Kernen

Der Krieg werde „unser Leben verändern“: Kernen startet Hilfsaktion für Ukraine

Spendenaktion für die Ukraine
Blau-gelb: Die Gemeindefahne hat die gleichen Farben wie die ukrainische Flagge. © Alexandra Palmizi

„Es hat mich schon getroffen“, sagt der Kernener Bürgermeister Benedikt Paulowitsch über die Situation in der Ukraine. Die Betroffenheit ist groß, da er auch eine persönliche und „intensive Beziehung zu der Ukraine in der Vergangenheit“ gehabt habe, sagt er. „Ich habe beide Länder öfter besucht und da viele Menschen kennengelernt.“

Umso größer ist der Wunsch, sich mit den Menschen in der Ukraine zu solidarisieren und ihnen zu helfen. Das wollen auch viele Kernener, es gebe zahlreiche Spendenanfragen, sagt der Rathaus-Chef.

Spendenaktion startet am Mittwoch (2. März)

Benedikt Paulowitsch ist froh, dass nach zahlreichen Gesprächen und Telefonaten eine Hilfsaktion in Kernen für die Menschen in der Ukraine organisiert werden konnte. Die Spendenaktion des Aktionsbündnisses Kernen startet an diesem Mittwoch, 2. März, an der Alten Kelter in der Stettener Weinstraße. Bis Sonntag, 6. März, werden von zehn bis 20 Uhr die Spenden angenommen. Die Gemeinde hat eine Liste zusammengestellt, was dringend benötigt wird.

Voll beladen sollen nach jetzigem Plan dann ein Zwölf-Tonnen-Lkw und ein Kastenwagen am Sonntag, spätestens am Montag aufbrechen. Den Lkw organisierte die Gemeinde durch Kontakte der Kernen-Masvingo-Gesellschaft.

Fahrzeuge werden von der Feuerwehr Kernen gefahren

Gefahren werden die Fahrzeuge von der Freiwilligen Feuerwehr Kernen. „Wir haben momentan sieben Kameraden, die fahren würden“, teilt Feuerwehrkommandant Andreas Wersch auf Nachfrage unserer Redaktion mit. Geplant seien Zweier-Teams, die sich während der langen Fahrt auch abwechseln können. Weitere Details sollen laut Andreas Wersch noch im Laufe der Woche konkretisiert werden.

„Wir bringen das Ganze in das polnisch-ukrainische Grenzgebiet“, erklärt der Bürgermeister. In die polnische Stadt Cholm, die unweit der ukrainischen Grenze liegt.

Mit der Frage, wohin die Spenden gebracht werden sollen, habe man sich lange beschäftigt, so Paulowitsch. Den entscheidenden Hinweis habe dann der Kernener FDP-Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann gegeben. Von ihm habe der Bürgermeister erfahren, dass gerade in Sindelfingen eine Aktion stattfindet, die Organisatoren vor Ort hätten einen Kontakt zu der polnischen Stadt Cholm.

Spenden sollen in der polnischen Stadt Cholm angenommen werden

Dort sollen die Spenden angenommen und hauptsächlich von Privatleuten über die Grenze in die Ukraine gebracht werden. „Denn was wir mit einem ehrenamtlichen Hilfstransport nicht leisten können, ist ein EU-Grenzübertritt“, sagt der Rathaus-Chef, also eine Fahrt aus dem EU-Land Polen ins Nicht-EU-Land Ukraine.

Wichtig ist für den Kernener Bürgermeister, „dass den Menschen da geholfen wird, aber es ist auch wichtig, dass die Menschen bei uns die Möglichkeit haben, diese europäische Solidarität jetzt auch mitzuerleben und zu spüren“, sagt er. Denn die werde man auch in den nächsten Monaten intensiv brauchen. „Das ist keine Krise, die uns auf ein paar Wochen beschäftigt, sondern das wird unser Leben verändern.“ Deshalb plädiert er dafür, sich immer auf alles Mögliche vorzubereiten, etwa „dass manche Dinge in Zukunft vielleicht schwieriger werden“, sagt er, oder aber, „dass auch das Investitionsverhalten der Gemeinde sich möglicherweise verändern muss“. Deshalb hält er es für wichtig, damit offen umzugehen.

Als der Bürgermeister sich an das Hilfsangebot eines russischen Paares erinnert, das am Dienstagmorgen das Rathaus in Rommelshausen aufsuchte, wird er sehr emotional. Die Frau und der Mann hätten ihre Hilfe angeboten, etwa beim Übersetzen. Wenn dann tatsächlich Menschen aus der Ukraine in Kernen ankommen, werde die Gemeinde auf das Angebot der beiden zurückgreifen. „Die haben eine Tochter“, erzählt er, „die Tochter hat gesagt, sie war immer so stolz, Russin zu sein, ob sie das nicht mehr sein kann.“ Dann versagt dem Bürgermeister kurz die Stimme. „Die Mutter hat gesagt: ‘Doch, darfst du.’“

"Es ist kein Krieg der Russen gegen die Ukrainer"

Und das ist auch für den Bürgermeister wichtig: „Man darf immer noch stolz sein, Russe zu sein“, sagt er. „Es ist kein Krieg der Russen gegen die Ukrainer, sondern es ist ein Krieg von einem Präsidenten gegen ein ganzes Land.“

Für den russischen Angriff auf die Ukraine hat er kein Verständnis. „Wenn man sich mit Putin beschäftigt und auch ansieht, was für Meinungen er früher vertreten hat, das erinnert tatsächlich leider schon an eine Person auch in unserer Geschichte“, sagt er. „Aus meiner Sicht übt dieser Mann gerade Rache an der Geschichte, weil er einfach diesen Niedergang der Sowjetunion nicht überwinden konnte und jetzt auf seine alten Tage die Zeit zurückdrehen will.“

Umso schlimmer sei es für die Menschen in der Ukraine und in Russland. Denn aus seinen Besuchen in den beiden Ländern hat Paulowitsch mitgenommen: „Das sind Brüdervölker, das sind sich sehr ähnliche Menschen.“ Zwar hätten sie kulturelle Unterschiede, so ähnlich wie im deutschsprachigen Raum, doch gleichzeitig aber auch sehr viel gemeinsam. „Wir wollen, dass die Menschen hier auch friedlich weiter zusammenleben. Deswegen finde ich es auch schön, wenn sich Russen melden, die helfen“, sagt Benedikt Paulowitsch.

Wie viele Menschen aus der Ukraine in Kernen aufgenommen werden, ist derzeit nicht bekannt

Wie viele Menschen aus der Ukraine in Kernen aufgenommen werden, könne man zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Auch könne derzeit nicht prognostiziert werden, wie viele Flüchtlinge letzten Endes tatsächlich nach Deutschland kommen.

„Die Europäische Union, die Mitgliedstaaten, haben eine Geschlossenheit an den Tag gelegt, die hatte man sich in den letzten Jahren öfters gewünscht“, sagt der Rathaus-Chef. Er geht davon aus, dass die Flüchtlingsverteilung in Europa gut funktionieren werde. Weiterhin müssen Faktoren miteinbezogen werden, wie der Krieg weiter verläuft, aber auch wie die Bleibeperspektive ist. „Die Ukrainerinnen und Ukrainer, die möchten in ihr Land zurück“, sagt er. Größtenteils handelt es sich bislang um Frauen und Kinder, sagt er.

Schließlich dürfen die wehrpflichtigen Männer im Alter zwischen 18 und 60 die Ukraine nicht verlassen. „Das heißt, die Ausgangssituation ist natürlich eine etwas andere als bei anderen Fluchtbewegungen. Deswegen müssen wir uns das genau anschauen.“

Fest steht bereits, dass große Aufnahmebereitschaft da ist. „Wir bekommen schon tatsächlich Wohnungsangebote, die werden auch alle erfasst“, berichtet Benedikt Paulowitsch. In Kernen werden die Ärmel ohnehin hochgekrempelt. „Wir werden aber auch gemeindeseitig unsere Strukturen – wie wir sie im Sonderstab Corona auch an den Tag gelegt haben – sicherlich in Teilen reaktivieren und uns auch mit einer Stringenz um die Flüchtlingsunterbringung kümmern“, sagt er.

„Es hat mich schon getroffen“, sagt der Kernener Bürgermeister Benedikt Paulowitsch über die Situation in der Ukraine. Die Betroffenheit ist groß, da er auch eine persönliche und „intensive Beziehung zu der Ukraine in der Vergangenheit“ gehabt habe, sagt er. „Ich habe beide Länder öfter besucht und da viele Menschen kennengelernt.“

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Umso größer ist der Wunsch, sich mit den Menschen in der Ukraine zu solidarisieren und ihnen zu helfen. Das wollen auch viele Kernener, es gebe

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