Kernen

Musiker in Not: „Nach zwei Monaten wird’s eng“

Musiker in Not: „Nach zwei Monaten wird’s eng“_0
Konzerte gibt Robin Henderson nur noch per Livestream im Internet – all seine Auftritte wurden wegen der Corona-Krise abgesagt © Robin Henderson

Kernen/Ludwigsburg.
Sämtliche Auftritte sind abgesagt, die Zukunft vieler Musiker steht in den Sternen. Robin Henderson, der Frontsänger des Hofbräu-Regiments, der noch bis vor kurzem in Kernen gelebt hat, bewahrt sich seinen Optimismus: Vielleicht hätten ja die Menschen, wenn die Krise erst einmal überstanden ist, besonders große Lust aufs Feiern, sagt er im Interview mit unserer Zeitung. Außerdem erklärt Henderson, wie hart der Ausfall des Stuttgarter Frühlingsfests das Hofbräu-Regiment trifft und wie er trotz Coronavirus-Krise weiter Konzerte geben will.

Robin, viele Musiker fürchten wegen Corona um ihre Existenz. Spürst du die Auswirkungen der Krise am eigenen Leib?

Ja. Absolut. Zum einen war ich bis vor ein paar Tagen in Quarantäne, weil ich Anfang März noch Auftritte in Österreich hatte. Zum anderen wird natürlich seit drei Wochen alles abgesagt, jeder Auftritt bis Mitte Mai. Da gehen mir natürlich wahnsinnig viele Umsätze flöten. Das ist meine einzige Einnahmequelle.

Du machst hauptberuflich Musik.

Genau, ich bin ja seit zehn Jahren als Frontmann beim Hofbräu-Regiment. Und seit meinem Heiratsantrag (das Video des musikalischen Antrags an Freundin Franziska in einem Einkaufscenter war ein Hit im Internet, Anm. d. Red.) geht’s auch mit meiner Solokarriere bergauf. Die ersten zwei Monate in diesem Jahr waren richtig gut, so hätte es gerne weitergehen können.

Du hattest viele Konzertanfragen?

Ja. Das war der beste Januar meiner musikalischen Karriere. Auch durch meine Teilnahme an der TV-Sendung Supertalent im Dezember 2019 kamen im Januar sehr viele Auftritte rein. Das wurde aber alles wieder abgesagt.

Immerhin kann dir den guten Start ins Jahr niemand mehr nehmen.

Auf jeden Fall. Vor allem ist im Januar eigentlich immer tote Hose. Dieses Jahr war es aber richtig, richtig gut. Ich hab’ mich schon total gefreut. Ich muss auch sagen: Als ich die ersten Nachrichten von einem Virus in China gehört habe, habe ich das nicht so richtig ernst genommen. Wir haben sogar noch Urlaub gebucht, eigentlich wären wir vergangene Woche nach Mallorca geflogen.

Wann hast du realisiert: Das Virus könnte auch für mich Konsequenzen haben?

Das komische Gefühl hat mich schon beschlichen, als am 14. März die erste Veranstaltung abgesagt wurde. Das war die Partynacht in Rudersberg. Da habe ich zum ersten Mal gedacht: Okay, jetzt wird’s ernst. Und als dann das Frühlingsfest abgesagt wurde, zwei, drei Tage später, habe ich nur gedacht: Oh, scheiße. Dann ging’s ratzfatz: Innerhalb von drei, vier Tagen haben alle Leute angerufen, ein paar haben ihre Veranstaltungen erst einmal verschoben, aber 99 Prozent haben abgesagt. 14 Konzerte insgesamt in nächster Zeit.

Und deine Planung reicht ja wahrscheinlich über den April hinaus.

Ja, im Mai, Juni, Juli und September bin ich ausgebucht. Da bin ich auch viel mit dem Hofbräu-Regiment unterwegs: Sommerfeste, Stadtfeste und so. Aber das steht natürlich alles in den Sternen. Ich habe gehört, dass die Maßnahmen sogar bis Mitte Juni gehen sollen. Da sagen sie jeden Tag was anderes.

Manche sagen, die Krise geht bis in den August hinein, andere sagen, das wird sogar Ende des Jahres noch nicht überstanden sein.

Da kriege ich Gänsehaut, wenn du so was sagst. Das wäre eine Katastrophe, eine absolute Katastrophe. Durch den Januar kann ich jetzt auf jeden Fall noch zwei Monate überbrücken finanziell, weil da so gut Geld reinkam. Und weil meine Frau fest angestellt ist – sonst wären wir viel früher im Eimer. So bin ich jetzt nicht gleich nach einem Monat pleite. Aber nach zwei Monaten wird’s schon eng.

Gibt’s in irgendeiner Form ein Fangnetz für Musiker wie dich?

Das wird gerade aus dem Boden gestampft von der Regierung. Das finde ich sehr gut. Kredite bringen uns als Musiker eher weniger, aber es gibt auch schon Soforthilfen für Leute, die gar keine Kohle mehr haben. Ich möchte aber ehrlich sein und lieber demjenigen, der gar keine Kohle hat, den Vortritt lassen. Ich werde mich um die akuten Maßnahmen nicht kümmern, weil ich ja noch ein bisschen Reserve habe.

Eine Versicherung oder etwas Ähnliches gibt es für dich aber nicht, durch die du zum Beispiel einen Teil deiner Gage für die abgesagten Konzerte erstattet bekommst?

Nein, das ist höhere Gewalt leider. Der Einzige, an den man vielleicht Forderungen stellen kann, ist der Staat, weil der das Ganze ja abgesagt hat.

Wie geht’s denn deinen Kollegen vom Hofbräu-Regiment?

Da geht’s einigen noch schlechter als mir. Ich bin ja noch solo unterwegs, die anderen haben teilweise nur das Regiment. Da sieht’s schon richtig übel aus. Aber wir haben ein ganz, ganz tolles Management. Die Agentur, die da dahintersteht, hat uns schon angerufen und gesagt: Leute, macht euch keine Sorgen, wir helfen euch aus, ihr werdet nicht verhungern.

Das Frühlingsfest auf dem Cannstatter Wasen wäre für das Hofbräu-Regiment vermutlich enorm wichtig gewesen.

Wir hätten sieben Konzerte gespielt. Das Frühlingsfest ist nicht nur ein absolutes Highlight – hier bekommen wir auch immer die mit Abstand meisten Auftritte fürs Folgejahr. Wenn wir nicht auf dem Frühlingsfest sind, sehen uns Tausende Menschen weniger. Das heißt, wir werden auch weniger gebucht. Die Werbung ist wichtig, auch wenn man uns schon seit zehn Jahren kennt.

Die momentane Krise hat also einen ziemlichen Rattenschwanz für euch.

Hmm. Das kann man so nicht ganz genau sagen. Es kann ja auch sein, wenn das Ganze jetzt ein halbes Jahr geht, dass die Leute danach ohne Ende feiern wollen. Dass es dann richtig abgeht! Das wäre natürlich optimal. Aber wissen kann das keiner. Vielleicht hat auch danach gar keiner mehr Geld, um feiern zu gehen. Ich gehe aber eher davon aus, dass es danach boomt, als dass es danach abfällt. Das ist aber vielleicht auch die Hoffnung, die als Letztes stirbt.

Du hast dich ja in Quarantäne schon daran gewöhnt, zu Hause zu bleiben.

Ich habe eigentlich kein Problem damit, mich mal in meinem Studio einzuschließen für ein paar Tage nicht rauszugehen, aber wenn man so gezwungen ist ... Ich bin schon ein sehr empathischer Mensch. Mich belastet das extrem, wenn so etwas auf der Welt abgeht. Und dann noch die ganzen Berichte von Leuten, die sich trotzdem draußen treffen und feiern – ich sollte vielleicht nicht so viele Nachrichten schauen.

Und was ist mit der Musik? Auf Knopfdruck kreativ sein ist vermutlich auch schwierig.

Ja, die ersten Tage war es besonders schwierig, da hab’ ich nicht viel auf die Reihe gekriegt. Jetzt habe ich aber am Samstag mein erstes Livekonzert in meinem Home-Studio in Ludwigsburg gespielt. Das haben wir live im Internet gestreamt. Das war natürlich ein komisches Gefühl, so ganz ohne direkten Kontakt zum Publikum.

Trotzdem wird’s das jetzt öfter geben?

Ja, das nächste Mal am Samstag um 18.30 Uhr, live auf Youtube oder Twitch. Diesmal mit einem Pianisten. Ich möchte ein- bis zweimal in der Woche Musik machen. Und vielleicht werden ich und Franzi eine Art Late-Night-Talk starten – aber das steckt noch in den Kinderschuhen.


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