Kernen

Medizinstudentin aus der Mongolei besucht Familie Bozenhardt in Kernen

Medizin-Studentin
Amina Altangerel zu Besuch bei Jeannette und Dr. Rainer Bozenhardt. © ALEXANDRA PALMIZI

Amina Altangerel hat das möglich gemacht, was bisher in dem Tuwa-Volksstamm, der im Westen der Mongolei seine Heimat hat, nicht vorkam: Als erste Frau aus dem Nomadenstamm studiert die 23-Jährige Medizin. Bei 2500 Metern Höhe lebt ihre Familie in der an Kasachstan grenzenden Gebirgsregion Altai, sie besucht in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar die Nationaluniversität.

Zwei Stunden auf dem Pferd zur Schule

Um die Schule besuchen zu können, brachte sie ihr Vater – jedes Mal nach Ende der Sommerferien – auf einem Pferd ins Dorf „Tsengelsum“, das zwei Stunden entfernt liegt. Während der Schulzeit übernachtete Amina Altangerel dort bei ihrer Tante und kehrte zu Beginn der Sommerferien zurück in das Sommerlager zu ihren Eltern. Derzeit ist die junge Frau während ihrer Semesterferien bei dem Ehepaar Jeannette und Dr. Rainer Bozenhardt in Stetten zu Gast.

Gastfreundschaft ist bei den Nomaden oberstes Gebot

Während einer Studienreise der Galsan-Tschinag-Stiftung des aus der Mongolei stammenden gleichnamigen Schriftstellers lernte Jeannette Bozenhardt Amina Altangerel und ihre Familie kennen. Der Vater von Amina Altangerel sei der Pferdeführer der Studiengruppe gewesen. „Wir waren bei den Nomaden im Sommerlager“, erinnert sich die 67-jährige Dentalhygienikerin. Die Nomaden habe sie als „sehr, sehr freundlich, hilfsbereit und offen“ empfunden. Die Gastfreundschaft ist bei den Nomaden oberstes Gebot, sagt sie.

Für die Kernenerin sei der Aufenthalt in der Mongolei sehr interessant gewesen – auch eine Art Reise zurück in ihre Kindheit. „Kein warmes, fließendes Wasser, keine Toilette im Haus, keine Kaffeemaschine, kein Internet“, sagt Jeannette Bozenhardt. „Es waren all’ die Dinge, die ich in der Kindheit erlebt habe.“ Deswegen sei sie damit sehr gut klargekommen.

Täglich wird das Brot frisch gebacken, die Tiere werden gemolken

Das, was für manche Europäer Gewöhnungssache ist, war für Amina Altangerel schon immer Alltag. „Wir machen alles selber“, sagt die Medizinstudentin in gebrochenem Deutsch. Derzeit besucht sie einen Deutschkurs an der Volkshochschule in Esslingen. Täglich wird das Brot frisch gebacken, die Tiere werden gemolken, aus den Milcherzeugnissen unter anderem Käse, Joghurt und Quark hergestellt. Vieles davon wird für den Wintervorrat vorbereitet, etwa „Arul“ – eine Art getrockneter, flach gedrückter Quark, der sehr lange haltbar ist.

„Meine Eltern und Großeltern waren Nomaden und Viehzüchter“, sagt Amina Altangerel. „Sie haben keine Bildung genossen und sie waren nie in einem anderen Land, sie kennen nur den Altai“, sagt die 23-Jährige. Deshalb freuten sich alle für sie, zum einen, als Amina Altangerel den Studienplatz in Ulaanbataar bekam, und zum anderen, als sie nach Deutschland reiste, um die Familie Bozenhardt zu besuchen.

Ein Kilogramm Ziegenflaum geschenkt

Als Amina Altangerel zu ihrem Medizinstudium aufbrechen wollte, schenkte ihr eine 62-jährige Oma aus der Nachbarschaft ein Kilogramm Ziegenflaum – das wertvolle Unterhaar der Kaschmirziege, erinnert sie sich. Sie solle es bei Bedarf verkaufen, habe ihr die Frau gesagt. Ein sehr emotionaler Moment und ein sehr besonderes Geschenk für Amina Altangerel. „Das war sehr schön“, sagt die junge Frau. Ihre Mutter verabschiedete sie auf eine traditionelle Art und Weise und weihte ihren Weg mit etwas Ziegenmilch und wünschte ihrer Tochter eine gesegnete Reise.

Für drei Monate ist Amina Altangerel nun in Stetten und lernt Land und Leute kennen. „Es war ihr großer Wunsch, schwimmen zu lernen“, sagt Jeannette Bozenhardt. Seitdem besucht Amina Altangerel montags den DLRG-Schwimmkurs.

Finanzielle Sorgen wegen Corona

Auch wenn die Studentin derzeit in Deutschland eine schöne Zeit verbringt, ist die Kernener Familie, was den beruflichen Werdegang von Amina Altangerel betrifft, besorgt.

Weil Aminas Eltern aufgrund der Corona-Pandemie weniger Einnahmen hatten, hätten sie finanzielle Probleme, das Studium von Amina Altangerel zu finanzieren. Insbesondere wegen der Corona-Pandemie blieben viele Touristen aus, Materialien aus China erreichten die Familie nicht, weshalb die Mutter kaum etwas an ihrem kleinen Verkaufsstand verkaufen konnte. Hinzu kam noch, dass ein Wolf zehn Tiere der Nomadenfamilie riss.

Fest steht für Amina Altangerel, dass sie diesen steinigen Weg trotz Hindernissen weiter beschreiten möchte. Die Medizinstudentin sagt: „Ich will Gynäkologin werden und ich will, dass viele Kinder auf die Welt kommen.“

Amina Altangerel hat das möglich gemacht, was bisher in dem Tuwa-Volksstamm, der im Westen der Mongolei seine Heimat hat, nicht vorkam: Als erste Frau aus dem Nomadenstamm studiert die 23-Jährige Medizin. Bei 2500 Metern Höhe lebt ihre Familie in der an Kasachstan grenzenden Gebirgsregion Altai, sie besucht in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar die Nationaluniversität.

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Zwei Stunden auf dem Pferd zur Schule

Um die Schule besuchen zu können, brachte sie ihr Vater

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