Korb

92-Jährige blutig geschlagen: Angeklagter genervt

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Symbolbild. © Pixabay

Korb/Stuttgart. Mit Wucht schlägt ein Mann in Korb einer 92-jährigen Dame mit der Faust mitten ins Gesicht. Die Frau stürzt auf die Straße. Blutende Wunde am Kopf, Brille kaputt, verschwollenes Gesicht. Die alte Dame hat es gestern nicht geschafft, ihrem mutmaßlichen Peiniger vor Gericht gegenüberzutreten. Angeklagt ist ein 35-Jähriger, der sagt, er komme aus Algerien. Sein Credo: Bin krank, erinnere mich nicht.

Der brutale Überfall hat sich am frühen Nachmittag des 19. März 2017 ereignet. Der Beschuldigte sitzt in Haft. Die Anklage lautet auf schweren Raub mit vorsätzlicher Körperverletzung. Der mutmaßliche Täter hatte der Dame die Handtasche gestohlen, nachdem er sie nahe dem Seeplatz in Korb krankenhausreif geschlagen hatte. Gestern versuchte der Vorsitzende Richter Ulrich Tormählen mit Engelsgeduld, verwertbare Informationen vom Angeklagten zu erhalten. Das gelang kaum. Die einfache Frage nach der Zahl seiner Geschwister oder der Zahl seiner Schuljahre beantwortete der 35-Jährige via Dolmetscher auf immer wieder verschiedene Art und Weise. Genervt und gereizt trat der 35-Jährige vor Gericht auf. „Ich kann mich nicht erinnern“, sagte er ein ums andere Mal, und: „Ich bin krank. Ich nehme Tabletten.“ Die Tabletten habe er bisher in Stuttgart bei Arabern gekauft, sagte der Mann weiter aus. Im Gefängnis sei er festgebunden worden. Man habe ihm Spritzen gegeben.

Zweites laufendes Verfahren

Dem 35-Jährigen wird außer dem brutalen Überfall auf die alte Dame in Korb vorgeworfen, er habe Ende März im Vollzugskrankenhaus Hohenasperg Bettzeug in Brand gesteckt. Eventuell wird dieser Teil eingestellt; eine Entscheidung dazu liegt noch nicht vor.

Offenbar hat der Mann der Vernehmung zufolge bereits in jungen Jahren Alkohol, Marihuana und vielleicht auch anderes konsumiert. Eine Zeitlang scheint er als Friseur gearbeitet zu haben. „Mein Leben war schlecht“, übersetzt der Dolmetscher. Seit etwa zwei Jahren halte er sich in Deutschland auf, lebe in einem Asylbewerberheim, habe keine Arbeit, erhalte 320 Euro im Monat. Zuvor lebte der 35-Jährige offenbar in Italien. Die aktuelle Haft scheint nicht seine erste zu sein. „Sie haben mich geschlagen auf meinen Kopf“, sagt er – wer das getan haben soll, wann und wo das war, woher eine Verletzung an seiner Hand rührt – das bleibt offen: „Ich erinnere mich nicht“ – diesen Satz wiederholt der Dolmetscher ein ums andere Mal. Entnervt verlangt der mutmaßliche Räuber, man möge ihm endlich seine Strafe nennen und damit Schluss. Ferner tue es ihm leid: „Ich möchte mich bei der Frau entschuldigen. Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe.“ Fünf Sätze später heißt es wieder, er könne sich nicht erinnern.

Opfer erschien nicht zur Zeugenaussage

Die heute wohl 93-jährige Dame hätte gestern als Zeugin aussagen sollen. Sie erschien nicht. Später berichtete der Vorsitzende Richter, man habe sie telefonisch erreicht. Die Frau war in Tränen aufgelöst, konnte die Kraft nicht aufbringen für die Aussage vor Gericht. Ulrich Tormählen war sichtlich betroffen; zuvor hatte es so ausgesehen, als ob die Frau den traumatischen Vorfall relativ gut verarbeitet hätte. Nun wird der Dame die Aussage erspart; an ihrer Stelle wird aller Voraussicht nach ihre Tochter am Mittwoch kommender Woche schildern, was vorgefallen ist und vor allem, wie es der Dame nach diesem Überfall ergangen ist.

Mehrere Zeugen, die entweder den Vorfall selbst gesehen haben oder im Anschluss mit der Tat konfrontiert waren, sagten gestern vor Gericht aus. Einem Gemeinderat aus Korb war damals aufgefallen, dass ein schwarz vermummter Mann, der eine Kapuze über dem Kopf trug, auffallend dicht hinter der alten Dame her ging. Im Rückspiegel sah der 50-Jährige, wie der Mann die Seniorin „mit äußerster Brutalität“ schlug und die 92-Jährige zu Boden ging. Der Täter hätte auch ohne Gewalt an die Handtasche herankommen können, sagt der Zeuge, dem noch zehn Monate nach dem Vorfall die Empörung deutlich anzumerken ist

Passanten kümmerten sich um die Frau

Die Frau lag auf der Straße, der Vermummte rannte weg. Mehrere Passanten kümmerten sich um die Dame, die am Kopf blutete, und riefen einen Rettungsdienst.

Etwas später fuhr der 50-Jährige aufs Geratewohl los, telefonisch in Kontakt mit der Polizei, um den Mann zu finden. Und tatsächlich, die schwarz vermummte Person ging seelenruhig durch Korb. Die Polizei nahm den Mann fest, bald darauf fand er sich im Gefängnis wieder.

Die Verhandlung am Landgericht Stuttgart wird am Mittwoch, 17. Januar, 9 Uhr, fortgesetzt.