Kernen

Hausgeburt: Wie es ist, zu Hause ein Baby zu bekommen - Familie Colosi berichtet

Hausgeburt
Sind glücklich mit ihrer Entscheidung: Andreas Colosi und Clara Deile-Colosi mit ihrem vier Monate alten Sohn Oskar. © Benjamin Büttner

Mit 4450 Gramm und 56 Zentimetern erblickte Oskar im August das Licht der Welt in Stetten – im Wohnhaus seiner Eltern. Denn Clara Deile-Colosi entschied sich dazu, ihr zweites Kind in den eigenen vier Wänden, in vertrauter Umgebung zu gebären. Im Gespräch mit unserer Redaktion sprechen Clara Deile-Colosi (30) und ihr Ehemann Andreas Colosi (33) darüber, weshalb sie sich für eine Hausgeburt entschieden und welche Erfahrungen sie dabei gemacht haben.

Geburt in der Klinik fühlte sich für Clara Deile-Colosi fremdbestimmt an

Wie eine Geburt in der Klinik abläuft, weiß die Familie bereits. „Wir haben den Großen in der Klinik bekommen“, sagt die Sekundarstufenlehrerin. Im Großen und Ganzen sei sie mit ihrer Erfahrung im Spital auch zufrieden gewesen. Aber „das war alles fremdbestimmt“, sagt sie heute rückblickend. Zudem habe sie sich bei der Geburt von Sohn Emil vor sieben Jahren als eine von vielen Patientinnen gefühlt, die sich dem „technischen Vorgang“ in der Klinik fügen müsse.

Clara Deile-Colosi reflektierte die erste Geburt, ihre Ängste, Ressourcen, Stärken und Schwächen. Als sie wieder schwanger wurde, stand für sie fest: „Ich will es dieses Mal anders haben, ich möchte es dieses Mal als eine selbstbestimmte Geburt erleben – als einen ganzheitlichen Prozess, als auch etwas Persönliches und in der vertrauten Umgebung.“

„Eine selbstbestimmte Geburt, in einer ruhigen, entspannten, vertrauten Atmosphäre“

Clara Deile-Colosi setzte sich intensiv mit dem Gedanken an eine Hausgeburt auseinander. „Ich habe dann ein Bewusstsein dafür bekommen, wie ich mir so eine Geburt überhaupt wünsche“, sagt sie. Und schnell war für sie klar: Sie wollte „eine selbstbestimmte Geburt, in einer ruhigen, entspannten, vertrauten Atmosphäre“.

Die Familie Colosi nahm Kontakt mit der Hebamme Doris Vitzthum aus Waiblingen-Bittenfeld auf. Seit mehr als 30 Jahren bietet sie Hausgeburtshilfe an. 25 Jahre lang betreute Doris Vitzthum außerklinische Entbindungen alleine. „Im Team sind wir erst seit drei Jahren“, sagt Vitzthum, die vor ihrer Hebammen-Zeit früher als Krankenschwester auf der Intensivstation arbeitete. Derzeit arbeiten Doris Vitzthum und ihre Kolleginnen noch auf Vertretungsbasis, von Januar 2023 an gründen sie offiziell eine Partnerschaftsgesellschaft.

Familie Colosi lernte die Hebamme Vitzthum und ihr Team kennen, war bei der Vorsorgeuntersuchung und nahm an Geburtsvorsorgekursen teil. „Ich habe in diesem ganzen Prozess mich sehr viel mit mir selbst beschäftigt und meiner Rolle als Gebärdende“, sagt Clara Deile-Colosi.

„Meine Aufgabe ist es, sie zu unterstützen und für sie da zu sein“

Andreas Colosi erinnert sich, wie seine Frau bereits zu Beginn der Schwangerschaft mit der Idee der Hausgeburt auf ihn zukam. Er habe sich informiert, was eine Entbindung in den eigenen vier Wänden „beinhaltet und worauf es dabei ankommt“. Nach kurzer Zeit ist für das Kernener Gemeinderatsmitglied (Parteifreies Bündnis) allerdings recht schnell klar gewesen, dass er seine Ehefrau in ihrem Wunsch unterstützen möchte. „Alles andere fände ich auch vermessen, weil sie trägt das Baby 40 Wochen in ihrem Bauch und muss auch die ,Arbeit‘ bei der Geburt leisten“, sagt er. „Meine Aufgabe ist es, sie zu unterstützen und für sie da zu sein.“

Wohnung wird auf Entbindung vorbereitet

Clara Deile-Colosi entschied sich für eine Wassergeburt. Dazu lieh sich die Familie einen sogenannten aufblasbaren Geburtspool von der Hebamme aus. Um für eine entsprechende Atmosphäre zu sorgen, schrieb sich Clara Deile-Colosi Motivationswörter auf Kärtchen auf, zündete Kerzen an. Die Wohnung wurde ebenfalls auf die Entbindung vorbereitet – unter anderem mit Malervlies als Unterlage, Handtüchern, Decken oder Laken bestückt. „Das meiste hat man zu Hause“, sagt Doris Vitzthum, „bis auf große Damenbinden.“ Diese seien einfach im Drogeriegeschäft zu finden.

Wenn Clara Deile-Colosi im Nachhinein ihre beiden Geburten miteinander vergleicht, ist ihr Fazit klar: Zu Hause hat es ihr „definitiv besser“ gefallen. „Es ging mehr um meine Bedürfnisse“, sagt die zweifache Mutter. Auch dass sie eine „Eins-zu-eins-Betreuung“ gehabt habe, sei für sie „Luxus“ gewesen. „Zum Schluss kommen die sogar zu zweit. Ich hatte zwei Hebammen, die einfach nur für mich da waren.“

Ein weiterer Vorteil, das Kind zu Hause zu bekommen, findet Clara Deile-Colosi, sei unter anderem auch, sich frei bewegen zu können. Im Spital sei man an das sogenannte CTG-Gerät angeschlossen, das den Wehendruck misst und die Herztöne des Babys hörbar macht. Zu Hause hingegen konnte die 30-Jährige je nach Lust und Laune noch etwas aufräumen oder sogar mit Sohn Emil spielen. „Es war sehr gemütlich, man hatte zwar irgendwie alle paar Minuten Wehen“, sagt sie, aber das gehöre nun mal dazu.

Siebenjähriger Sohn war bei der Geburt dabei

Der siebenjährige Emil war den ganzen Tag über da. „Er war auch bei der Geburt dabei“, fügt Clara Deile-Colosi hinzu. Das bereitete Andreas Colosi anfangs noch Sorgen. „Ich hatte mir am Anfang schon Gedanken gemacht, und das war eine meiner Sorgen“, gesteht der zweifache Vater, „wie ist es für Emil, wenn er dabei ist? Ist es verstörend oder was macht es mit ihm?“ Doch für Emil sei es „komplett selbstverständlich“ gewesen, erklärt Clara Deile-Colosi. „Ja, natürlich bin ich bei der Geburt dabei, ist doch mein Bruder’“, zitiert sie den Siebenjährigen. Auch die Hebamme unterstützte die Entscheidung der Familie.

„Für uns war es dann wichtig, dass es einfach noch eine Person gab, die für ihn zuständig ist“, sagt Clara Deile-Colosi. So kümmerte sich die Großmutter den ganzen Tag über um Emil.

Sohn über die anstehende Geburt aufgeklärt

Bereits in der Vorbereitungsphase klärte die Familie ihren Sohn über die Geburt auf. „Wir haben immer wieder mit ihm gesprochen. Auch gesagt: Die Mama wird auch Schmerzen haben – ganz selbstverständlich. Da ist auch Blut“, erzählt Andreas Colosi. „Die Vorbereitung war schon sehr intensiv“, fügt der Sozialpädagoge hinzu.

Bis in den Nachmittag hinein verbrachte die Familie die Zeit ganz normal. Als die Wehen regelmäßig wurden, informierte sie die Hebamme. „Und dann ist die Clara in den Pool gegangen. Dann hat der Prozess der Geburt so richtig begonnen“, erinnert sich der 33-Jährige. Emil kraulte seiner Mutter den Rücken, gab ihr etwas zu trinken oder warf ihr „Hilfs“-Badeenten in den Pool, wie sich Clara Deile-Colosi erinnert. Zwischendurch sei er auch weggegangen, um zu spielen. „Wir hatten nie das Moment, dass wir ihn überfordern“, sagt die zweifache Mutter und fügt hinzu: „Ich habe auch dazugelernt, dem Emil da zu vertrauen, dass er das für sich erkennen kann, und weiß, was er braucht, was ihm etwas zu viel ist.“

Nachgeburt

Die Geburt von Oskar, die etwa zehn bis 12 Stunden dauerte, verlief ohne Komplikationen, wie das Ehepaar Colosi berichtet. Nach der Entbindung seien sie aufs Sofa ins Wohnzimmer gegangen. „Dann kam auch die Nachgeburt“, sagt Clara Deile-Colosi. „Das war für mich das Thema, wo ich am meisten Ekel vor hatte – die Plazenta“, gesteht Andreas Colosi. „Aber, wenn ich mir anschaue, was eine Frau an dem Tag an Kraft und an Energie aufbringen muss, werde ich mich nicht beschweren, dass ich einen Ekel bei der Nachgeburt habe“, betont er ausdrücklich. „Hauptsächlich geht es ja nicht um mich. Ich bin da, um zu unterstützen“, sagt der zweifache Vater.

Zu Hause in das Wochenbett starten zu können, sei auch aus seiner Sicht sehr schön gewesen. Auch die Untersuchungen wurden direkt im Wohnzimmer auf dem Sofa gemacht.

Was, wenn Komplikationen auftreten?

Bereits im Geburtsvorbereitungskurs informierte sich die Familie, was passiert, wenn es zu irgendwelchen Komplikationen vor, während oder nach der Geburt kommt. „Ein Teil dieser Geburtsvorbereitung war auch, dass wir eine Handlungssicherheit bekommen haben: Wie wird mit Komplikationen umgegangen, falls es welche geben sollte“, sagt Andreas Colosi.

Je nach Situation hätte die Familie selber in die Klinik fahren, einen Krankentransportwagen rufen oder bei einer „ganz schwierigen Komplikation“ einen Notarzt alarmieren müssen. Diese Szenarien seien während der Vorbereitungsphase durchgespielt worden, so Andreas Colosi.

Dass es eine Komplikation sowohl in der Klinik als auch in den eigenen vier Wänden geben könne, sei der Familie bewusst gewesen. „Wir haben darauf vertraut, dass die Hebammen alles im Griff haben, und wenn sie merken, sie kommen nicht weiter, dann geht’s in die Klinik“, sagt Andreas Colosi.

Was passiert, wenn die Hebamme während der Hausgeburt keine Zeit hat?

Es könnte schließlich tatsächlich passieren, dass eine andere Frau, die die Hebamme betreut, in demselben Zeitraum auch gebärt. Dann kommt eine Vertretungskraft aus dem Hebammen-Team, so Colosi. „Die Sicherheit ist einfach da, egal wie es kommt, es kommt jemand zu uns“, sagt er und fügt hinzu: „Wir hatten vollstes Vertrauen in dieses Fachpersonal, in die Hebammen, die eine sehr persönliche Beziehung zu uns aufgenommen haben und uns sehr persönlich begleitet haben.“

Drei Wochen vor und zwei Wochen nach dem errechneten Geburtstermin ist die Hebamme für die Familie 24 Stunden am Tag erreichbar. Für die Rufbereitschaft zahlt die Familie 650 Euro aus eigener Tasche. Die Rechnung könne man bei der Krankenkasse einreichen, einige Versicherungen übernehmen einen Anteil der Kosten, so die Familie. „Die Vorsorgeuntersuchung kann man entweder beim Frauenarzt machen oder bei der Hebamme, die werden von der Krankenversicherung übernommen, der Geburtsvorbereitungskurs und die Wochenbettbetreuung auch“, sagt Clara Deile-Colosi.

„Meine Frauenärztin war zum Glück sehr aufgeschlossen“

Apropos Frauenarzt. Wie reagierte Clara Deile-Colosis Gynäkologin auf den Wunsch, zu Hause zu entbinden? „Meine Frauenärztin war zum Glück sehr aufgeschlossen“, sagt sie. Bei ihr war die 30-Jährige nur für drei Ultraschalls in der Praxis.

Hausgeburt ja oder nein. Die Familie Colosi sagt: „Letztlich muss es jede Familie für sich selbst entscheiden.“ Ihr Fazit ist: „Wir würden es noch mal machen.“

Hausgeburten in Kernen

Der Kernener Gemeindeverwaltung zufolge hat es in diesem Jahr drei Hausgeburten in dem Weinort gegeben, vergangenes Jahr hingegen keine.

Mit 4450 Gramm und 56 Zentimetern erblickte Oskar im August das Licht der Welt in Stetten – im Wohnhaus seiner Eltern. Denn Clara Deile-Colosi entschied sich dazu, ihr zweites Kind in den eigenen vier Wänden, in vertrauter Umgebung zu gebären. Im Gespräch mit unserer Redaktion sprechen Clara Deile-Colosi (30) und ihr Ehemann Andreas Colosi (33) darüber, weshalb sie sich für eine Hausgeburt entschieden und welche Erfahrungen sie dabei gemacht haben.

Geburt in der Klinik fühlte sich

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