Kernen

Mutter flieht mit drei Kindern aus Ukraine und kommt mit Hilfskonvoi nach Kernen

PaulowitschUkraine
Daria (links) während des Gesprächs mit Bürgermeister Benedikt Paulowitsch. © Gaby Schneider

Schytomyr heißt die ukrainische Großstadt, in der Daria bis vor etwa drei Wochen gemeinsam mit ihrer Familie lebte. Übersetzt bedeutet der Name der Stadt, die etwa 120 Kilometer westlich von Kiew und 150 Kilometer südlich der Grenze zu Belarus liegt, „Roggen“ und „Frieden“, erklärt die Ukrainerin. Dass der Frieden in Schytomyr eines Tages gebrochen werden könne, sagt die 39-Jährige, hätte sie sich nicht vorstellen können. „Wir haben stark angezweifelt, dass Putin uns angreift“, sagt die Ukrainerin – schließlich sei man „brüderliche Nationen“.

Name könnte bereits in der schwarzen Liste von Putin sein

Um die Familienmitglieder von Daria zu schützen, die sich noch in der Ukraine befinden, erwähnen wir in diesem Bericht nur ihren Vornamen. „Es könnte sein, dass unser Nachname bereits in der schwarzen Liste von Putin aufgeführt wird“, erklärt die 39-Jährige. Ihr Schwager, der Bruder ihres Mannes, habe bei der Maidan-Revolution in der Ukraine aktiv mitgewirkt.

Hunderttausende Ukrainer protestierten zwischen November 2013 und Februar 2014 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew gegen den damaligen prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, weil seine Regierung das Partnerschaftsabkommen mit der EU kippte.

Der Unabhängigkeitsplatz (Maidan) wurde zum Symbol der Proteste.

Am 8. März kam die Ukrainerin mit ihren drei Kindern - sie sind zehn, vier und zwei Jahre alt - im Transporter nach Stetten. Der Hilfskonvoi aus Feuerwehrleuten, einem Unternehmer und Bürgermeister Benedikt Paulowitsch brachte die Familie auf der Rückfahrt von der polnisch-ukrainischen Grenze mit.

Im Gespräch mit unserer Redaktion spricht Daria über ihr Leben vor dem Krieg, ihren Ehemann, der in der Ukraine geblieben ist, das Haus, das sie vor zwei Jahren gekauft haben, den belgischen Schäferhund, den sie in der Heimat zurücklassen musste, und auf den nun Darias Vater aufpasst, sowie über ihre Mutter, die die 90-jährige Großmutter pflegt.

Daria arbeitete in der Ukraine als private Englischlehrerin, ihr Mann arbeitet im Gesundheitswesen. „Er wollte seinen Arbeitsplatz nicht verlieren“, sagt die 39-Jährige. Und all das, was die Familie in den vergangenen Jahren aufgebaut hat. Auch wenn das derzeitige Gesetz den ukrainischen wehrpflichtigen Männern im Alter von 18 bis 60 Jahren eine Ausreise untersagt, hätte bei Darias Ehemann eine Ausnahme gegolten. Männer, die drei Kinder oder gesundheitliche Probleme haben, dürfen das Land verlassen, erklärt sie.

Flucht sei lange nicht infrage gekommen

Auch für Daria sei eine Flucht aus der Ukraine lange nicht infrage gekommen, sagt sie. Doch ihr Leben änderte sich von einem Tag auf den anderen. „Am 24. Februar sind wir mit Explosionen aufgewacht“, erinnert sich die dreifache Mutter. „Wir wussten nicht, was das war.“ Um den Kindern einigermaßen die Angst zu nehmen, dachten sich die Eltern ein Spiel aus und spielten mit ihren Kindern Verstecken. Doch die Angriffe nahmen von Tag zu Tag zu. Weil sich ihr Haus in der Nähe eines militärischen Stützpunkts befinde, so die Ukrainerin, haben sie die russischen Angriffe immer mitbekommen.

Schule von Darias Sohn wurde von einer Rakete getroffen und zerstört

Über die Situation in ihrer Heimat informierte Daria ihre Freunde in Kernen, die sie vor 15 Jahren in Stuttgart kennenlernte. Damals reiste Daria als Au-pair nach Deutschland und lebte ein Jahr lang in der Landeshauptstadt. Just diese Freunde haben der ukrainischen Familie geholfen und sie bei sich zu Hause in Stetten aufgenommen. „Meine Freunde haben mir geraten, zu fliehen“, sagt die Ukrainerin. „Ich wollte niemandem zur Last fallen.“ Als jedoch die Schule ihres Sohnes von einer russischen Rakete getroffen und komplett zerstört wurde, sei eine Flucht unvermeidlich gewesen, um die Kinder zu schützen.

Glücklicherweise befanden sich die Schüler im Home-Schooling und wurden nicht verletzt – doch es hätte auch anders kommen können. Eigentlich sollte das Rathaus getroffen werden, vermutet die dreifache Mutter. Das Gebäude befinde sich in der unmittelbaren Nähe zur Schule.

Von ihrem Wohnort Schytomyr flüchtete die Familie zunächst nach Lwiw – zu Darias Schwiegereltern. Eine Woche lang lebten etwa 20 Personen in einer Zweizimmerwohnung zusammen: ihre Schwiegereltern, die Familie ihres Schwagers und sie, berichtet die 39-Jährige.

Dann bereitete die Familie die weitere Flucht vor. Ihre Freunde in Stetten informierten Daria über die Hilfsaktion in Kernen und den Konvoi, der an die polnisch-ukrainische Grenze fahren sollte. Da einer der ehrenamtlichen Fahrer der Freiwilligen Feuerwehr mit Darias Freunden gut befreundet ist, entstand der Kontakt.

Mit einer Tüte voller Lebensmittel, einer Tasche mit Kinderkleidung und einem Rucksack auf den Weg gemacht

Gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern fuhr die Ukrainerin mit dem Auto an die Grenze. „Wir warteten fünf bis sechs Stunden“, sagt sie. Zahlreiche Menschen – hauptsächlich Frauen und Kinder – mit Sack und Pack, die in der Schlange warteten, erinnert sie sich. Weil die flüchtenden Menschen zu Fuß schneller vorankamen, trafen Daria und ihr Mann eine Entscheidung: Den restlichen Weg sollte sie mit ihren Kindern (zwei, vier und zehn Jahre alt) alleine gehen – mit einer Tüte voller Lebensmittel, einer Tasche mit Kinderkleidung und einem Rucksack und bei kalten Temperaturen. „Das war schrecklich“, sagt sie. Das ganze Leid, die Sorge, Angst und Verzweiflung – die Emotionen kommen hoch, ihr bricht die Stimme weg und sie kann ihre Tränen nicht lange zurückhalten.

Mehr als 14 Stunden musste sie mit ihren Kindern in der Kälte warten, um die Grenze zu passieren. Weil der Zweijährige quengelig wurde, habe sie ihren Sohn auf den Arm genommen und sich verzweifelt an einen Grenzbeamten gewandt, ob man ihre Familie vorlassen könne. Vergebens. Dann eilte zum Glück ein Litauer zur Hilfe. Er nahm Daria und die Kinder auf den letzten Metern zur Grenze in seinen Kleinbus auf. So konnten Mutter und Kinder die ukrainische Grenze mit weiteren neun Leuten auf dem Boden des Fahrzeugs passieren. Wie vereinbart, traf sich die ukrainische Familie dann auf einem Parkplatz mit den Kernener Helfern. Von dort fuhren sie gemeinsam nach Kernen.

„Hier sind die Leute so lieb und so offen“, fasst Daria ihre Begegnungen in den vergangenen Tagen in Kernen zusammen. Sie ist dankbar und schätzt sich glücklich. „Viele Leute, die fliehen, die können keine Unterkunft finden“, sagt sie. „Nicht alle haben Freunde in Polen oder Deutschland.“ Die dreifache Mutter hofft, dass alle Flüchtlinge in kürzester Zeit unterkommen und sich sicher fühlen können.

Apropos Sicherheit. Daria informiert sich stündlich über die Lage in der Ukraine, erfährt auch von russischen Freunden und Bekannten, dass unter anderem Kinder in der Kita und Schule, aber auch die Erwachsenen mit falschen Informationen manipuliert werden. Auch im russischen Fernsehen laute die Botschaft, dass „die Ukraine an allem alleine schuld wäre“, sagt Daria und ist fassungslos.

„Ich hoffe, dass der Krieg zu Ende geht“

Täglich telefoniert die 39-Jährige mit ihrer Familie in der Ukraine. Es läuten Alarmsirenen, sagt sie, „mein Mann ist froh, dass die Kinder diese Sirenen nicht hören“. Auch wenn die beiden jüngeren, die vierjährige Tochter und der zweijährige Sohn, das meiste bereits vergessen haben, beschäftige sich der zehnjährige Sohn mit ihrer aktuellen Situation. Auch deshalb hofft Daria, dass er schnellstmöglich Anschluss findet in Kernen, in der Schule. Denn so könne er über die schlimmen Erinnerungen hinweg in die Zukunft blicken. „Ich hoffe, dass der Krieg zu Ende geht“, sagt Daria. „Wir wollen eigentlich zurückkehren. Ich habe ein Haus dort“, sagt sie, „ein Zuhause.“

Schytomyr heißt die ukrainische Großstadt, in der Daria bis vor etwa drei Wochen gemeinsam mit ihrer Familie lebte. Übersetzt bedeutet der Name der Stadt, die etwa 120 Kilometer westlich von Kiew und 150 Kilometer südlich der Grenze zu Belarus liegt, „Roggen“ und „Frieden“, erklärt die Ukrainerin. Dass der Frieden in Schytomyr eines Tages gebrochen werden könne, sagt die 39-Jährige, hätte sie sich nicht vorstellen können. „Wir haben stark angezweifelt, dass Putin uns angreift“, sagt die

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