Kernen

Aushub vom Ochsen-Areal wird untersucht

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Hobby-Archäologen buddeln sich durch den Aushub vom Ochsen-Areal, wo vermutlich eine historische Wasserburg freigelegt wurde. © Habermann/ZVW

Kernen. „Wie beim Sandeln“ fühlt sich eine Teilnehmerin. „Du meinst wohl Dreckhoddeln“, wird sie korrigiert. Zwölf ehrenamtliche Helfer betätigten sich auf dem Gelände der Stettener Kläranlage als Hobby-Archäologen und stießen in einem Erdaushub vom Ochsen-Areal, wo bei Bauarbeiten vermutlich die Überreste einer historischen Wasserburg entdeckt wurden, unter anderem auf Keramikfragmente, ein Rasiermesser und Knochen.

„Braucht jemand ein Gebiss?“ – mit Schmackes legt Ebbe Kögel die nächste Schippe weiche, feuchte Erde auf die Tischplatten, die schon übersät sind mit zerbröselter Erde. „Das ist ein Kieferstück, bestimmt von einer Wildsau“, hat Inge Heiland eine spontane Eingebung, was das harte Teil mit spitzen Kanten in ihrer Hand sein könnte. Sie dreht den Fund eine Weile, um die Erde abzukratzen, dabei löst sich ein Zahn. „Das ist der Eckzahn, gut aufpassen, dass wir ihn nicht verlieren.“ Vor sich hat sie ihre geborgenen Kleinschätze aufgereiht: Keramikscherben, Knochen, Muscheln. Jedes Fundstück landet in einem Pappkarton, der in den nächsten Tagen den Archäologen übergeben wird. Sie haben einiges zu untersuchen: Gefunden wurden eine Gürtelschnalle, Lederstücke, Messergriffe aus Horn, ein Rasiermesser, Hufeisen, geblasenes Glas, silberne Knöpfe, eine Nähnadel aus Beinknochen, Teile eines Beils, ein Armbrustbolzen, Pferdetrensen, Steigbügel-Überreste und eine Glocke.

Wasserburg aus dem 13. Jahrhundert?

In jedem Häufchen lauern Puzzleteile, die zusammengesetzt Aufschluss geben sollen über Alltagsgewohnheiten, Arbeitsgeräte, Ernährung, Waffen und Kleidung damaliger Dorfbewohner. Der Erdaushub, den die Hobby-Archäologen beackern, wurde in der Ortsmitte ausgebaggert, zur Stettener Kläranlage transportiert und dort zwischengelagert. „Wir unterstützen die Arbeit der hauptamtlichen Archäologen, die den mittelalterlichen Fund analysieren“, erklärt Ute Heinle, Vorsitzende des Vereins für Heimat und Kultur. Einiges deute darauf hin, dass er zu einer ehemaligen Wasserburg aus dem 13. Jahrhundert gehört. Aufgetaucht seien die Fundstücke im Graben, der die Burg umgab (siehe Infobox „Eine herrschaftliche Wasserburg?“).

Die Frage ergibt sich: „Was hinterlasse ich der Nachwelt?“

Petra Kaiserauer-Barth zerkleinert einen groben Dreckklumpen mit dem Handspachtel. Ihre Handschuhe fahren hinein ins Erdreich auf dem Tisch. Sobald sie etwas Hartes zu greifen bekommt, zerkrümelt sie den Klumpen mit den Fingern. „Ich fühle eine gewisse Demut“, meint sie. „Ich sehe die Menschen dahinter und frage mich, wie sie wohl gelebt haben.“ Auch die Hände von Jens Geier gehen auf Tauchstation: Bei der hobbyarchäologischen Exkursion in 800 Jahre alte Erde wird ihm viel über die zeitliche Dimension klar: „Ich staune, dass alles so alt sein soll und so gut erhalten ist.“ Er stelle sich die Frage, „was ich eigentlich der Nachwelt hinterlasse“.

Zeitliche Einordnung

Ute Heinle zählt auf, welche Gegenstände zur zeitlichen Einteilung verwendbar sind: Keramik anhand der Bemalung und Form, Metall, Leder, Knochen und Haare. Ziegel hingegen seien nicht aussagekräftig. Den Teilnehmern ist anzumerken, dass das private und örtliche Geschichtsverständnis immens von der Aktion profitiert. „Es ist eine lebendige Geschichtsstunde und Einführung in die Kommunalpolitik und das Bauwesen“, sagt Ebbe Kögel. Olga Volzer fühlt sich an wissenschaftliche Archäologie-Sendungen im Fernsehen erinnert. „Wann kommt man schon mal dazu, das live mitzuerleben und ungelernt dabei sein zu können.“ Sylvia Schedler, die seit zwei Jahren in Stetten wohnt, buddelt mit: „Eine gute, beruhigende Samstagsbeschäftigung, die Spaß macht und mir den Wohnort näherbringt“, meint sie. „Wie ein Zweitstudium“, findet Begleiterin Petra Kaiserauer-Barth. Man darf gespannt sein, was die Untersuchungen ergeben: Mit dem Bernsteinzimmer oder einem verborgenen Schatz rechnet niemand. „Eher ein Muschelzimmer“, sagt Ute Heinle und zeigt auf die perlmuttartig glänzende Innenseite einer Muschel. Die Erkenntnisse, die sie gewinnen, seien schon jetzt ein Schatz für sich. „Wenn sich herausstellt, dass Stetten älter ist, als es dokumentiert ist, wäre das so viel wert wie ein Schatz.“ Steilvorlage für den Stettener Heimatforscher Ebbe Kögel, der augenzwinkernd anmerkt: „Hauptsache, wir können nachweisen, dass Stetten älter ist als Rommelshausen.“

Eine herrschaftliche Wasserburg?

Das Heimatmuseum kann schon mal eine Vitrine freiräumen – höchstwahrscheinlich wird ein Teil der Scherben dem Heimat- und Kulturverein überlassen und dort ausgestellt. Der Fund ist keine Kleinigkeit: Je nach Ergebnis könnte die Ortsgeschichte neu geschrieben werden.

Die Fundstücke hätten rund sieben bis acht Meter tief gelegen. „Ohne die Tiefgarage hätten wir es nie gefunden“, sagt Ebbe Kögel. Fundort war die Baustelle hinter dem Gasthaus Ochsen, wo beim Bau der Tiefgarage etliche Überreste aus der Stettener Vorgeschichte zum Vorschein kamen. Unter anderem sechs bis zu sechseinhalb Meter lange Eichenbalken mit einem Durchmesser von 70 Zentimeter, zudem kleinere Balken und Eichenpfähle. Ein Eichenbalken habe schon den Weg ins Heimatmuseum gefunden, sagt Ute Heinle, die Vorsitzende des Vereins für Heimat und Kultur. Sie vermutet eine Verbindung zu den Württembergern, da Stetten auf einer Achse zwischen dem Stammsitz in Beutelsbach und der Grabkapelle auf dem Rotenberg liege. „Die Wasserburg wäre somit ein ehemaliger Herrensitz, der dritte im Ort neben der Yburg und dem Schloss, zeitlich vor beiden gelegen.“

Das Fundament bestehe aus dem Schilfsandstein, der auch zum Bau der Yburg verwendet wurde. Das Gebäude, zu dem die Balken gehörten, könnte eine herrschaftliche Wasserburg aus dem 13. Jahrhundert gewesen sein, sagt das Landesamt für Denkmalpflege. In deren erster Pressemitteilung zum Fund im Juni heißt es: „Zwei Proben der Hölzer konnten vorab dendrochronologisch bestimmt werden, woraus sich eine Datierung des Holzschlages in die Zeit zwischen 1220 und 1240 nach Christus ergibt. Diese Datierung wird noch durch systematische Beprobung auf eine sicherere Basis gestellt werden.“


Unterstützung

Die Gemeinde und der Bauhof haben die Aktion mit der Überlassung der Kläranlage zum Deponieren des Aushubs unterstützt. Ute Heinle, die Vorsitzende des Vereins für Heimat und Kultur, rechnet mit einer Erwähnung des Stettener Fundes im Jahrbuch des Landesamts für Denkmalpflege. Was die ehrenamtlichen Hobby-Archäologinnen nicht durchgewühlt bekamen, wird nach Auskunft von Ebbe Kögel entsorgt.