Kaisersbach

Am Ebnisee feiern Christen Gottesdienst im Grünen

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Viele Gemeindemitglieder genossen die Predigt von Prädikant Joachim Deisenhofer in der Sonne. © Ralph Steinemann

Erfrischend unkonventionell mit Schulterkreisen als Auflockerungsübung im Kampf, den Alltag zu bestehen, in Hemdsärmeln und mit Baseballkappen als Sonnenschutz unter wolkenlos blauem Himmel. So präsentierte sich der „Gottesdienst im Grünen“, zu dem die evangelische Kirchengemeinde Kaisersbach am zweiten Sonntag nach Trinitatis an den Ebnisee eingeladen hatte, getreu dem Motto: Wenn die Menschen nicht in die Kirche kommen, dann kommt die Kirche zu den Menschen.

Es war ein Gottesdienst, den wie so vieles andere auch Covid-19 überschattete: Am Zugang zu dem mit Bändern abgesperrten Areal am hinteren Teil des Sees neben der Waldschenke Rader verteilten eifrige Helfer Gesichtsmasken, erinnerten daran, sich die Hände zu desinfizieren und sich registrieren zu lassen. Die Gemeinde verteilte sich auf den für sie aufgeschlagenen Bierbänken, während gleichzeitig die frühen Sonnenhungrigen ihre Matten und Tücher auf Liegewiese und Bänken ausbreiteten, einsame Schwimmer ihre Bahnen zogen, Tretbootfahrer und Paddler den See kreuzten, sich von Grillstellen ein verlockend einladender Duft ausbreitete, der einem das Wasser im Mund zusammenfließen ließ, und von Bäumen herunter fröhliches Vogelgezwitscher die Hintergrunduntermalung lieferte.

Musikerinnen und Musiker saßen in abgesperrtem Bereich

Auf einer weiteren, separat abgetrennten Fläche neben dem Gottesdienstareal probte noch einmal der Posaunenchor – auch wenn dies eigentlich unüberhörbar nicht nötig war, die Musikerinnen und Musiker beherrschten ihre Instrumente. Die von ihnen angespielten Takte und Melodien zogen die Aufmerksamkeit der Wanderer und Spaziergänger, der Radfahrer und Jogger auf sich, die diesen Bilderbuch-Sommeranfang für einen Ausflug in „Gottes freie Natur“ nutzten und den Ebnisee als Ausgangspunkt nutzten.

Mit „Komm atmet auf“ war auch das Eingangslied passend gewählt. Die erste und die dritte Strophe intonierte der Posaunenchor, die zweite rezitierte die Gemeinde gemeinsam: „Gott liebt alle gleich. Er trennt nicht nach Farben, nicht nach Arm und Reich. Er fragt nicht nach Rasse, Herkunft und Geschlecht.“

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In einem abgetrennten Bereich nahmen die Musikerinnen und Musiker Platz. © Ralph Steinemann


Den Gottesdienst leitete Prädikant Joachim Deisenhofer. Er griff in seiner fesselnden, aus dem Alltagsleben gegriffenen und jeden seiner Zuhörer direkt ansprechenden Predigt den Wochenspruch aus Matthäus 11,28 auf: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen sein; ich will euch erquicken.“ Auf den Schultern vieler Menschen, so Deisenhofers Beschreibung, liegen Verantwortung und Erinnerung wie mit „einer zentnerschweren Mischung aus Felsbrocken, Metallteilen, dicken Papierstapeln und massiven Fragezeichen“ gefüllte Eimer, die links und rechts an einem Joch hängen. Dies sei eine Last, die oftmals zu schwer werde, so dass man sich hinsetzen und durchschnaufen, die Schultern erst hängen und dann kreisen lassen müsse.

Deisenhofer gab den Zuhörern seine Gedanken mit auf den Weg

Erleichterung von dieser Lebenslast verspreche Jesus Christus. Weder bevormunde noch reglementiere er, er weise nicht zurecht und fahre nicht an, und schon gar nicht zwangsbeglücke er die Menschen mit etwas, das sie nicht wollten und nicht brauchten. Ihm gehe es einzig darum, den Menschen etwas Gutes zu tun, sie zu „erquicken“ und ihnen ihre Last zu erleichtern. Wer sich auf den Weg mache, ihn zu suchen, der finde ihn überall dort, wo ebenfalls Jesu Wort gelte: „Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ Dies könne in der Kirche sein, in der kleinen Stille nach dem Gebet, im Licht, das durchs Fenster fällt oder in der Flamme der Kerzen am Altar, aber ebenso im Alltag, wenn man an andere Menschen denke, sich vor jemanden stelle, der Hilfe benötige, jemanden pflege, oder einen anderen, den man bisher nicht beachtet hat, einfach nur wahrnehme und mit ihn rede. „Wir haben es nicht eilig“, gab Deisenhofer der Gemeinde mit auf den Weg. „Wir teilen die Lasten und dann unser Brot. Wir kreisen langsam die Schultern, einmal vor, einmal zurück. Wir finden Ruhe für unsere Seelen.“