Kaisersbach

Lebensmittel teilen statt wegwerfen

Speisekammer in Plüderhausen_0
Jessica Biehler und Anette Siegle haben die Idee in die Praxis umgesetzt – und hoffen nun auf rege Beteiligung der Kaisersbacher. © Habermann / ZVW

Kaisersbach. Nicht nur in Supermärkten, auch zu Hause landen Lebensmittel allzu häufig auf dem Müll. Um dem entgegenzuwirken, haben zwei Kaisersbacherinnen nun einen Schrank aufgestellt, in den jeder überschüssige Lebensmittel hineinstellen und dafür welche herausnehmen kann. Am Freitag wird diese „Speisekammer“ offiziell eingeweiht.

Die Tüte Mehl, die zu viel gekauft wurde, der Kakao, den keiner mehr trinken möchte, oder die Bananen, die bald kaputtgehen, weil grade keiner Lust hat, sie zu essen: alles Lebensmittel, die massenhaft auf dem Kompost, bisweilen auch im Restmüll landen. Einer Studie der Uni Stuttgart zufolge wirft jeder Bundesbürger pro Jahr 82 Kilogramm Lebensmittel weg, vieles davon noch essbar.

Die große Verschwendung

Gegen diese Verschwendung möchten Jessica Biehler und Anette Siegle etwas tun. Nachhaltigkeit ist den beiden Kaisersbacherinnen wichtig. „Wir versuchen das zu Hause auch umzusetzen, so weit es geht“, sagt Biehler, die regionale, ökologisch hergestellte Produkte bevorzugt, regelmäßig auf den Wochenmarkt geht und auch versucht, Verpackungsmüll zu vermeiden.

Immer wenn sie in Schwäbisch Gmünd ist, besucht sie deshalb den Unverpackt-Laden, wo Produkte nur in wiederverwendbaren Behältern angeboten werden.

Auch Siegle kennt den Laden, noch besser aber kennt sie die große Verschwendung, die bei Lebensmitteln tagtäglich stattfindet. Als Botschafterin für Agrarprodukte hat sie das in vielen Supermärkten erlebt. Vieles, was dort auf dem Müll landete, sei nicht mal annähernd kaputt gewesen.

Keine Konkurrenz zur Tafel – das ist den beiden ganz wichtig

Nun wollten die beiden aber der Tafel, die es seit kurzem auch in Welzheim gibt, ganz bewusst keine Konkurrenz machen. Ihre Zielgruppe sind keine Bedürftigen und ihre Quellen keine Supermärkte. Vielmehr geht es ihnen um die kleinen, leicht vermeidbaren Überschüsse, die ungewollte Verschwendung, das ungeplante Zuviel.

Biehler war es, die in der Zeitung vor einem Jahr einen Bericht über die „Speisekammer“ in Plüderhausen las. Eine Studenten-WG hatte einen Schrank am Straßenrand aufgestellt, in den jeder Lebensmittel hineinstellen und entnehmen konnte. Das Projekt überzeugte sie auf Anhieb.

Und gefiel ihr schließlich noch besser, als sie eines Tages zufällig an der „Speisekammer“ vorbeilief und sich selbst ein Bild davon machen konnte, wie gut der Lebensmittel-Tausch, zu Neudeutsch „Food sharing“, funktionierte.

Alles ist noch gut verwendbar

Die Idee, so etwas in Kaisersbach zu machen, ließ sie nicht mehr los. Was bei öffentlichen Bücherregalen funktioniere, müsse doch im Grunde auch bei Lebensmitteln möglich sein. Anette Siegle fand die Idee auch gut – und weil in ihrem Lädle direkt am Ortseingang seit geraumer Zeit auch die Post ist, hatte sie obendrein auch noch den passenden Standort dafür zu bieten: nicht abgelegen, mit relativ viel Durchfahrtsverkehr und zahlreichen Kunden ihres Honig- und Kräutergeschäfts oder der Post. Die Basis ist also gegeben, dass nicht nur viele von dem Schrank Kenntnis nehmen, sondern ihn am Ende auch nutzen.

Ein hölzerner Kleiderschrank wurde dazu umfunktioniert, Siegles Mann Jörg hat Platz im Vorgarten des Sommerrain 3 geschaffen, eine Hecke entfernt und einen passenden Unterstand gezimmert. Eine Isolierung für die kalten Tage soll der Schrank noch bekommen.

Genutzt werden kann er aber bereits jetzt. Und tatsächlich warten Dutzende Lebensmittel in der „Speisekammer“ auf einen neuen Besitzer. Ob Süßigkeiten, Puddingpulver oder Spaghettipackungen: Alles ist noch gut verwendbar. Damit dies auch so bleibt, kontrolliert und putzt Siegle den Schrank täglich. Drei bis vier Personen schätzt sie, nutzten die Speisekammer schon. Genau weiß sie das aber nicht, denn dafür muss sich niemand bei ihr im Laden melden – „einfach Schrank aufmachen und Lebensmittel tauschen!“

Welche Regeln es beim Warentausch zu beachten gilt

Ein paar Regeln seien beim Tausch aber wichtig: Aus hygienischen Gründen sollten nur Waren abgelegt werden, die keine Kühlung benötigen. Obst und Gemüse dürfen auch hinein, sollten aber noch halbwegs frisch sein.

Prinzipiell sollte das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht überschritten sein. Bei Selbstgemachtem wie Marmelade sollten die Inhaltsstoffe angegeben werden.

Siegle hofft, dass der Schrank mit zunehmender Bekanntheit nun auch reger genutzt wird. Und der Platz um ihr Lädle im Ort zu einem kleinen Umschlagplatz wird, an dem sich die Einheimischen zwanglos treffen. Die Kaisersbacherin ist optimistisch, dass das funktioniert.

Ihre Mitstreiterin Biehler auch, wobei sie die Sache letztlich ziemlich pragmatisch sieht: „Wir probieren das aus. Wenn es nicht klappen sollte, dann wird das eben ein Kleiderschrank.“


Einweihung

Offiziell eingeweiht wird die „Speisekammer“ im Sommerrain 3 zusammen mit Bürgermeisterin Katja Müller am Freitag, 13. Juli, um 14 Uhr. Es wird einen kleinen Umtrunk geben.