Kernen

Theaterstück zu den Tücken der sozialen Medien

Nacktbilder, Mobbing und Illusionen_0
Mia (Sabrina Dannenhauer, links) und Nele (Nupelda Ciftci) können sich ein Leben ohne Smartphone kaum vorstellen. © Benjamin Beytekin

Kernen-Stetten. Jugendliche mit einer geistigen Behinderung sind wie ihre Altersgenossen in den sozialen Netzwerken unterwegs. Die Gefahren und Fallstricke der Onlinewelt können sie oft schwer einschätzen. Auch an der Theodor-Dierlamm-Schule der Diakonie haben schon Schüler schlechte Erfahrungen gemacht. Hier waren nun Nacktbilder, Cybermobbing und Schönheitsdruck Themen eines Theaterstücks.

„Ich bin einfach zu normal“, klagt die 15-jährige Mia (Sabrina Dannenhauer). Sie ist die Hauptfigur des Theaterstücks „#therealmi“, ein Projekt des Weinstädter Vereins Impact (siehe Infobox). Stundenlang scrollt Mia bei Instagram durch Fotos von durchtrainierten Fitnessmodels, verschickt Selfies per Snapchat und schaut Schmink-Videos von Youtube-Schönen. Bald beschließt sie, den Vorbildern nachzueifern, und startet einen eigenen Videoblog.

Weil sie sich für zu langweilig hält, überzeichnet Mia ihre Eigenschaften: Aus „Ich esse gern Avocado“ wird im Video „Ich würde am liebsten in Avocados baden“, einen harmlosen Fahrradunfall bauscht sie zur Nahtoderfahrung auf. Angespornt vom positiven Feedback („Du bist voll hübsch“) und dem Wunsch nach immer mehr Fans im Internet, geht Mia noch weiter – und posiert schließlich halb nackt für ein Instagram-Foto. Das Bild hübscht sie am Computer auf: Der Busen wird per Mausklick größer, die Beine werden schlanker. Als der Schwindel auffliegt, bricht ein Shitstorm über die 15-Jährige herein – Mia wird aufs Übelste beleidigt und gemobbt, traut sich nicht mehr in die Schule, auch ihre beste Freundin Nele (Nupelda Ciftci) lässt sie im Stich.

Die Schüler können gut nachvollziehen, wie sich Mia fühlt

Rund 50 Schüler des Berufsbildungsbereichs und der Theodor-Dierlamm-Schule in der Diakonie Stetten zwischen 13 und 22 Jahren haben das Zwei-Personen-Stück am Freitagmorgen in der Turnhalle auf dem Diakonie-Gelände verfolgt. Viele von ihnen können sehr gut nachvollziehen, was Mia antreibt und wie sie sich fühlt, als ihr eine Welle der Ablehnung aus dem Smartphone entgegenschlägt. Die Schauspielerinnen Sabrina Dannenhauer (26) und Nupelda Ciftci (25) besprechen das Stück nach der Vorstellung mit den Jugendlichen. Eine junge Frau meldet sich: „Ich habe auch schon Bilder von mir verschickt, dabei wollte ich das eigentlich gar nicht.“ Eine andere berichtet davon, wie sie im Whatsapp-Gruppenchat gemobbt wurde.

Schulsozialarbeiterin Sandra Grau, die den Theatermorgen organisiert hat, kennt die Probleme ihrer Schützlinge im Umgang mit den sozialen Medien nur zu gut. Sie sagt: „Das Thema hat für uns eine gewisse Brisanz.“ Denn wie ihre Altersgenossen ohne Handicap verbringen die Heranwachsenden mit geistiger Behinderung viel Zeit an ihrem Smartphone. Allerdings können sie die Gefahren und Konsequenzen ihres Handelns oft noch schwerer einschätzen. „Vielen fehlt die Weitsicht“, sagt Sandra Grau – manche Jugendliche geben ohne Argwohn Informationen von sich preis, versenden intime Bilder auch an Fremde, und sind todunglücklich, wenn sie zur Zielscheibe von Spöttern werden. Eine Jugendliche berichtet am Freitagmorgen, wie sie sich aus Frust über schlechte Erfahrungen in einem Whatsapp-Chat selbst verletzte.

Auch im Theaterstück tut sich Mia beinahe etwas an. Doch ihre Mutter, die ihr zwar ein Smartphoneverbot aufbrummt, hält zu ihr und baut sie wieder auf. Im finalen Statement, nach ein paar Tagen ohne Smartphone, gesteht sich Mia ein: „Ich bin nicht perfekt, auch wenn ich es gern wäre, wenn ich die scheinbar perfekten Menschen auf Instagram sehe.“ Es wird Zeit, findet sie, ihr Leben nicht mehr von Menschen bestimmen zu lassen, die sie gar nicht kennt. Ihren Youtube-Kanal möchte sie künftig nutzen, um etwas gegen Beleidigungen und Mobbing im Netz zu unternehmen.

Das Handy mal zur Seite zu legen? „Geht irgendwie nicht“

„Das Schlusswort hat mich irgendwie voll berührt“, sagt eine junge Zuschauerin im Nachgespräch. Sie habe sich im Schauspiel selbst wiedererkannt: Auch sie sei schon gemobbt worden, auch sie hatte wegen ihres Smartphones schon Streit mit ihrer Mutter: Sie sagt: „Manchmal, wenn ich Stress hab’, würde ich gern mein Handy zur Seite tun. Das geht aber irgendwie nicht.“


Theaterprojekt

  • Die 26-jährige Mia-Darstellerin Sabrina Dannenhauer ist Schauspielerin und Theaterpädagogin. Sie leitet das Theaterprojekt „#therealmi“ und ist Erste Vorsitzende des Weinstädter Vereins Impact. Der beschreibt sich als „Zusammenschluss professioneller Künstler und Visionäre, die es sich zum Ziel gemacht haben, werte- und gesellschaftsorientierte Kunst- und Kulturprojekte zu fördern und zu initiieren“.
  • Dannenhauers 25 Jahre alte Kollegin Nupelda Ciftci spielt in „#therealmi“ sowohl Mias Mutter als auch Mias beste Freundin Nele.
  • Schulen können die beiden mit ihrem Stück über soziale Medien buchen (impact@sabrinadannenhauer.de). Es ist geeignet für Kinder ab zwölf Jahren.