Kernen

Kernen: Bahn lässt Behinderte im Stich

"Barrierefreier Rems-Murr-Kreis
Betroffene berichten: Links Simon Maier von Kreisjugendring, Zweiter von rechts Hermann Kolbe. Er ist Mitbegründer der Initiative. © Uwe Roth

Kernen/Stuttgart-Bad-Cannstatt. Stolperfallen beim Einstieg, fehlende Rampen und kaputte Aufzüge: Menschen mit einer Behinderung betrachten sich als vernachlässigte Bahnkunden. Die Initiative Barrierefreier Rems-Murr-Kreis hat am Dienstag Betroffene berichten lassen.

Ulrike (Name geändert) ist Rollstuhlfahrerin und wohnt in der Diakonie Stetten. An einem Sonntag hat sie die Idee, alleine einen kleinen Ausflug zu machen. Sie will in ein Café in Waiblingen. Eine Distanz von zehn Kilometern. Vier Stunden später ist die Rollstuhlfahrerin wieder daheim - völlig entnervt und ohne auch nur einen Schluck Kaffee getrunken zu haben. Was so spontan geplant war, ist zu einer unfreiwilligen Odyssee geworden.

Mit ihrer Gebehinderung war sie Gefangene verschiedener Bahnhöfe. Aufzüge waren lahmgelegt, oder im Zug fehlte die Rampe, oder sie war ebenfalls defekt. Hing die Frau mit ihrem Rolli auf einem Bahnsteig fest, musste sie auf den nächsten Zug warten. Eine Station weiter konnte sie dann ihr Glück probieren, von dort in der Gegenrichtung ihrem Ziel wieder ein Stück näher kommen. Am Ende jedoch kapitulierte sie und wollte nach langem Hin- und Herfahren nur noch eines - nach Hause.

Initiativkreis protestiert seit 2013 für Barrierefreiheit

Die behinderte Frau berichtet ihr Abenteuer am Dienstag in einem Pressegespräch. Dazu eingeladen haben Ebbe Kögel und Hermann Kolbe vom Initiativkreis Barrierefreier Rems-Murr-Kreis. Seit mehreren Jahren streiten das Kernener Gemeinderatsmitglied und der Diakonie-Mitarbeiter abwechselnd mit der Bahn, der Region Stuttgart und dem Verkehrsministerium für die Barrierefreiheit von Stationen, an denen die S-Bahnen der Linien 2 und 3 haltmachen. Besonders lückenhaft sind die Einstiege in Rommelshausen und Stetten-Beinstein. Es sind wahre Stolperfallen, nicht nur für behinderte Menschen, wie die gezeigten Fotos nachvollziehbar demonstrieren. Für Menschen im Rollstuhl oder mit einer Gehhilfe bleiben die Hürden ohne fremde Hilfe unüberwindbar.

Seit 2013 haben die Mitglieder des Initiaitvkreises fünfmal öffentlich auf die Missstände aufmerksam gemacht. Jetzt haben Kögel und Kolbe erneut zu einem Pressegespräch mit Betroffenen eingeladen, um bei den Verantwortlichen Druck aufzubauen. Die Betroffenen in der Runde können nicht mal so g’schwind eine Treppe hochsteigen oder problemlos mit einem extra großen Schritt eine Spalte zwischen Bahnsteig und Zugeinstieg überwinden. Das Treffen ist im Wohnheim der Diakonie Stetten in Cannstatt. So bleibt einigen, die ihre Erlebnisse schildern möchten, die aufwendige Fahrt nach Waiblingen erspart. Alle berichten von ähnlichen Vorfällen entlang der Strecken nach Schorndorf oder Backnang, wie sie Ulrike erlebt hat. Dass die Zustände unhaltbar sind, daran besteht wenig Zweifel.

Manche berichten von Unfällen mit Verletzungen beim Ein- oder Aussteigen. Arztbesuche oder sogar Operationen seien notwendig gewesen. Manche in der Runde sagen, sie würden S-Bahnen oder auch Regionalzüge mittlerweile komplett meiden. Simon Maier vom Kreisjugendring, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, fasst die Situation so zusammen: Es sei einfacher, mit einem ICE von Stuttgart nach Hamburg zu fahren, als mit der Bahn von Stuttgart nach Backnang oder Schorndorf.

Rosemary Collier-Joos, Leiterin Mobilitätstraining bei den Remstal-Werkstätten, weiß aus ihrer beruflichen Erfahrung, welchen Aufwand Behinderte betreiben müssen, um selbstständig von A nach B zu kommen. Die Diakonie-Mitarbeiterin berichte, dass im Rems-Murr-Kreis etwa 800 Familien mit Angehörigen leben, die beim Reisen Unterstützung benötigen. Bei größeren Unternehmungen seien Vorplanungen von bis zu sechs Wochen notwendig.

Von einem Vorstand der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) hat der Initiativkreis erfahren, dass man in Zukunft mit bis zu 30 Prozent Fahrgästen rechnet, die eingeschränkt mobil sind. Mit solchen Prognosen müsste auch die Deutsche Bahn rechnen. Doch insgesamt entwickelt sich die Barrierefreiheit im öffentlichen Personennahverkehr ÖPNV nur sehr langsam, stellen Kögel und Kolbe fest - trotz aller öffentlichen Proteste und Hinweise auf Barrierefreiheit als ein Menschenrecht. „Muss erst noch ein tödlicher Unfall passieren, bevor die Verantwortlichen aufwachen?“, fragt Kögel.

Es gibt wenig Interesse an einer Verbandsklage

Bleibt dem Initiativkreis noch der Klageweg. Doch der kostet Zeit und vor allem viel Weg. Kögel und Kolbe suchten die Unterstützung von sozialen und kirchlichen Organisationen für eine Verbandsklage. Doch bislang vergeblich. Der Bundesverband evangelischer Behindertenhilfe habe ebenso abgesagt wie auch die Diakonischen Werke Deutschland und Württemberg. Eine Stellungnahme des VdK steht noch aus.

Hermann Kolbe hat allerdings nicht vor, mit seinen Mitstreitern klein beizugeben. „Ich bin Optimist“, versichert er. Bei ihm gelte das Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein. Vor den Sommerferien plant der Aktionskreis, eine Petition mit möglichst allen Interessensvertretern von Gehbehinderten an den Arbeitskreis der Interkommunalen Gartenschau zu richten, damit auch von dort Druck auf die Deutsche Bahn ausgeübt wird.