarfarbe hellbraun trägt. „Normalerweise sind sie bunt“, sagt sie. Auch Iris Klopfer muss ihre Haare für den Ball entfärben, gerade ist noch etwas blau drin. Für den Anzug bekommt Grau Manschettenknöpfe vom Wiener Opernhaus, Klopfer wird eine Tiara tragen, die sie danach behalten darf. Die mit Swarovski-Steinen besetzte Krone hat der französische Designer Christian Lacroix getreu des Ball-Mottos „Königin der Nacht“ mit Sternformen gestaltet.

Sich für den Opernball zu bewerben, sei eine spontane Idee gewesen, sagt Sophie Grau. Im vergangenen Sommer hätten sie und Iris Klopfer ein Video vom Ball geschaut. Beide hatten Lust, mehr Standardtanz zu machen. „Wie wär’s?“, dachten sie sich also. Sie füllten den Anmeldebogen auf der Internetseite des Opernballs aus. Dort gaben sie ihre bisherigen Tanzerfahrungen an. Im November kam die Zusage.

Am 20. Februar ist es so weit, dann eröffnen Sophie Grau und Iris Klopfer gemeinsam mit rund 150 Paaren den Wiener Opernball. Für eine Karte haben sie 120 Euro gezahlt. Die beiden reisen knapp eine Woche vorher an, schließlich müssen sie noch proben. Die Choreografie wird am Wochenende vor dem Ball und am Vorabend einstudiert, berichtet Grau. Das sei auch nötig. Da Klopfer in Erlangen Medizin studiert und gerade fürs erste Staatsexamen lernt, sehen sich die beiden momentan nicht oft. „Iris und ich haben seit Silvester nicht mehr zusammen getanzt.“

Ob sie aufgeregt sind? „Nein, irgendwann ist man recht cool“, sagt die 21-Jährige. Am Ballabend selbst könne es aber durchaus anders sein. „Man hat immer diesen Lampenfieber-Moment.“

Mit Tanz, Theater und Gesang soll es für Sophie Grau auch nach diesem Großereignis weitergehen. Sie bewirbt sich momentan für Plätze in den Studiengängen Gesang und Musical-Darstellung. Der Ort sei ihr nicht wichtig. „Man kann überall was draus machen.“ London würde ihr gefallen, wegen der Sprache und der Internationalität.

Fellbach.
Der Einzug von rund 150 Tanzpaaren in die Wiener Staatsoper ist jedes Jahr ein Höhepunkt des Opernballs. Vor 85 Jahren fand dieser zum ersten Mal offiziell statt. Ballveranstaltungen gab es in höheren Kreisen Österreichs aber schon vorher. 2020 gibt es bei der traditionsbewussten Veranstaltung eine Besonderheit: Zwei Frauen werden als Tanzpaar debütieren. Eine davon ist die 21-jährige Sophie Grau aus Fellbach.

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