Korb

Christbaum-Metropole Kleinheppach

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Weihnachtsbäume unterm Kleinheppacher Kopf. Markus Silcher fährt mit seinem Kleintraktor durch die Baumplantagen und mäht Gräser und Unkraut. „Roundup“, sprich: Glyphosat, kommt ihm nicht an seine Christbäume. © Winterling/ZVW
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Karl Staib an der Gulaschkanone. Vor der Scheune stehen die Bäume Spalier, in der Scheune werden Gulasch, Punsch und Glühwein serviert. © Martin Winterling
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Die Familie Silcher baut seit fast drei Jahrzehnten rund um Kleinheppach Weihnachtsbäume an.

Korb. Die Familie Silcher hat Kleinheppach zur Christbaum-Metropole gemacht. Ja, Sie haben richtig gelesen: Kleinheppach. Rund um den Korber Ortsteil befinden sich zahllose kleinere und größere Weihnachtsbaum-Plantagen zwischen Streuobstwiesen, Maisäckern und Gemüsefeldern. Seine Bäume verkauft Markus Silcher bis auf den Welzheimer Wald und die Schwäbische Alb.

Leicht hat es die Wein- und Obstbaugemeinde Korb den Silchers einst nicht gemacht, erinnert sich Bürgermeister Jochen Müller beim Weihnachtsbaum-Pressegespräch der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) in Kleinheppach. Um Kleinheppach in eine Christbaum-Metropole zu verwandeln, mussten die von der Verwaltung aufgebauten Hürden überwunden und Landbesitzer überzeugt werden, dass Weihnachtsbäume ihre Äcker nicht für alle Zeit verderben.

Die Landwirtschaft im Remstal ist seit geraumer Zeit auf dem Rückzug, in Kleinheppach gibt es keinen einzigen Landwirt mehr. Wohl entstand eine florierende Weihnachtsbaum-Wirtschaft, die Berthold Silcher vor fast drei Jahrzehnten mit dem Umstieg von Rosenkohl auf Christbäume startete.

Weihnachtsbäume vor der Scheune, Gulaschsuppe und Punsch drinnen

Für seinen Sohn Markus ist der Weihnachtsbaum inzwischen ein Fulltime-Job. In den drei Wochen vor Weihnachten aber ist die ganze Familie nebst Freunden eingespannt. Vor der urigen Scheune stehen die Bäume Spalier und warten auf Kundschaft; am Scheunentor schöpft Vetter Karl Staib Gulaschsuppe aus dem Topf auf dem urigen Kanonenofen, und in der Scheune schenkt Ehefrau Mira Punsch und Glühwein aus.

Viele der Kunden sind arbeitsteilig unterwegs, sagt Mira Silcher. Während Frau Bäume begutachtet, abschätzt und aussucht, kümmert sich Mann schon einmal in der Scheune um das Wesentliche eines Christbaumkaufes. Den Glühwein. Welcher Baum über die Weihnachtstage die Wohnstube schmückt, entscheiden in den Familien meist die Frauen. Nach wie vor stehen Nordmanntannen in der Gunst der Kundinnen am höchsten. Sie halten lang und nadeln nicht. Mit einem Anteil von rund 80 Prozent stellt die Nordmanntanne die duftende Blau- und serbische Fichte nebst der Silcher-Spezialität Colorado-Tanne klar in den Schatten. Die aus dem Kaukasus stammende Nordmanntanne fühlt sich im Remstal ausgesprochen wohl, sagt Markus Silcher beim Ortstermin auf einer der Plantagen zwischen Kleinheppach und Beinstein. Wie Wein und Obst ist nämlich auch die Nordmanntanne frostempfindlich. Im Remstal gedeiht sie bestens.

Üblicherweise lädt die Schutzgemeinschaft bei ihrer Werbeaktion vor Weihnachten für heimische Bäume in den Schwäbischen Wald ein. Dort wächst der Weihnachtsbaum oft in unzugänglichen Steillagen, wie zum Beispiel an den Hängen des Murrtals. Der Murrhardter Ortsteil Bartenbach hat sich jedenfalls mit den Jahren den Ruf eines „Christbaumhausens“ erkämpft. Ein Ruf, der Markus Silcher ziemlich ankratzt. Er verrät, dass er Wiederverkäufer aus Bartenbach mit seinen Bäumen aus dem Remstal beliefert. Das wahre Christbaumhausen ist also Kleinheppach. Und tatsächlich. Nach dem Ortstermin in Kleinheppach fallen einem die vielen Nadelbaum-Anlagen erst richtig auf.

Von wegen bloß zwölf Minuten Arbeitszeit pro Baum

Wer denkt, Weihnachtsbäume wachsen von ganz alleine, täuscht sich gewaltig. Und von wegen zwölf Minuten Arbeitszeit pro Baum, wie der Christbaum-Verband behauptet. Markus Silcher hegt und pflegt seine Bäume. Er spritzt in den jungen Anlagen Herbizide gegen wucherndes Gras – „kein Roundup!“, betont er – und fährt mit seinem Spezialmäher durch die Plantagen, um das Unkraut nieder zu halten. Er schneidet die Bäume sogar zurecht. Die Haupttriebe werden mit einer Spezialzange bearbeitet, um die gewünschte Form zu erreichen.

Nur mit solchen Zuwendungen und Tricks werden die Tannen im Alter von etwa zehn Jahren zu Schmuckstücken, nach denen sich die Kundschaft sehnt. Obwohl die fruchtbaren Lehmböden im Remstal gut Wasser speichern und Nordmanntannen metertief wurzeln, hat Silcher in diesem extrem trockenen Sommer junge Anlagen bewässert, damit die jungen Bäumchen die Trockenheit überstehen.

Bürgermeister froh über Weihnachtsbaum-Plantagen

Der Korber Bürgermeister Müller hat sich an die Weihnachtsbaum-Plantagen gewöhnt. „Ich bin froh, dass die Flächen bewirtschaftet werden“, zerstreut er die Furcht, seine Gemeinde könnte verwalden. Und aus ökologischer Sicht befürwortet er sowieso, dass Weihnachtsbäume nicht erst durch halb Europa gekarrt werden müssen, sondern vor Ort wachsen.

Markus Silcher weist gern darauf hin, dass seine Weihnachtsbäume nicht nur rund ums Jahr fleißig Sauerstoff produzieren und noch mehr CO² binden, sondern dass seine Plantagen auch Tieren Unterschlupf bieten. Freilich ist der Schrecken für Markus Silcher und seine Mitarbeiter jedes Mal groß, wenn nicht bloß ein Hase davonhoppelt, sondern sie ein Wildschwein aufstöbern, das sich in der Plantage versteckt hat.

Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald hat auf ihrer Website sämtliche Weihnachtsbaum-Lieferanten aus dem Schwäbischen Wald und Remstal aufgelistet. Bei der Familie Silcher in Kleinheppach beginnt der Weihnachtsbaumverkauf an diesem Wochenende.


Der Christbaum

Der Trend geht zu heimischen Bäumen, schreibt die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW). Der Importanteil verringerte sich von rund einem Viertel auf zehn Prozent. Export-Christbäume stammen überwiegend aus Dänemark. Rund 27 Millionen Bäume werden Jahr für Jahr in Deutschland verkauft.

Die Preise könnten in diesem Jahr leicht ansteigen. Der Preis für eine Nordmanntanne beträgt 18 bis 24 Euro je laufender Meter. In Baden-Württemberg stammt etwa die Hälfte der Christbäume aus heimischer Produktion.