Kernen

Zu Besuch bei der Spinnstube Rommelshausen

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Häkeln, Spinnen, Stricken: Die Arbeit mit Wolle verbindet ein gutes Dutzend Frauen. Im Bild zu sehen sind Christina Dieterle, Astrid Hoy, Silvia Regler und eine der Gruppengründerinnen, die Rommelshausener Schäferin Marion Zoldan (von links nach rechts). © Büttner / ZVW
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In einer Kardiermaschine werden die wirren Schafhaarbüschel glatt gekämmt. © Büttner / ZVW
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Vom Vlies zum Wolltuch: Vorne das unverarbeitete Schafhaar, hinten das verarbeitete Garn. © Büttner / ZVW
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Eine Stubenszene aus dem Buch „Das festliche Jahr in Sitten, Gebräuchen und Festen der germanischen Völker. Mit gegen 130 in den Text gedruckten Illustrationen, vielen Tonbildern usw.“ von Otto von Reinsberg-Düringsfeld, erschienen 1863 im Spamer-Verlag Leipzig (Bayerische Staatsbibliothek München).

Kernen-Rommelshausen. Die erste Lichtstube seit rund hundert Jahren gibt es in Rommelshausen. Wie sich Frauen und Mädchen noch um die Jahrhundertwende herum abends für ihre Handarbeiten in einer kerzenbeschienenen Karzstube trafen, so treffen sich seit einem halben Jahr ein gutes Dutzend Frauen zum Spinnen, Stricken, Häkeln und Plauschen.

Die Stricknadeln klappern, die Spinnräder surren, die Pedale vertreiben bei jedem Tritt mit einem „Wusch“ hörbar die Luft. Über die geschäftigen Geräusche hinweg tönt Stimmengewirr bis auf den Flur des evangelischen Gemeindehauses hinaus. Mehr als ein Dutzend Frauen kommen dort einmal im Monat zusammen, um gemeinsam Wolle herzustellen und zu verarbeiten, immer am zweiten Mittwoch des Monats.

Spaß am Selbermachen

Die Idee für den Spinntreff stammt von den Kernener Schäferinnen Marion Zoldan und Christine Brencher sowie deren Freundinnen Manja Artmann und Luzia Dietsche. Die einen haben Wolle zu verspinnen, die anderen Spaß am Selbermachen. Warum also nicht zusammen werkeln?

Im Frühjahr baten sie Pfarrer Ernst-Michael Wahl um einen Raum, im März kamen die vier zum ersten Mal zusammen. Über Mund-zu-Mund-Propaganda stießen Bekannte und Freundinnen hinzu. Inzwischen ist die Gruppe viermal so groß, der Raum voll besetzt. Darüber staunt Zoldan noch heute: „Ich hätte nie gedacht, dass es so einen Andrang gibt.“

Vom Vlies zum Wollgarn: Waschen, Kämmen, Zwirbeln

„Schwätzen und Schaffen“, das hat eben Charme für die Frauen. Einerseits, weil sie in der geselligen Runde zugleich ein geneigtes Publikum für ihre fertigen Filzpantoffeln, aufwendig gemusterten Schultertücher, Socken oder Wollkuscheltiere finden. Andererseits, weil sie sich gegenseitig Tipps geben und neue Kniffe zeigen können. Zum Beispiel, wie Wolle gesponnen wird.

Es ist eigentlich ganz einfach. Waschen, Kämmen, Zwirbeln: Auf diese Kurzformel könnte die Verwandlung von fluffigem Schafsvlies in gezwirbeltes Garn gebracht werden. Nach der Schur sind noch Dreck, Löckchen und Knötchen im Vlies, erklärt Brencher. In Regenwasser oder einer 40-Grad-Wäsche spült sie deshalb Grasreste und Erdbröckchen aus. Dann kämmt sie die Knoten aus dem Vlies.

Verschiedenste Spinnräder für den Hausgebrauch

Ein paar Löckchen dürften drinbleiben, sagt sie: Bei Effektgarn würden diese extra mit eingesponnen, damit es rauer aussieht. Das Vlies verzwirnt sie dann zu einem dünnen Faden. Anschließend verzwirbelt sie mindestens zwei solcher Fäden zu einem rissfesten Garn.

Seit Jahrhunderten wird auf diese Weise gesponnen. Lange Zeit wurden dafür Handspindeln benutzt, seit dem Ende des 13. Jahrhunderts auch Spinnräder. Inzwischen gibt es für den Hausgebrauch verschiedenste Ausführungen: zusammenklappbare Reise-Spinnräder, mehrpedalige oder mehrspulige Maschinen, aber auch zierliche Handspindeln.

Reine Handarbeit

An einer solchen versucht sich in der Lichtstube beispielsweise die Fellbacherin Julie Herberger-Dittrich, angeleitet von der Waiblingerin Christina Dieterle. Die beiden haben einen Stand auf dem Waiblinger Mittelaltermarkt, berichten sie, während sich das Lot am Ende des Vlieses wie ein Kreisel dreht und dreht und dreht.

Dort führten sie beispielsweise vor, wie Wolle gefilzt wird. Zoldan sei ihre Standnachbarin; so seien sie zum Handarbeitstreff gekommen. Dieterle ist zuerst eingestiegen. Sie häkelt leidenschaftlich gern. Stolz zeigt sie ihr blau umsäumtes Schultertuch: reine Handarbeit. Dieser Stolz ist eine der großen Belohnungen für alle der Frauen in der Gruppe.

Selbstgesponnene Wolle: „Sie ist unbezahlbar“

Das gilt umso mehr für die Schäferinnen. Ihr Wollgarn möge grob und kratzig sein – doch es stamme von den eigenen Schafen, sagt Artmann. Ihr gehörte einst ein Teil von Brenchers Herde. „Das ist einfach was Besonderes.“ Zoldan sieht es ähnlich: „Die Wolle, die man selbst gesponnen hat, kann man nicht verkaufen. Sie ist unbezahlbar.“


Karzabende: Effizient und gesellig

  • „Lichtkarz“ haben Rommelshausener die Spinnstuben genannt, in denen Frauen und Mädchen sich bis ins frühe 20. Jahrhundert im Winter zu Handarbeit und Geplauder getroffen haben.
  • Das Beisammensein sparte Kerzen und Feuerholz: Schließlich musste so nur eine Wohnstube ausgeleuchtet und geheizt werden. Weitaus unterhaltsamer war die Arbeit in der Gruppe natürlich auch: Die Frauen erzählten sich gegenseitig Neuigkeiten, Anekdoten und Gruselgeschichten oder sangen Lieder.
  • Derweil verspannen sie Flachs („Lein“) und Hanf. Aus Leingarn wurden vor allem Kleidung und Wäsche hergestellt, aus Hanf grobere Textilien wie Arbeitskleidung, Seile oder Säcke.
  • Auch junge Männer schauten gerne vorbei, machten Musik und schäkerten mit den Mädchen. Dabei ging es nicht selten feuchtfröhlich zu.
  • Die Obrigkeit sah das nicht gern: Sie sorgte sich um Zucht und Ordnung. Die Karzabende wurden deshalb streng reglementiert und sogar phasenweise verboten. So sollte lasterhaftem Verhalten Vorschub geleistet werden. Pfarrer und Schultheiß mussten die Karzabende genehmigen, Teilnehmerzahl und Dauer wurden begrenzt, Aufsichtspersonen bestellt – und wer über die Stränge schlug, konnte angezeigt werden.

Noch in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts haben sich Rommelshausenerinnen bei Freunden in der warmen Stube getroffen. Doch wenige Jahre später, in den 30er Jahren, waren Spinntreffen nicht mehr üblich. Zeit seines Lebens habe er von keiner Karzstube in Rommelshausen gehört, sagt der 1935 geborene Gustav Käfer. Er ist bekannt für sein ortsgeschichtliches Wissen.

Vor 107 Jahren kam das elektrische Licht

Wieso die Lichtstuben aus Rommelshausen verschwunden sind, lässt sich nicht mit absoluter Gewissheit sagen. Ihre Bedeutung dürften sie jedoch nicht zuletzt durch den technischen Fortschritt verloren haben. Vor 107 Jahren, nämlich 1910, hielt elektrisches Licht Einzug in Rommelshausener Privathaushalte.

Von da an war es nicht mehr nötig, im schummrigen Schein teurer Kerzen zu arbeiten. Man konnte es sich eher leisten, daheim in der Wohnstube zu arbeiten, ohne auch nur das Haus zu verlassen – und ohne erst noch den Segen von Pfarrer oder Schultheiß einholen zu müssen.

„Rommelshausen war eine Industriegemeinde“

Auch die Industrialisierung trug ihren Teil bei. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts waren immer leistungsfähigere Spinn- und Webmaschinen entstanden, die eine Massenproduktion in der Textilindustrie ermöglichten. So verbreiteten sich vorgefertigte Baumwollgarne und -tuche.

Eine Rolle könnte auch die wirtschaftliche Entwicklung des Orts gespielt haben, vermutet Ute Heinle, Erste Vorsitzende des Heimatvereins Kernen: „Rommelshausen war eine Industriegemeinde“, sagt sie. „Man hatte da die Möglichkeit, das ganze Jahr durchzuarbeiten.“

Entwicklung weg von der Landwirtschaft

Bauersfrauen hätten im Winter eher Zeit gehabt, Heimarbeiten zu erledigen und Geschichten zu erzählen, so ihr Gedanke. Die Entwicklung weg von der Landwirtschaft hängt auch mit der Remstalbahnlinie zusammen, die in den 1860ern gebaut wurde.

Bahnarbeiter zogen zu, 1891 bekam Rommelshausen eine eigene Haltestelle, Angestellte konnten zur Arbeit pendeln. 1906 dann verlegte August Rüsch den Stammsitz seiner Gummiwarenfabrik von Bad Cannstatt in den 1600-Seelen-Ort. 1907 folgten eine Postagentur, ein Telegrafendienst, ein öffentlicher Fernsprecher. Rommelshausen wurde modern.