Kernen

142 Namen auf zwei Stelen: Kernen gedenkt NS-Zwangsarbeitern

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So wie hier in der Fotomontage von Andreas Stiene für den Standort zwischen Kirche und Rathaus sollen die Stelen aussehen. © Montage Andreas Stiene

Jürgen Wolfers Mutter war 14 Jahre alt, als sie in einem Güterwaggon, zusammengepfercht mit 50 anderen, nach Deutschland gebracht wurde. Fünf Tage dauerte die Fahrt von der Ukraine über Warschau und Berlin nach Esslingen. Sie war bei einer Razzia in ihrer Heimat im Jahr 1943 von deutschen Soldaten aufgegriffen worden. Der Sinn und Zweck ihrer elendigen Zugreise: Nazi-Deutschland mangelte es an Arbeitskräften. Die Jugendliche musste fortan auf einem Bauernhof arbeiten.

Das Schicksal seiner Mutter, die nach Kriegsende der Rückführung in die Ukraine entging, weil ihr dort wegen angeblicher Kollaboration mit den Deutschen das Gefangenenlager drohte, hat Jürgen Wolfer aus Kernen dazu bewogen, sich für Erinnerungsorte in seiner Heimat einzusetzen. Hier soll bald der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter – Männer, Frauen und Kinder – gedacht werden, denen in Stetten und Rommelshausen einst Unrecht widerfahren ist. 

Dass sowohl zwischen Kirche und Altem Rathaus in Rommelshausen als auch bei der Glockenkelter in Stetten jeweils eine Stele aufgestellt werden soll, die der Waiblinger Künstler Michael Schäfer im Rahmen eines Wettbewerbs mit der Kunstschule Unteres Remstal entworfen hat, hat der Gemeinderat Kernen in der vergangenen Woche mit großer Mehrheit beschlossen. Auf den Stelen werden die Namen von insgesamt 142 Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern eingraviert sein, die unter anderem in der Glockenkelter untergebracht waren. Die beiden Stelen kosten zusammen etwas mehr als 40 000 Euro, 25 000 Euro übernimmt die Gemeinde, rund 11 000 Euro sind bereits über Spenden finanziert. Die Interessensgemeinschaft Erinnerungsort Zwangsarbeit ruft jetzt zu weiteren Spenden an die Gemeinde auf. Sollten keine weiteren Spenden eingehen, hat die Gemeinde weitere Zuschüsse in Aussicht gestellt, um die Deckungslücke zu schließen.

Dass der Beschluss, die beiden Stelen zu errichten, jetzt gefasst wurde, ist für Andreas Stiene (60) ein „Meilenstein“. Gemeinsam mit Wolfer bemüht er sich seit vielen Jahren um das Zwangsarbeiter-Denkmal. Stiene war auch beteiligt, als der Verein für Heimat und Kultur vor 16 Jahren das Buch „Gefangen, verschleppt und ausgebeutet“ herausgab, in dem Historiker Uwe Reiff die Geschichte der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter in Kernen aufarbeitete. Den Auftrag hatte damals die Gemeinde erteilt, auf Anregung des passionierten Heimatforschers und heutigen Gemeinderatsmitglieds Ebbe Kögel.

Um den Ort des Gedenkens und auch darüber, wie dieser ausgestaltet sein sollte, wurde in Kernen spätestens seit 2012 viel gestritten. Zwei Entwürfe für Gedenktafeln von Stiene und Kögel fanden im Gemeinderat keine Mehrheit, der ursprüngliche Name zum „Tag der Befreiung“ gefiel nicht allen, Vertriebenenverbände meldeten Bedenken an, ob nicht auch ihrer gedacht werden sollte; den Vorschlag, eine Art Mahnmalpool auf dem Friedhof zu errichten, wo auch der Kriegsopfer gedacht wird, stieß wiederum bei den Initiatoren nicht auf Gegenliebe. Als die Stelen vergangene Woche im Gemeinderat abgesegnet wurden, klang das an: „Wir begrüßen das Denkmal, wir hätten uns aber ein umfassendes Denkmal gewünscht, das allen Opfern gerecht wird“, sagte CDU-Fraktionschef Andreas Wersch.

Andreas Stiene ist anderer Auffassung: „Die Vertriebenen haben viele Orte, an denen sie ihrer Vergangenheit gedenken, auch in Rommelshausen. Hier in der Region gibt es 50, 60 solcher Orte.“ Zur institutionalisierten Zwangsarbeit der Nazis gebe es hingegen kaum Gedenkstätten. Wichtig ist ihm und Wolfer, dass die Stelen im öffentlichen Raum aufgestellt werden – und später einmal von Schulklassen für Unterricht vor Ort besucht werden können.

Die Verwaltung spielte eine wichtige Rolle im System

Die Standorte Glockenkelter Stetten und Altes Rathaus Rommelshausen sind dabei kein Zufall. In der Glockenkelter waren Zwangsarbeiter untergebracht, und die Gemeindeverwaltung war laut Stiene „Teil des Systems“. Sie nahm Anfragen von Firmen entgegen und organisierte beispielsweise französische Kriegsgefangene aus dem Stammlager in Ludwigsburg.

Insgesamt waren fast acht Millionen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter im Dritten Reich im Einsatz. 142 Namen, vermutlich waren es mehr, doch diese hier sind eindeutig historisch belegt, werden auf die Stelen in Stetten und Rommelshausen eingraviert. Wer sie studiert, stellt fest: Ganze Familien wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht. Mehr als 60 Frauen waren darunter, auch zahlreiche Kinder.

Historiker Uwe Reiff ist 2004 zum Schluss gekommen, dass die Zwangsarbeiter von den „Römern“ und Stettenern erfreulicherweise als Mitmenschen angesehen und entsprechend behandelt wurden. Auf der anderen Seite mussten sie Abzeichen tragen, die sie als Fremdarbeiter kennzeichneten – etwa ein gelbes „P“ für „Pole“.

Und sie mussten hart arbeiten. Auf dem Friedhof in Rommelshausen werden noch heute zwei Gräber in Ehren gehalten, in denen zwei Männer aus Polen und der Tschechei ruhen, die am Bahngleis in Rommelshausen bei der Zwangsarbeit ums Leben gekommen sind.

Jürgen Wolfers Mutter, Aksana Wolfer, hat nach dem Krieg bei der Firma Rüsch in Rommelshausen ihren zukünftigen Ehemann und damit den Vater von Jürgen Wolfer kennengelernt. Sie hat nur zögerlich über ihr Schicksal gesprochen und sich an vieles ungern zurückerinnert. Vor vier Jahren ist Aksana Wolfer gestorben. Ihr Sohn ist heute 62 Jahre alt. Die lange angestrebten Orte des Gedenkens sollen bald endlich Realität werden.

Jürgen Wolfers Mutter war 14 Jahre alt, als sie in einem Güterwaggon, zusammengepfercht mit 50 anderen, nach Deutschland gebracht wurde. Fünf Tage dauerte die Fahrt von der Ukraine über Warschau und Berlin nach Esslingen. Sie war bei einer Razzia in ihrer Heimat im Jahr 1943 von deutschen Soldaten aufgegriffen worden. Der Sinn und Zweck ihrer elendigen Zugreise: Nazi-Deutschland mangelte es an Arbeitskräften. Die Jugendliche musste fortan auf einem Bauernhof arbeiten.

Das Schicksal

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