Kernen

Kernens Bürgermeister Benedikt Paulowitsch: „Man spürt einen abnehmenden Respekt“

BM Bendikt Paulowitsch
Bürgermeister Benedikt Paulowitsch (Archivfoto). © Benjamin Büttner

Beleidigungen, Sachbeschädigungen und „Montagsspaziergänger“, die an privaten Wohnhäusern von Kommunalpolitikern vorbeiziehen. Von Letzterem war auch Benedikt Paulowitsch, Bürgermeister von Kernen, betroffen. In einem offenen Brandbrief beklagte das „Netzwerk junger Bürgermeister“ Bedrohungen durch Gegner der Corona-Maßnahmen. Auch Paulowitsch unterzeichnete das gemeinsame Schreiben.

Im Interview mit unserer Redaktion hat der 33-jährige Rathaus-Chef über Corona-Gegner, Radikalisierung und das Netzwerk junger Bürgermeister gesprochen.

Spüren Sie einen zunehmenden Hass mit Blick auf die Corona-Gegner?

„Also ich bekomme jetzt persönlich nicht so extreme Hassnachrichten wie manch ein Kollege. Aber man spürt, wie doch bei manchen Menschen das Aggressionslevel steigt und sich etwas zusammenbraut. Das äußert sich dann indirekt und wird beispielsweise in Telegram-Gruppen deutlich. Da merkt man, dass manche ein kritisches Level erreicht haben, das potenziell gefährlich ist. Inzwischen gibt es Extremfälle wie bei meinem Kollegen Christof Bolay (Anm. d. Redaktion: Oberbürgermeister von Ostfildern), der massenhaft Morddrohungen bekommt. Man spürt ganz generell einen abnehmenden Respekt vor staatlichen Einrichtungen, vor Amts- und Mandatsträgern. Probleme werden häufig komplett personalisiert.

Haben Sie Sorge vor einer Radikalisierung?

Es ist einfach so, dass sich in den letzten zwei Jahren manche Menschen so tief in Verschwörungstheorien verirrt haben, dass es schwer wird, die da wieder rauszubekommen. Selbst wenn Corona vorbei ist, bleibt ein extremes Misstrauen vor jeglichen Institutionen wie den Medien oder dem Staat. Die Folge ist, dass diese Menschen auf das nächste Thema anspringen. So nimmt die Radikalisierung schrittweise zu. Die USA sind da ein gutes Beispiel: Dort dachte man auch, dass man halt Donald Trump nur einmal schlagen müsste und dieser Spuk schnell vorbeigeht. Das Gegenteil ist der Fall. Dieses Misstrauen ist inzwischen tief verwurzelt. Das erhöht die Gefahr insbesondere rechtsextremer Tendenzen, und auch der Konflikt mit Russland birgt hier ein hohes Risikopotenzial.

Sie sind im Netzwerk junger Bürgermeister, was passiert dort?

„Ich bin offen gesagt in diesem Netzwerk gar nicht so aktiv dabei. Es ist ein Netzwerk, das insbesondere durch den Oberbürgermeister von Heidenheim, Michael Salomo, vorangetrieben wurde. Es ist ein Verbund von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern U 40. Es gibt Stammtisch- und Jahrestreffen oder auch Veranstaltungen. Bürgermeister haben aber ganz grundsätzlich verschiedene Netzwerke, in denen man sich austauscht. Solche Verbindungen sind sehr hilfreich, um gemeinsam auch mal größere Themen gegenüber anderen Ebenen zu vertreten. So wie es jetzt auch durch den Brandbrief zu Hass und Radikalisierung geschehen ist.

Welche Chancen bietet das Netzwerk jungen Bürgermeistern?

Das Netzwerk ist eine Chance, dass jüngere Generationen an Bürgermeistern größere Themen mit anstoßen können. Ich denke beispielsweise, dass wir große staatliche Reformen in den nächsten Jahren benötigen, um die Handlungsfähigkeit des Staates zu erhöhen, und da schauen die jungen Bürgermeister natürlich ein bisschen anders auf die Probleme. Daher ist es natürlich super, wenn man sich da vernetzt und zusammentut. Das Netzwerk hat es aber auch geschafft, dass der Bundespräsident sich dem Amt des Bürgermeisters sehr intensiv gewidmet hat.

Wollen Sie abschließend noch etwas hinzufügen?

„Es ist einfach schade, dass uns dieses Thema Hass und Verschwörungstheorien oder auch einzelne Gruppen so intensiv beschäftigen. Ich muss mal offen sagen, dass wir erheblich wichtigere Themen zu bearbeiten und wahrlich Besseres zu tun haben. Das merkt man jetzt an dem Krieg in Europa, aber wir haben auch genug andere Herausforderungen, die eigentlich die Aufmerksamkeit von uns erfordern.“

Beleidigungen, Sachbeschädigungen und „Montagsspaziergänger“, die an privaten Wohnhäusern von Kommunalpolitikern vorbeiziehen. Von Letzterem war auch Benedikt Paulowitsch, Bürgermeister von Kernen, betroffen. In einem offenen Brandbrief beklagte das „Netzwerk junger Bürgermeister“ Bedrohungen durch Gegner der Corona-Maßnahmen. Auch Paulowitsch unterzeichnete das gemeinsame Schreiben.

Im Interview mit unserer Redaktion hat der 33-jährige Rathaus-Chef über Corona-Gegner, Radikalisierung

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper