Kernen

Wie schützt man Kinder vor sexuellem Missbrauch?

Kinderschutz: Ganz genau hinschauen_0
Diskutierten zum Abschluss eines Fachtags über Kinderschutz: Thomas Illigmann (Diakonie Stetten), Selbsthilfegruppenleiter Uwe Trentsch, Andreas Pchalek (KVJS), Claudia Obele (Evangelische Jugendhilfe Hochdorf), Barbara Steber (Diakonie Stetten) und Moderator Fabian Tress (Diakonie Stetten). © ZVW/Alexandra Palmizi

Kernen. Als Anfang 2018 öffentlich wurde, dass in der Diakonie Stetten junge Menschen von einem Pfleger sexuell missbraucht worden waren, sorgte das für ein Erdbeben in der Einrichtung. Schon vor den Übergriffen gab es ein Schutzkonzept, allerdings wollen die Stettener laut Barbara Steber vom interdisziplinären Fachdienst „noch mehr sensibilisieren“ für das Thema Missbrauch. Eine Podiumsdiskussion zum Kinderschutz-Fachtag der Diakonie am Dienstag drehte sich um Prävention, Fehlerkultur und Grauzonen.

„Wo endet Fürsorge, wo beginnt Freiheitsentzug?“ Das ist eine dieser Fragen aus der Grauzone, die Moderator Fabian Tress am Dienstagnachmittag im Gemeindehaus in Rommelshausen stellte. Denn nicht immer tritt die Grenze zwischen richtig und falsch so deutlich hervor, wie im Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt worden ist, weil er sich in der Diakonie Stetten an seinen Schützlingen vergangen hatte.

„Wirksam schützen – wie ist das zu schaffen?“, diese Frage stellten sich die Teilnehmer einer 45-minütigen Podiumsdiskussion, die das ein oder andere Dilemma offenbarte, in dem die Mitarbeiter einer Einrichtung wie der Diakonie stecken.

Das eigene Handeln reflektieren

Zum Beispiel in puncto „Fehlerkultur“. Mitarbeiter sollten „keine Angst haben“, sagte Barbara Steber vom interdisziplinären Fachdienst der Diakonie, Grenzüberschreitungen oder Zweifel laut auszusprechen und gemeinsam mit Kollegen und Vorgesetzten zu thematisieren. Thomas Illigmann, Geschäftsbereichsleiter „Kompass“ bei der Diakonie, pflichtete bei: „Es muss die Möglichkeit geben, Zweifel – es muss ja nicht immer ein Fehler sein – offen anzusprechen.“ Claudia Obele, Vorstandsvorsitzende der Evangelischen Jugendhilfe Hochdorf, warnte: „Fehlerkultur, das hört sich so einfach an.“

Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass Fehler erlaubt seien. „Das fällt Ihnen sehr schnell auf die Füße als Leitungskraft“, so Obele. Dass es im Umgang mit Kindern und Jugendlichen – ob nun mit oder ohne Behinderung – wichtig ist, das eigene Handeln zu reflektieren, klare Grenzen zu stecken und Zweifel am Umgang mit Klienten zu diskutieren, da waren sich alle Teilnehmer der Podiumsdiskussion einig.

Uwe Trentsch: Betroffene müssen für Konzepte angehört werden

Wobei Uwe Trentsch, Leiter der Selbsthilfegruppe Wildrose Stuttgart, eine besondere Perspektive in der Runde einnahm: die eines Betroffenen, der nun für besseren Schutz und gerechteren Umgang mit Missbrauchsopfern kämpft. Betroffene müssten beim Erstellen von Schutzkonzepten „mit ins Boot genommen“ werden, so Trentsch. Ansonsten ist für ihn die wichtigste Schutzmaßnahme: „ganz genau hinschauen“. Verändert sich ein Kind, gelte es zu hinterfragen, warum: „Selbst positive Veränderungen können einen negativen Hintergrund haben.“

Helfen könnte dabei auch, so Andreas Pchalek vom Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS), gerade bei Jugendlichen mit Behinderung, Eltern stärker einzubeziehen.

Das Kindeswohl müsse immer über allem stehen

Gerade in Stresssituationen, so schilderte es Barbara Steber aus der Praxis, müssen sich die Fachkräfte manchmal entscheiden: Tue ich das, was für das einzelne Kind in diesem Moment am besten wäre, oder komme ich weiteren drängenden Pflichten nach? Steber: „Ich muss auch eine Grenzsituation irgendwie managen.“ Claudia Obele sagte, auch die „strukturellen Rahmenbedingungen“, die Übergriffe ja im schlimmsten Fall begünstigen, müssten immer wieder hinterfragt werden: Reicht das Personal? Wie gut ist es qualifiziert?

Das Kindeswohl, sagte Thomas Illigmann, müsse immer über allem stehen. Dass Selbstkritik nicht nur Sache der Mitarbeiter ist, sondern auch an der Spitze einer Einrichtung geübt werden muss, weiß er.

Ein Beispiel Illigmanns: Was die Kommunikation zwischen den verschiedenen Abteilungen der Diakonie angehe, gebe es sicher noch „Luft nach oben“.


Der Fachtag

Zum Fachtag unter dem Motto „Wirksam schützen – wie ist das zu schaffen?“ hatte die Diakonie Stetten eigene Mitarbeiter, aber auch Partner – Ärzte, Jugendhelfer, Caritas-Mitarbeiter – eingeladen. Auf dem Programm standen Impulsvorträge und Workshops zum Thema. Es soll nicht der letzte Fachtag dieser Art gewesen sein, kündigte Thomas Illigmann an.


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