Kernen

Tsitsi Dangarembga im Interview: „Nicht-weiße Frauen sind besonders unterdrückt“

Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Tsitsi Dangarembga, 24.10.2021, Frankfurt am Main
„Es wird davon ausgegangen, dass Menschen im Norden höherstehen als Menschen im Süden“, kritisiert Tsitsi Dangarembga. Das Foto zeigt sie (li.) mit der Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, bei der Verleihung des Friedenspreises. © Tobias Bohm

Gerade erst hat Tsitsi Dangarembga in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegengenommen. Nun liest die Schriftstellerin und Filmemacherin aus Simbabwe in Stetten. Im Interview spricht die 62-Jährige über globale Ungerechtigkeiten, Rassismus und darüber, warum sie Deutschland in manchen Dingen für ein Vorbild hält.

Frau Dangarembga, herzlichen Glückwunsch zum Friedenspreis. In ihrer Laudatio sagte Auma Obama, Soziologin aus Kenia und Halbschwester des früheren US-Präsidenten, Sie seien eine der wichtigsten Stimmen des afrikanischen Kontinents. Welche Botschaft über Afrika wollen Sie der Welt vermitteln?

Eine der wichtigsten Botschaften für mich ist, dass alle Menschen ein würdevolles Leben verdient haben. Und das kommt daher, dass ich die Situation von Frauen in Simbabwe und meinem Teil der Welt, Afrika, gesehen habe. Wie vielfache Unterdrückung der Frauen sie daran hindert, in Würde zu leben und sich selbst auszudrücken. Diese Arten der Unterdrückung treffen aber nicht nur afrikanische Frauen, sondern viele Bevölkerungsgruppen weltweit. Verschiedene Unterdrückungsarten überschneiden sich - und nicht-weiße Frauen sind davon besonders betroffen.

Sie haben in Frankfurt gesagt, wir müssten unsere Denkmuster verändern - können Sie dafür ein erfolgreiches Beispiel nennen?

Deutschland ist dafür ein gutes Beispiel. Der Börsenverein des Buchhandels hat den Nazi-Staat unterstützt oder zumindest kollaboriert, doch heute setzt sich diese Organisation gegen Unterdrückung ein. Das Denken hat sich also verändert. Manchmal läuft das in einem friedlichen Prozess ab, und manchmal muss es angestoßen werden.

Im Jahr des Mauerfalls, 1989, haben Sie Ihr Studium in Berlin begonnen und haben bis 2000 in Deutschland gelebt. Wie ist Ihr Blick auf das Land 30 Jahre später?

Ich kann nicht behaupten, dass ich Deutschland kenne, aber ich bin mit einigen Aspekten des Landes vertraut. Ich denke, dass Deutschland kosmopolitischer geworden ist und besser verstehen kann, was die Rolle von Diversität in der Welt ist. Wegen der Globalisierung kommen wir zunehmend in Kontakt miteinander, ob uns das gefällt oder nicht. Ich glaube, dass die Deutschen die Bereiche Vielfalt und Inklusion ernst nehmen. Und das ist alles sehr positiv.

Es hat aber über 100 Jahre gedauert, bis Deutschland zum Beispiel den Völkermord an Herero und Nama in Namibia als solchen anerkannt und die politisch-moralische Verantwortung dafür übernommen hat. Frustriert es Sie manchmal, wie lange diese Prozesse dauern?

Als ich jünger war, hat mich so etwas frustriert. Nun sehe ich es so, dass diese notwendigen Veränderungen riesig sind, sie sind global. Man kann nicht erwarten, dass sie schnell ablaufen. Die Systeme, die wir heute in der Welt haben, gehen Tausende Jahre zurück, zum Römischen Imperium und noch weiter. Es gibt eine Kontinuität dieser Systeme. Und deshalb brauchen positive Veränderungen, die mit negativen Aspekten der Systeme zu tun haben, lange. Ich finde es wundervoll, dass Deutschland den Anerkennungsvertrag mit Namibia unterzeichnet hat. Niemand will zugeben, dass er etwas Negatives getan hat. Es braucht einen enormen Reifeprozess, um das tun zu können. Großbritannien hat nie Bedauern über die Kolonialisierung von Simbabwe ausgedrückt und über die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die dort stattgefunden haben.

In der Corona-Pandemie gibt es wieder große Ungleichheit: In Europa bekommen viele Menschen gerade ihre dritte Impfung, in vielen afrikanischen Ländern warten sie auf ihre erste. Sind sie darüber enttäuscht?

Nein, ich sehe es als eine weitere Bestätigung des Systems von Ausgrenzung und von hierarchischem Denken. Tatsächlich sind aber auch viele Afrikaner schon vollständig geimpft, in Simbabwe gab es eine sehr erfolgreiche Impfkampagne. Geimpft wird hier aber vor allem mit chinesischen Impfstoffen, die in Europa nicht anerkannt sind. Auch hier wird so getan, als seien Menschen außerhalb Europas nicht auf demselben Level wie Europa. Was sie tun, zum Beispiel sich mit chinesischen Impfstoffen impfen zu lassen, wird diskreditiert. Deswegen sage ich, dass wir unser Denken verändern müssen. Es wird automatisch davon ausgegangen, dass Menschen im Nordwesten höherstehen als Menschen im Süden der Welt. Sogar im Nordosten, in China, gibt es auch Rassismus gegen Afrikaner. Das kann man in den sozialen Netzwerken sehen. Deswegen verhalten sich manche Chinesen in Afrika so, dass es die Würde der afrikanischen Menschen verletzt. Das ist vergleichbar mit dem Verhalten der nordwestlichen Kolonialherren. Diese rassistische Hierarchie ist eines der großen Unterdrückungssysteme. Auch Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Klasse spielen eine Rolle bei der Hierarchiebildung. Aber die Frage der Hautfarbe betrifft mehr oder weniger einen ganzen Kontinent.

Ist das Ihrer Meinung nach auch ein Grund dafür, dass es gegen HIV immer noch keine Impfung gibt, während es bei Covid nur ein Jahr gedauert hat?

Ich würde sagen, dass HIV ein Beispiel dafür ist, dass Menschen, die Ressourcen und Einfluss haben, diese dann nutzen, wenn sie sich selbst von etwas betroffen fühlen. In repressiven Systemen geht es immer darum, wohin die Ressourcen gelenkt werden. In Simbabwe funktioniert das Gesundheitssystem überhaupt nicht. Dennoch will die Regierung ein neues Krankenhaus für die politische und militärische Elite bauen. Das Geld fließt nicht in die Verbesserung des nationalen Gesundheitssystems. So verhalten sich alle Eliten weltweit, wenn sie nicht aufgeklärt sind. Die Transformation, über die ich spreche, ist eine Art Aufklärung, die uns zeigt, dass wir besser leben können, wenn wir die Ressourcen fairer teilen.

Sie kritisieren Korruption in Simbabwe, letztes Jahr wurden Sie verhaftet. Hat sich denn nach dem Rücktritt von Diktator Mugabe im Jahr 2017 gar nichts positiv verändert?

Am Anfang gab es für die Bevölkerung einige Erleichterungen. Wir haben gesehen, wie die Straßensperren, die von den Autofahrern Geld einkassiert haben, abgebaut wurden. Und ich hatte Hoffnung, dass wir auf dem Weg zu einer gerechteren Verteilung waren. Doch die Straßensperren sind zurückgekommen. Heute ist die Situation in Simbabwe noch schlimmer als vor dem Putsch von 2017. Das betrifft sowohl die Wirtschaft als auch die Bereiche Demokratie und Menschenrechte.

Sie lesen am Dienstag in Kernen, das eine Partnerschaft mit der Stadt Masvingo in Simbabwe unterhält. Helfen solche Verbindungen, unser Denken zu verändern?

Jeder Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung, jede Beziehung, die dazu beiträgt, ist gut. Allerdings unterliegen diese Partnerschaften oft den Einschränkungen durch den gegenwärtigen globalen Status quo. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass sie den Status quo reflektieren. Wir müssen Wege finden, unkonventionell zu denken, um unser Verhalten zu verändern, damit wir zu anderen Resultaten kommen.

Gerade erst hat Tsitsi Dangarembga in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegengenommen. Nun liest die Schriftstellerin und Filmemacherin aus Simbabwe in Stetten. Im Interview spricht die 62-Jährige über globale Ungerechtigkeiten, Rassismus und darüber, warum sie Deutschland in manchen Dingen für ein Vorbild hält.

Frau Dangarembga, herzlichen Glückwunsch zum Friedenspreis. In ihrer Laudatio sagte Auma Obama, Soziologin aus Kenia und

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper