Korb

Warum Physiotherapeuten Patienten ablehnen

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Physiotherapeutin Heide Lust in ihrer Praxis. © ZVW/Alexandra Palmizi

Korb. Physiotherapeutin Heide Lust nimmt derzeit keine Patienten der Krankenkasse IKK classic mehr an – auch wenn’s ihr schwerfällt. „Ich will nicht auf einem Pulverfass sitzen“, sagt die 54-Jährige. Grund sind Rückforderungen für Rezepte, die vor vielen Jahren ausgestellt wurden.

Heide Lust ist Physiotherapeutin mit Leib und Seele. Vor 30 Jahren hat sie sich darauf spezialisiert, Menschen zu helfen, die ein urologisches Problem haben. Ihre Patienten leiden zum Beispiel darunter, dass sie unkontrolliert Urin verlieren. Mit speziellen Übungen, insbesondere für den Beckenboden, kann ihnen geholfen werden. Das ist, sagt Lust, auch auf sozialer Ebene wichtig: Wer so ein Problem habe, der traue sich oft nicht mehr vor die Tür. Und doch hat Heide Lust zuletzt schweren Herzens Patienten abgelehnt – weil sie bei der IKK classic versichert sind. Grund ist eine Welle von Rückforderungen durch die Krankenkasse, von der zahlreiche Physio-Praxen in ganz Baden-Württemberg betroffen sind.

Plötzlich „hagelt“ es Rückforderungen

In der Regel, erklärt die Korber Physiotherapeutin, läuft das so: Der Patient hat ein Problem, der Arzt schreibt ein Rezept, der Patient kommt damit zu Heide Lust. „Wir haben eine gewisse Prüfpflicht, ob das Formular richtig ausgefüllt ist“, sagt sie. Passt alles, erfolgt die Behandlung. Das Rezept wird an ein Rechenzentrum in Stuttgart geschickt und abgerechnet. Dann wandert es weiter zur Krankenkasse, beziehungsweise deren Dienstleister, wo abermals geprüft wird, ob alles okay ist. Gibt es nichts zu beanstanden, bekommt Heide Lust das Geld von der Krankenkasse mit Umweg über einen Abrechnungsdienstleister überwiesen.

Nun hat die IKK classic Anfang 2018 festgestellt, dass durch das von ihr beauftragte Abrechnungszentrum Emmendingen Rezepte abgerechnet wurden, die so nicht hätten ausgestellt werden dürfen. Heide Lust sagt: „Das kann zum Beispiel passieren, wenn der Patient bei zwei Ärzten ist, beim Hausarzt und beim Facharzt. Dann ist’s bei jedem eine Erstverordnung. Es geht aber nur eine Erstverordnung, und schon habe ich das Problem.“ Das sei für die Praxen schwer zu entdecken.

Ob solche Fehler eine Rückforderung nach Jahren rechtfertigen, daran zweifelt Roland Hein, Justiziar des Verbands der Physiotherapeuten in Baden-Württemberg.

Laut Hein soll eine fehlerhafte Prüfsoftware beim Abrechnungsdienstleister der IKK classic schuld daran gewesen sein, dass die vermeintlich falschen Verordnungen unentdeckt blieben. Als die Kasse das bemerkte, sei ein neues Programm erarbeitet worden, mit dessen Hilfe sämtliche Rezepte, die noch nicht verjährt waren, noch einmal überprüft wurden.

Die Frist reicht vier Jahre zurück. In der Folge „hagelte es Rückforderungen“.

Beiträge gehen insgesamt in die Tausende

Bei Heide Lust wurden die Beträge automatisch durch das zwischengeschaltete Rechenzentrum abgezogen. Sie schimpft: „Die Arbeit wurde geleistet, die Mitarbeiterin hat ihr Geld bekommen, und zwei Jahre später bekomme ich den kompletten Preis abgezogen. Das Geld ist ja schon längst versteuert. In manchen Fällen habe ich überhaupt keine Handhabe mehr, dagegen vorzugehen. Das ist das, was mich so ohnmächtig macht.“ Die Beträge gehen insgesamt in die Tausende. Größere Praxen sehen sich laut Verbandsanwalt Hein mit noch höheren Rückforderungen konfrontiert. Einige seien bereit, gegen die Krankenkasse vor Gericht zu ziehen, sagt Hein.

Anders als Lust wurde vielen das Geld nicht automatisch abgebucht. Sie haben die Zahlung bislang zurückgehalten. Zu ihnen zählt die Physiotherapeutin Sibylle Eichinger aus Winnenden. Die drei Mahnungen der IKK classic hat die 56-Jährige bislang ignoriert. Neue Patienten der Kasse nimmt sie nicht mehr an.

Der Arzt, der das Rezept ausgestellt hat, ist längst in Rente

In Heide Lusts Fall war das Geld für die Jahre 2015 und 2016 futsch – nichts mehr zu machen. Die Rezepte von 2017 und 2018 hätte sie theoretisch noch berichtigen lassen können, um sie erneut einzureichen. Der Aufwand habe sich allerdings kaum gerechnet: Einmal fuhr Lust mit einem alten Rezept, das angeblich nicht korrekt ausgefüllt worden war, zu einem Arzt nach Schmiden – um festzustellen, dass dieser zwischenzeitlich in Rente gegangen war.

„Jetzt habe ich die IKK-Zulassung zurückgegeben“, sagt die Physiotherapeutin. Auch sie nimmt keine IKK-Patienten mehr. „Ich will einfach nicht auf so einem Pulverfass sitzen.“ Sie kennt Physiotherapeuten, die ähnlich verfahren. Von anderen Kassen kämen zwar auch Rezepte zurück, aber zeitnah, nicht vier Jahre später. „Was ich nicht in Ordnung finde: Die haben das schon mal geprüft. Das war nicht meine Software, die nicht gestimmt hat.“

Krankenkasse weist die Vorwürfe zurück: „Normale Praxis“

Physio-Anwalt Roland Hein ist der Meinung, dass die Rückforderungen der IKK classic zumindest teilweise „unbegründet“ und „rechtswidrig“ sind. Und in den Fällen, in denen die Verordnungen „unbestreitbar“ fehlerhaft seien, verstoße die Krankenkasse „aus unserer Sicht gegen Rahmenvertragsrecht, wenn sie auf bereits geprüfte Rezepte Zahlung geleistet hat“. Jedenfalls verhalte sich die IKK classic treuwidrig, „wenn sie geprüfte und bezahlte Rezepte nach Jahr und Tag nachprüft und damals geleistete Fehlzahlungen zurückfordert“.

Michael Förstermann, Pressesprecher der IKK classic, weist die Vorwürfe entschieden zurück: Die Krankenkasse sei verpflichtet, Rechnungen zu überprüfen und Fehler zu beanstanden, das sei „normale Praxis“. Auch die erneute Überprüfung sei „profaner professioneller Alltag“. Die IKK classic habe Verständnis für den Ärger der Physiotherapeuten, „sofern sie den Eindruck hatten, dass ihnen ein unnötiger Aufwand zugemutet wurde“. Der Pressesprecher weiter: „Man sollte aber nicht aus dem Auge verlieren, dass es sich um fehlerhafte Abrechnungen handelt, und dass es sicher kein unbilliger Anspruch ist, dass deren Urheber diese innerhalb der dafür vorgesehenen Frist dann auch korrigieren.“ Das Vorgehen der IKK classic sei im Rahmen der Qualitätssicherung „rechtlich einwandfrei, durch die Vertragslage gedeckt und durch den Grundsatz des wirtschaftlichen Umgangs mit Versichertengeldern auch geboten“. Das werde vom Bundesversicherungsamt bestätigt (siehe Infobox). Die Aufarbeitung sei mittlerweile abgeschlossen.

Laut Physio-Anwalt Hein ist es allerdings wahrscheinlich, dass der Streit erst richtig ausbricht. Dann nämlich, wenn die IKK classic ernst macht und den Physiotherapeuten, die bislang nicht gezahlt haben, das Geld bei zukünftigen Verordnungen einbehält. Noch verschickt die Krankenkasse nur Mahnungen.


Korb. Physiotherapeutin Heide Lust nimmt derzeit keine Patienten der Krankenkasse IKK classic mehr an – auch wenn’s ihr schwerfällt. „Ich will nicht auf einem Pulverfass sitzen“, sagt die 54-Jährige. Grund sind Rückforderungen für Rezepte, die vor vielen Jahren ausgestellt wurden.

Heide Lust ist Physiotherapeutin mit Leib und Seele. Vor 30 Jahren hat sie sich darauf spezialisiert, Menschen zu helfen, die ein urologisches Problem haben. Ihre

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