Kernen

Impfgegner im Bürgerhaus Kernen: Hausarzt Freimuth Hessenbruch verbreitet Verschwörungsmythen

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Während des gesamten Vortrags galt die Maskenpflicht. © MARKUS METZGER

Alle Mutationen des Coronavirus seien „ungefährlich“, das Impfen schon für Erwachsene „fatal“, Geimpfte seien „hochansteckend“ und in den Krankenhäusern lägen mittlerweile nur noch Menschen mit Impfnebenwirkungen, keine Covid-19-Erkrankten mehr. Mit solchen haarsträubenden Aussagen füllte der Stettener Hausarzt Dr. Freimuth Hessenbruch unlängst gleich zweimal das Bürgerhaus Kernen.

Allmende initiiert die Veranstaltung, über 200 Menschen kommen

Die Allmende Stetten hatte zu den beiden Veranstaltungen unter dem Titel „Corona – Wege aus der Krise durch Aufklärung“ eingeladen, Initiatorin war PFB-Gemeinderätin und Allmende-Mitglied Corinna Konzmann.

Trotz Voranmeldung über die Allmende Stetten stehen die Vortragsgäste quer über den Rathausvorplatz, über 200 Menschen müssen es sein. Die Sitzplätze im Saal reichen längst nicht für alle Interessierte, einige stehen außen an den Fenstern des Saals im Bürgergarten und hören von dort aus zu.

Anwesend: Anthroposophen und Corona-Demonstranten

Die Zuhörer fahren teils mit Göppinger Kennzeichen vor, auch Menschen aus Stuttgart, Korb und Remseck sind dabei. Ein vielfältiges Publikum, Leute aus der der anthroposophischen Szene sind dabei, mancher war auch bei Corona-Demonstrationen in Waiblingen. Die beiden Veranstaltungen waren in den teils vom Verfassungsschutz beobachteten Querdenker-Gruppen auf Telegram auf viel positive Resonanz gestoßen.

Paulowitsch: Allmende haftet für Maskenpflicht-Verstöße

Bei dem Vortrag habe es sich um eine reine Veranstaltung des Vereins Allmende gehandelt, der das Bürgerhaus der Satzung entsprechend angemietet habe, stellt Bürgermeister Benedikt Paulowitsch klar. In der Satzung steht unter anderem, dass die Hausregeln und die geltenden Hygieneregeln eingehalten werden müssen – dazu gehört auch die Maskenpflicht.

Viele der Zuschauer hätten im Vorfeld ein Attest vorgelegt und waren von dieser befreit, informiert Paulowitsch. Wer sich aber während des Vortrags einfach so die Maske herunterzog, verstieß damit gegen die Auflagen: Hier haftet die Allmende als Veranstalter. Die Verwaltung werde mit dem Mitarbeiter des Ordnungsdienstes, der vor Ort war, über dieses Thema sprechen.

Vortrag könnte für Allmende Konsequenzen haben

„Wenn sich der Verdacht bestätigt, wird es ein Gespräch mit dem Veranstalter geben und das hätte dann Konsequenzen für künftige Veranstaltungen“, so Paulowitsch. Im Vorfeld auf einen reinen Verdacht hin eine Veranstaltung zu unterbinden, sei aber einfach nicht möglich. Auch sei die erste Runde der Veranstaltung unproblematischer abgelaufen. „Der Vortrag war ja auch nicht als Querdenker-Veranstaltung tituliert, sondern es ging um den Umgang mit der Krise.“

Der ehemalige Gemeinderat und Allmende-Vorstand Eberhard Kögel trat als locker-flockiger Moderator auf und sah offenbar keine Notwendigkeit, die verschwörungstheoretischen Aussagen des Abends zu kommentieren. Zwar erinnerte er noch an die Maskenpflicht, doch viele Besucher hatten keine Maske auf, bei anderen hing sie achtlos unter der Nase oder unter dem Kinn. Das schien hier niemanden zu stören.

Keine Masken in der Arztpraxis: KV hat nicht zugestimmt

Auch in Hessenbruchs Praxis gilt die Maskenpflicht nicht viel: Man halte stattdessen Abstand. Er sei deswegen bereits sowohl bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) als auch bei der Ärztekammer angezeigt worden, beide Institutionen hätten sein Hygienekonzept aber abgesegnet.

Die KV bestreitet das auf Nachfrage. Sie seien gar nicht befugt, so eine Ausnahme von der landesweiten Corona-Verordnung zu genehmigen, informiert KV-Pressesprecher Kai Sonntag. Auch heiße die KV so etwas auf keinen Fall gut: „Hygienemaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie müssen auch in Arztpraxen selbstverständlich sein. Dazu gehört auch das Tragen von Masken“, so Sonntag. Schließlich sei die Pandemie noch nicht vorüber: „Jeden Tag sterben noch Menschen in Baden-Württemberg an Covid.“

Heilung von Covid-19 mit Homöopathie?

Freimuth Hessenbruch behauptet, mehr als 160 Patienten mit schweren Verläufen mittels seiner alternativmedizinischen Medikation geheilt zu haben. Einen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass die von Hessenbruch als Allheilmittel angepriesene Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus wirkt, gibt es bis heute nicht.

Immer wieder geht anerkennendes Raunen durch die Reihen, spontan wird applaudiert. Der Mediziner spricht offensichtlich genau das aus, was diese Menschen hören wollen. Hinter der Impfkampagne und der mehrfachen Impfung vermutet der Hausarzt anscheinend eine Verschwörung.

Hessenbruch schürt Angst vor Geimpften

Bei einigen im Publikum herrscht offensichtlich spätestens nach diesem Vortrag eine regelrechte Furcht vor Geimpften. „Wie wir wissen, sind Geimpfte teilweise richtige Super-Spreader, definitiv“, behauptet Hessenbruch.

Die These, dass die Corona-Impfung gerade mit Biontech ansteckend und gefährlich sei, wurde jedoch bereits von mehreren Medien unter Bezugnahme auf wissenschaftliche Erkenntnisse auf ihre Echtheit untersucht: unter anderem der gemeinnützigen Non-Profit-Organisation Correctiv. Das Ergebnis: Hierbei handelt es sich um Fake News – um Falschinformationen, die von Impfgegnern gezielt verbreitet werden.

Kein Kommentar von Allmende 

Dass sich Hessenbruch ebenfalls dieser Legende bedient, scheint sogar seinem Co-Referenten, dem Heilpraktiker Evangelos Charitos, zu weit gegangen zu sein, der am Schluss noch einmal das Wort ergriff. „Lassen Sie diese Angst nicht zu!“, forderte er das Publikum auf. Von Seiten der Allmende Stetten erfolgte abschließend keine Einordnung der zum Ausdruck gebrachten Meinungen – auch der sonst so meinungsstarke Eberhard Kögel lies Hessenbruchs Thesen unkommentiert im Raum stehen.

Alle Mutationen des Coronavirus seien „ungefährlich“, das Impfen schon für Erwachsene „fatal“, Geimpfte seien „hochansteckend“ und in den Krankenhäusern lägen mittlerweile nur noch Menschen mit Impfnebenwirkungen, keine Covid-19-Erkrankten mehr. Mit solchen haarsträubenden Aussagen füllte der Stettener Hausarzt Dr. Freimuth Hessenbruch unlängst gleich zweimal das Bürgerhaus Kernen.

Allmende initiiert die Veranstaltung, über 200 Menschen kommen

Die Allmende

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