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„Ein Kampf um jeden Cent“ - die Diakonie Stetten fühlt sich in der Coronakrise im Stich gelassen

Diakonie Corona
Pfarrer Rainer Hinzen, der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Stetten. (Archivfoto) © Benjamin Büttner

Viel geklatscht und viel bedankt: Gerade zu Beginn der Corona-Pandemie war die Forderung nach mehr Geld für den Sozialbereich groß. Das Krankenhausentlastungsgesetz wurde ausgebaut, Sonderzahlungen an Alten- und Pflegepersonal angekündigt. Doch ein Bereich wurde dabei übersehen: Einrichtungen der Behindertenhilfe. Die Diakonie Stetten verzeichnet ein millionenschweres Defizit und fühlt sich im Stich gelassen. Eine aktuelle Frage lautet: Wer übernimmt die Kosten für die Impfungen des Pflegepersonals?

Träger von Eingliederungshilfen, wie die Diakonie Stetten, trifft es besonders schwer. Zur Umsetzung der Corona-Verordnungen des Landes bedarf es weitreichender Schutz- und Hygienemaßnahmen. Mehr Personal, mehr Material, weniger Einnahmen – die Kosten will bislang niemand tragen. Nach Angaben der Liga Baden-Württemberg belaufen sich die zusätzlichen Kosten innerhalb des Landes bisher auf rund 84 Millionen Euro.

"Erhebliche Summen, die wir nicht einfach kompensieren können"

Allein die Diakonie Stetten verzeichnet ein Defizit von etwa acht Millionen Euro. „Für uns als gemeinnützige soziale Einrichtung sind das erhebliche Summen, die wir nicht einfach kompensieren können“, sagt Dietmar Prexl, kaufmännischer Vorstand der Diakonie Stetten, in einer eigens hierfür einberufenen Videopressekonferenz.

Das Defizit ergebe sich aus dem Kauf von Pandemieartikeln und Reinigungsbedarf, Corona-Schnelltests für Klienten und Mitarbeitende sowie dem Mehrbedarf an Betreuungs- und Pflegepersonal. Auch eine Quarantäne- und Isolationsstation wurde eingerichtet, um den Betrieb der Einrichtungen trotz an Corona erkrankter Klienten zu gewährleisten.

Geschlossene Kantinen: Umsätze für Essenslieferungen brechen ein

Hinzu kommen weniger Einnahmen durch die angebotenen Dienstleistungen. Unter anderem sei durch die Schließungen von Kitas und Schulen der Umsatz der Essenslieferungen eingebrochen. Auch Produktionsaufträge von Firmen können nicht angenommen werden, da die Werkstätten zeitweise schließen müssen.

Während die Kosten bei Krankenhäusern und der Altenpflege von den Pflegekassen übernommen werden, gibt es für die Eingliederungshilfe keine ausreichenden Regelungen. Auch die Frage der Kostenübernahme für Corona-Impfungen bleibt größtenteils ungeklärt: Zwar werde diese für Klienten und Bewohner übernommen, für das Pflegepersonal gibt es bisher jedoch keine klare Aussage.

Vorstandsvorsitzender Pfarrer Rainer Hinzen fühlt sich im Stich gelassen: „Wir können nicht verstehen, warum Einrichtungen der Altenpflege und Krankenhäuser ungehindert schnell finanzielle Unterstützung erhalten, während es bei der Arbeit mit Menschen mit Behinderung ein Kampf um jeden Cent ist.“ Man sei zwar mit den zuständigen Landkreisen bereits im Gespräch, so Hinzen weiter, bislang gebe es jedoch kaum Reaktionen.

Mitarbeiter an der Belastungsgrenze

„Die Situation bringt uns auch physisch und psychisch an unsere Grenzen“, sagt der Vorstandsvorsitzende. „Unsere Mitarbeitende sind an der Belastungsgrenze. Nicht nur durch das Arbeiten mit Schutzmaßnahmen, sondern auch durch die Arbeitskompensation.“

Allein in der zweiten Welle gab es bislang mehr als 500 Corona-Infektionen innerhalb der Diakonie Stetten und mehr als 20 Todesfälle, unter anderem in Pflegeheimen des Alexanderstifts. Ausfallende Mitarbeitende müssen ersetzt werden. Und dies zu Zeiten des bundesweiten Mangels an Pflegepersonal. Hinzu komme auch noch die Trauerarbeit, für die meist keine Zeit bleibt.

Stehen die Zukunftsprojekte der Diakonie Stetten auf dem Spiel?

Wenn die Frage der Kostenübernahme nicht bald geklärt werde, hätte dies verheerende langfristige Folgen für die Diakonie Stetten. Zur Umsetzung der Landesheimbauverordnung und des Dezentralisierungsprozesses seien Rücklagen gebildet worden. Im Falle keiner Kostenübernahme stehen die Zukunftsprojekte jedoch auf dem Spiel. „Wenn der Ersatz nicht erfolgt, steht der Weiterbetrieb einiger Häuser infrage“, so Dietmar Prexl. „Die Anforderungen, die die Landesheimbauverordnung, die UN-Behindertenrechtskonvention und das Bundesteilhabegesetz stellen, können eben nur dann vollumfänglich und zeitnah erfüllt werden, wenn die entsprechende finanzielle und inhaltliche Unterstützung durch die verantwortlichen Stellen erfolgt.“

Viel geklatscht und viel bedankt: Gerade zu Beginn der Corona-Pandemie war die Forderung nach mehr Geld für den Sozialbereich groß. Das Krankenhausentlastungsgesetz wurde ausgebaut, Sonderzahlungen an Alten- und Pflegepersonal angekündigt. Doch ein Bereich wurde dabei übersehen: Einrichtungen der Behindertenhilfe. Die Diakonie Stetten verzeichnet ein millionenschweres Defizit und fühlt sich im Stich gelassen. Eine aktuelle Frage lautet: Wer übernimmt die Kosten für die Impfungen des

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