Kernen

Unabhängig von Öl und Gas: Neues Aktivhaus in Kernen fast vollständig recycelbar

Modulhaus
Eine Dreizimmerwohnung in der neuen Wohnanlage: Hier ist schon fast alles fertig. © Gabriel Habermann

Manchmal geht es dann doch vollends ganz schnell: Erst vor gut einem Jahr sind in der Beinsteiner Straße 29-31 die Bestandsgebäude aus den 60er Jahren abgerissen worden, jetzt stehen dort drei neue Gebäude - im Dezember soll die Übergabe stattfinden, dann sollen auch schon die ersten Mieter einziehen können.

Dass Kreisbau, Gemeinde und Modul-Hersteller das Aktivhaus in Holz-Modulbauweise jetzt bei einem Workshop mit dem Gemeindetag stolz präsentieren konnten, war nicht immer selbstverständlich: Im September 2021 hatte der Technische Ausschuss das Bauvorhaben zunächst nämlich abgelehnt.

Photovoltaik, intelligente Lüftung, recycelbar und 100 Jahre Garantie

Unabhängig von Strom und Gas ist das Gebäude dank Photovoltaik und Luft-Wärmepumpen, die intelligente Lüftungsanlage merkt automatisch, aus welchem Raum sie Luft ziehen und wo wieder abgeben muss, kann sogar Wärme rückgewinnen. Die Baumaterialien sollen so umweltfreundlich wie nur möglich sein: von der Holzständerbauweise der einzelnen Module über recycelbare Faserzementplatten an der Fassade, dem Linoleum-Boden und der Steinwolle als Dämmstoff. Das Gebäude erfüllt den sehr hohen Energiestandard KfW 40 plus, der Hersteller der Module verspricht mindestens 100 Jahre Haltbarkeit der Bausubstanz.

Aus Nachhaltigkeitsaspekten wurden außerdem statt günstigeren Kunststofffenstern solche aus Holz und Aluminium eingebaut, erklärt Hubert Nopper, Geschäftsführer der AH Aktiv-Haus GmbH, die die Holzmodule im großen Stil herstellt. Etwas aus dem Rahmen fallen der Fahrzeugschacht und das Treppenhaus aus Beton sowie die ebenfalls ganz klassisch gebaute Tiefgarage - Letztere sei bei Modulbauten dieser Art aber auch eher die Ausnahme als die Regel, so Nopper.

Berühmter Dübel-Erfinder mischt beim Modulbau mit

Botschafter für diese neue, vereinfachte Bauweise ist auch der ehemalige Stuttgarter Oberbürgermeister und Direktor des Instituts für nachhaltige Stadtentwicklung in Stuttgart, Prof. Wolfgang Schuster. Er ist Gesellschafter bei der AH Aktiv-Haus GmbH und begleitet die Entwicklung der Wohnmodule seit vielen Jahren. Hinter der Idee der umweltfreundlichen und ästhetischen Holzcontainer steckt Prof. Werner Sobek: Zusammen mit Prof. h. c. Klaus Fischer - weltweit bekannt für seine Dübel und Befestigungstechniken - gründete er 2015 das Unternehmen. Ihre Devise: „Wir haben den Modulbau nicht erfunden, aber wir haben ihn nachhaltig gemacht.“

Eine Wohnanlage wie diese sei „ein Lösungsansatz der modulhaften Bauweise für trotzdem noch bezahlbaren Wohnraum“ und somit eine mögliche Antwort auf die vielen Probleme, mit denen sich Kommunen im Moment konfrontiert sehen, so Steffen Jäger, Präsident des baden-württembergischen Gemeinderats beim Vororttermin in Kernen. Bevölkerungswachstum, Wohnungsnot, Flüchtlingsströme, Fachkräftemangel, Inflation und explodierende Energiepreise seien nur einige dieser Themen.

Fertige Wohnungen sehen nicht nach Containern aus

Aber kann die Beinsteiner Straße 29-31 wirklich eine Antwort auf all diese Probleme sein? Hier ist es angedacht, sowohl Geflüchtete als auch zum Beispiel einkommensschwächere Familien, die Anspruch auf eine Sozialwohnung haben, unterzubringen. In eines der drei Gebäude wird außerdem die Diakonie Stetten mit drei Wohngruppen für ältere Menschen mit leichter Demenz einziehen. Ansonsten gibt es 21 Wohnungen mit einer Größe von einem bis zu fünf Zimmern. Zwischen den Gebäuden sollen noch rund 60 Zentimer Erde aufgeschüttet und eine grüne Außenanlage angelegt werden.

Die meisten Wohneinheiten sind aber schon so gut wie fertig: Unter dem grau melierten Linoleum-Fußboden - dieses Design ist wohl eher Geschmacksache - gibt es in allen Räumen Fußbodenheizung. Die wird in den Modulen schon ab Werk fertig verbaut. Auch die Haustechnik ist schon weitestgehend fertiggestellt, Küchenzeilen und Lampen müssen von den künftigen Mietern nur noch angeschlossen werden.

Auch die barrierefreien Badezimmer und Toiletten sind schon fertig ausgestattet. Mit verputzten Wänden und den hochwertigen, großen Holzfenstern lässt sich die darunterliegende durchgängig modulare Struktur der Gebäude nur noch erahnen.

Trotz Vergünstigung immer noch 900 Euro Kaltmiete für drei Zimmer

Ziel sei es gewesen, in der Wohnanlage „lichtdurchflutete, großzügige, freundliche Räume“ zu schaffen, erklärt Bauleiter Oliver Scholz, der die Vertreter des Gemeindetags durch den neuen Wohnkomplex führt. Dabei sei es wichtig, so wenig Zwischenwände wie nur möglich in den Wohnungen zu haben. Deshalb nutzt die AH Aktiv-Haus GmbH die Spurbreiten-Begrenzung für herkömmliche begleitete Schwertransporte voll aus: Die Holzbau-Module sind außen 4,5 Meter breit - und bis zu 16 Meter lang. Im Vergleich: Ein Container kommt nur auf eine äußere Breite von circa 2,4 Metern.

Klar ist jedoch auch: Die allerbilligsten Wohnungen sind das nicht. Für eine vergünstigte Sozialwohnung mit drei Zimmern und etwa 73 Quadratmetern (zwei Module) würden bei dem angenommenen Quadratmeterpreis von zwölf Euro immer noch knapp 900 Euro Kaltmiete fällig. Auch, wenn dank Photovoltaik und Wärmepumpe im Vergleich sehr wenig Nebenkosten anfallen dürften und die Bewohner weitestgehend unabhängig von Gas- und Strompreisen sind, immer noch eine ganze Menge Geld.

Nur ein Parkplatz pro Wohneinheit

Die neue Wohnanlage ist nicht das erste Projekt von Gemeinde und Kreisbau in diesem Quartier: In unmittelbarer Nachbarschaft sind in den vergangenen Jahren bereits 50 weitere günstige Mietwohnungen, ebenfalls in Modulbauweise, entstanden. Diese sind bereits bewohnt - dort gibt es Sozialwohnungen, Wohnungen für Geflüchtete, aber auch ganz normal vermietete Einheiten.

Die drei Gebäude in der Beinsteiner Straße sind der dritte und letzte Schritt bei der Nachverdichtung im Wohngebiet Kolbenhalde. Und auch das wohl größte Projekt in diesem Bereich: Eigentlich sind die neuen, dreigeschossigen Gebäude einen ganzen Meter zu hoch für den dort geltenden Bebauungsplan. Weil die drei Häuser aber aus containerartigen, industriell vorgefertigten und mit dem Schwertransport angelieferten Holzmodulen bestehen, gab es hier wenig Spielraum bei der Gebäudehöhe.

Sorgen machten den Gemeinderäten ursprünglich vor allem die Anzahl der Stellplätze - hier ist ein Schlüssel von nur einem Stellplatz pro Wohneinheit vorgesehen. Inklusive dreier Plätze, die für Car-Sharing reserviert sein sollen. Der Gemeinderat stimmte dem Vorhaben im Herbst 2021 dennoch zu.

Manchmal geht es dann doch vollends ganz schnell: Erst vor gut einem Jahr sind in der Beinsteiner Straße 29-31 die Bestandsgebäude aus den 60er Jahren abgerissen worden, jetzt stehen dort drei neue Gebäude - im Dezember soll die Übergabe stattfinden, dann sollen auch schon die ersten Mieter einziehen können.

Dass Kreisbau, Gemeinde und Modul-Hersteller das Aktivhaus in Holz-Modulbauweise jetzt bei einem Workshop mit dem Gemeindetag stolz präsentieren konnten, war nicht immer

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