Kernen

Zirkusfamilie Nock aus Kernen sieht keinen Lichtblick

Zirkus Nock
Diego (16), Lilly (4) und ihre Eltern Manuel Schickler und Joanna Nock hoffen auf Unterstützung der Bevölkerung. © Benjamin Büttner

Normalerweise zieht Familie Nock alle paar Wochen um, macht an verschiedenen Orten halt und führt dort ihre Varieté- und Artistikshow auf. Doch seit einigen Wochen sieht der Tagesablauf der Zirkusfamilie aus Kernen anders aus. Sie sitzt mit Sack und Pack, Wohnwagen und Lkw auf einem eingezäunten Bereich der Familie Krecksch an der Robert-Bosch-Straße fest und bangt um ihre Existenz.

Zugmaschine ist seit zwei Wochen kaputt

Die Nocks könnten fahren, wenn ihre Zugmaschine nicht seit zwei Wochen kaputt wäre und wenn sie wüssten wohin. „Ich bin in einer Schausteller-Familie groß geworden“, sagt Joanna Nock. Im Prinzip weiß die vierfache Mutter, welche Schwierigkeiten und Herausforderungen das Leben in dieser Branche mit sich bringt. Doch so etwas wie die Pandemie hat sie nie erlebt.

"Wenn wir nicht kämpfen, werden wir verlieren"

Brenzlig wurde es vor Jahren, als Joanna Nocks Lebensgefährte Manuel Schickler beim Aufbau eines Zeltes stürzte und sich schwer verletzte. Die Behandlungskosten beliefen sich auf 16 000 Euro und die Ärzte schätzten die Überlebenschancen von Schickler auf etwa 30 Prozent.

Der Familienvater ist bereits wieder fit und stellt sich den neuen Herausforderungen der Pandemie. „Wenn wir nicht kämpfen, werden wir verlieren“, sagt der 42-Jährige. Der Kampf fängt schon damit an, dass die Familie jeden Tag mindestens vier Stunden trainieren muss, auch wenn jegliche Veranstaltungen wegen der aktuellen Corona-Verordnung nicht stattfinden werden.

"Wir haben Ärger ohne Ende"

Der Teil-Lockdown wirkt sich auf die Familie härter als gedacht aus. „Wir haben Ärger ohne Ende – als wäre es nicht genug mit Corona, läuft alles bei uns schief“, sagt Joanna Nock. Im Frühling ging das Zirkuszelt der Familie kaputt und nun ihre Zugmaschine.

Die erforderlichen finanziellen Mittel für die Reparatur hat die Familie nicht. Und auch die Vertragswerkstatt habe ihr von einer Reparatur abgeraten: „Wir wären billiger dran, wenn wir eine neue Zugmaschine kaufen würden“, sagt Joanna Nock.

Da fängt das Problem schon an: Denn die Nocks haben kein Einkommen, dafür aber laufende Kosten und Ausgaben. Zudem sind sie verschuldet: „Wir haben für den Weihnachtszirkus extra ein großes Zelt bauen lassen“, sagt sie. 10 000 Euro hätten sie bereits angezahlt, 62 000 Euro stehen noch aus.

Viel auf den Weihnachtszirkus gesetzt

Weil sie vergangenes Jahr nicht hätten wissen können, dass alles anders kommt als geplant, hätten sie viel auf den Weihnachtszirkus gesetzt. „Eigentlich wollten wir das Zelt bis November bezahlen“, sagt sie. So sei zumindest der Plan gewesen – bevor Corona ihnen einen Strich durch die Rechnung machte und alle Auftritte abgesagt wurden.

Der Weihnachtszirkus spielt eine große Rolle für die Nocks und spült in der Regel das meiste Geld in die Kasse. In den vergangenen zwei Jahren habe er sich als ein Riesenerfolg erwiesen. Und dieses Jahr wollten die Zirkusleute noch einen Zahn zulegen, damit sie gut dabei sind und das Publikum erneut für sich gewinnen.

So habe die Zirkus-Chefin Nock eine dreiköpfige Artistenfamilie aus Ungarn für 250 Euro pro Tag beauftragt, damit sie die Nocks bei der Show unterstützen. „Wir wollten am Tag zweimal spielen, damit wir auf unsere Kosten kommen“, sagt Nock. Doch seit kurzem wissen sie, dass jegliche Veranstaltungen nicht zugelassen sind und dass ihre Auftritte bis Ende des Jahres nicht stattfinden dürfen, sagt Manuel Schickler.

"Den ersten Lockdown haben wir gerade noch überstanden"

Der Teil-Lockdown hat enorme finanzielle Folgen für die Nocks. „Den ersten Lockdown haben wir gerade noch überstanden“, sagt Manuel Schickler. Vom Staat erhielt die Familie Soforthilfe in Höhe von 7000 Euro, verkaufte einige ihrer Requisiten und wurde von der Mutter von Joanna Nock finanziell unterstützt. „Die Corona-Soforthilfe ist nur für die Instandhaltung der Maschinen“, unterstreicht der 42-Jährige. Für ihren Unterhalt musste die Familie anderweitig aufkommen.

Im September durften die Nocks unter sehr strengen Hygieneauflagen auftreten, unter anderem in Weinstadt-Großheppach. „Statt 500 Leuten durften nur 100 ins Zelt“, sagt Schickler. Rentiert haben sich die Auftritte nicht. Und bevor sie sich zurücklehnen und entspannen konnten, stiegen täglich die Infektionszahlen, woraufhin die aktuelle Corona-Verordnung des Landes in Kraft trat.

Angst vor Weihnachten

„Ich hatte noch nie so Angst vor Weihnachten wie jetzt“, sagt Nock. Schließlich möchte sie, dass ihre Kinder Diego (16), Klara (12), Santana (9) und Lilly (4) ein schönes Weihnachtsfest erleben. Ihr Partner sieht es genauso: „Wenn die Leute uns nicht helfen, dann ist es aus für uns.“

Normalerweise zieht Familie Nock alle paar Wochen um, macht an verschiedenen Orten halt und führt dort ihre Varieté- und Artistikshow auf. Doch seit einigen Wochen sieht der Tagesablauf der Zirkusfamilie aus Kernen anders aus. Sie sitzt mit Sack und Pack, Wohnwagen und Lkw auf einem eingezäunten Bereich der Familie Krecksch an der Robert-Bosch-Straße fest und bangt um ihre Existenz.

Zugmaschine ist seit zwei Wochen kaputt

Die Nocks könnten fahren, wenn ihre Zugmaschine nicht

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