Leutenbach

Ein Wüstenbussard zur Taubenabwehr

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Wüstenbussard Merlin hat es sich auf dem Dach bequem gemacht. © Habermann / ZVW
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Vanessa Müller mit Wüstenbussard Merlin von der Garuda-Falknerei mit Mitarbeiterin Jasmin Pichler. © Habermann / ZVW
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Die Tauben lassen sich von dem Wüstenbussard nur wenig beeindrucken. © Habermann / ZVW

Leutenbach. Wenn Wüstenbussard Merlin ums Leutenbacher Rathaus seine Runden dreht – nehmen Tauben vor Schreck Reißaus. Zum vierten Mal ist Falknerin Vanessa Müller vor Ort und lässt ihren Greifvogel fliegen. Ziel ist es, den Tauben einen so großen Schrecken einzujagen, dass sie auf Dauer das Weite suchen – doch ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Im Video: Die Gemeinde Leutenbach hat die Falknerin Vanessa Müller beauftragt, die mit ihren Greifvögeln die Tauben vergrämen soll.

Vanessa Müller greift in ihre Umhängetasche. Aus einer Schale, die sich darin verbirgt, holt sie ein Stück Fleisch heraus. „Nahrung für Merlin“, sagt sie. Er bekommt Hühnchen. Mehrmals ruft sie mit sehr bestimmter Stimme den Namen ihres Wüstenbussards, bevor sie das Stück Fleisch hoch in die Luft wirft.

„Die Tauben hier sind besonders stur“

Merlin breitet seine Flügel aus, setzt zum Flug an und schnappt sich den Leckerbissen. Immer wieder wiederholt Vanessa Müller den Vorgang. Zunächst setzt sich Merlin auf einen der unteren Balkone, dann auf den Sonnenschirm des Restaurants, schließlich landet er auf einer Sichtschutzwand, bevor er erneut seine Flügel ausbreitet und auf der Dachrinne des Gebäudes landet, das sich direkt gegenüber dem Rathaus befindet.

Und da: Erschrocken fliegen die Tauben, die es sich in der Ecke bequem gemacht hatten, davon. Nur ein paar auf dem Dachgiebel bleiben unbeeindruckt von dem Szenario sitzen. Andere kehren nach ein paar Sekunden zurück, als sie merken, dass es Wüstenbussard Merlin eher auf die Fleischleckerbissen abgesehen hat als auf sie.

„Die Tauben hier sind besonders stur“, sagt Vanessa Müller und lächelt. Sie hat eine eigene Falknerei in Weil im Schönbuch – Garuda-Falknerei, so der Name. Etwa 30 Greifvögel sind dort beheimatet. Ebenso gibt es eine Pflege- und Auffangstation. Mehrmals schon wurde sie von Kommunen angefragt, wie sie berichtet, damit ihre Greifvögel es Tauben ungemütlich machen.

Die Tauben werden "vergrämt"

„Sie machen keine Jagd“, betont die Expertin. „Sie vergrämen sie – das ist ein Unterschied!“ Die Gegebenheiten rund ums Leutenbacher Rathaus sind besonders, um nicht zu sagen, besonders schwierig. Es ist eng. Viel Platz gibt es nicht, dass die Greifvögel die Flügel ausbreiten und losfliegen können. Normalerweise setze sie zur Taubenvergrämung einen Falken ein, der über den Dächern kreist, was den Vögeln gar nicht behagt. Das geht hier nicht.

Der Platz ist zu eng und zu klein. Deshalb hat Vanessa Müller ihren Wüstenbussard mitgebracht. „Der hat erst einmal zu tun, bis er oben ist“, erklärt sie. Sie weiß, wovon sie spricht. Seit zwölf Jahren ist sie Falknerin. „Es sind ganz faszinierende und eigenständige Tiere“, sagt sie über ihre Greifvögel.

Sie brauchen niemanden, der ihnen sagt, was er tun soll. So ein Greifvogel tut, was er normalerweise auch tut. Die Zusammenarbeit mit dem Falkner funktioniere dann, wenn der Greifvogel seinen Vorteil erkannt hat. „Es ist einfacher für ihn, wenn er mit mir zusammenarbeitet. Dadurch entstehen ganz tolle Beziehungen – wenn es auch Arbeitsbeziehungen sind“, sagt sie.

Wüstenbussard braucht eine Weile, bis er oben angekommen ist

Der Trick bei der Arbeit mit einem Wüstenbussard ist, dass sie Merlin von Gebäude zu Gebäude von Dach zu Dach lenkt, bis er an der gewünschten Position angekommen ist. „Ein typisches Jagdtraining“, erklärt sie. Das gelingt mit Geschick und vielleicht einer Portion Glück.

Einem Greifvogel kann man nicht sagen, dass er 20 Grad weiter links landen soll, sagt Vanessa Müller lächelnd. Dass solch ein Vogel seinen eigenen Kopf hat, zeigte sich zuvor, als sie den siebenjährigen Wüstenbussard Henry im Einsatz hatte.

Kaum hatte Vanessa Müller mit der Arbeit begonnen, suchte Henry erst einmal das Weite und machte es sich in der Sonne gemütlich. Henry erhielt Hausarrest. Vanessa Müller und ihre Mitarbeiterin Jasmin Pichler brachten ihn zurück in den Käfig, wonach Merlin seine Chance erhielt – mit Erfolg.

Die Arbeit ist getan

Manchmal ist Vanessa Müller bis zu einem halben Jahr zur Taubenvergrämung in einer Kommune beschäftigt – teilweise auch mehrmals in der Woche. In Leutenbach waren es vier Termine. Die Falknerin war nicht nur rund ums Rathaus im Einsatz, sondern auch im Wohngebiet. „Es ist selten, dass eine Gemeinde sagt, dass auch in den Nebenstraßen die Tauben vergrämt werden sollen“, sagt Müller anerkennend.

Sie greift in ihre Tasche und holt wieder ein Stück Fleisch heraus. Sie klemmt es zwischen Daumen und Zeigefinger in der Hand, an der sie den besonderen Falkner-Handschuh trägt. Vanessa Müller wackelt mit dem Fleischstück hin und her und ruft nach dem Wüstenbussard Merlin.

Er lässt sich etwas bitten, bis er schließlich auf ihren Arm hüpft. Im nächsten Moment stülpt sie ihm vorsichtig einen Sichtschutz aus Leder über den Kopf. Merlin hat seine Arbeit getan.