Leutenbach

Gibt es wirklich eine Taubenplage?

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Direkt am Rathaus hat Wüstenbussard Merlin durchaus die meisten Tauben vertrieben, aber sie sind nur ein Stück weitergezogen. © Habermann/ZVW

Leutenbach. Wüstenbussard Merlin hat zwar Tauben vom Rathaus etwas vergrämt, aber der Jäger hat seine Beutetiere keineswegs aus Leutenbach vertrieben. Es gab und gibt Beschwerden. Die Gemeinde ist etwas rat- und wohl auch machtlos. Sie versucht es mit einem Verbot des Fütterns der Tiere auf öffentlichen Flächen. Fraglich ist allerdings, ob es wirklich ein „Taubenproblem“ gibt.

Video: Die Gemeinde Leutenbach hatte Falknerin Vanessa Müller beauftragt, die mit ihren Greifvögeln die Tauben vergrämen sollte. 

Die Verlegenheit der Gemeinde drückt sich auch sprachlich aus. Während die Tagesordnung der jüngsten Gemeinderatssitzung noch von einer „Taubenplage“ sprach, redete Bürgermeister Jürgen Kiesl bei der Beratung, wie es weitergehen soll, von einer „Taubenproblematik“. Klagen kamen aus allen drei Teilorten, mal mehr, mal weniger, je nachdem, wo und wie viele Tauben es sich dort gemütlich machen, zuletzt vor allem laut Verwaltung aus den Gebieten Hummerholz in Weiler zum Stein, Im Grund in Leutenbach und aus dem Umfeld des Rathauses.

Schluss mit Taubenfüttern

Aus dem Hummerholz flatterte gar eine Beschwerdeliste mit 45 Unterschriften ins Rathaus, mit der Anmerkung, dass das Problem dort vor allem durch zwei übereifrige Tierliebhaber verursacht werde, die die Viecher eben füttern. Nachdem einer davon von Nachbarn ins Gebet genommen wurde, stellte er einsichtig seine vermeintlich guten Taten ein.

„Taubenabwehr“ an Gebäuden verlagert nur das Problem

Klar ist, dass die Tauben vor allem dorthin schwärmen, wo sie nisten können und wo sie Futter finden. Die Gemeinde hat an der Nellmersbacher Halle und am Rathaus eine „Taubenabwehr“ installiert. Bürger haben mittlerweile das Gleiche an ihren Häusern gemacht. Die Tauben sind deswegen aber nicht verschwunden, sondern nur, von dort, wo es für sie ungemütlich geworden ist, ein Stückchen weiter umgezogen, so wie im Grunde auch die Tauben im Jagdrevier des Wüstenbussards. Am Rathaus direkt haben sie sich spürbar vermindert, in der Umgebung eher nicht.

Kein Patentrezept

Es gebe im Grunde kein Patentrezept, so Kiesl im Gemeinderat. Auch die Tiere, wenn das überhaupt möglich sei, einfach einfangen und ins „Exil“ schicken sei keine Option, weil das laut Landratsamt ein Verstoß gegen den Tierschutz wäre. Jede Art „Abwehr“ führe nur zu einer Verlagerung, jede „Lösung“ schaffe nur neue Probleme. Aus seiner Sicht sei für eine erfolgreiche, weil dauerhafte Vertreibung, entscheidend, dass die Tauben keine Brutplätze finden. Er appelliere daher eindringlich an die Bürger, darauf zu achten, dass sie keine zur Verfügung stellen, aber auch die Tauben im Ort nicht füttern.

Nachwuchs verhindern 

Das Gegenteil, nämlich bewusst gerade einen komfortablen Nistplatz anzubieten, wird andernorts praktiziert. Mit einem Taubenturm, wo die Eier durch Gipseier ersetzt werden, der Nachwuchs also sozusagen nach und nach „ausgetrocknet“ wird. Diese Strategie sei in Leutenbach wegen der drei Teilorte allerdings schwierig umzusetzen, so Hauptamtsleiter Jakob Schröder. Schließlich brauche man eine entsprechende Betreuung. Der Tierschutzverein Winnenden und der dortige Nabu seien angefragt worden, hätten aber mangels Personal abgewunken. Es kämen aber nur Ehrenamtliche infrage, weil die Gemeinde das nicht bezahlen könne und selbst kein eigenes Personal dafür stellen könne.

Nicht zulässig: Fütterungsverbot auf Privatgrundstücken

Im Gremium hakte Herbert Krehl, SPD, nach, warum das Füttern nur auf öffentlichem Grund verboten werden soll und nicht auch auf Privatgrundstücken. Das Landratsamt sage dazu ganz klar, dass dies nicht zulässig wäre, so Schröder. Dazu gebe es auch entsprechende Gerichtsurteile, ergänzte Kiesl. „Und selbst wenn, wer soll denn das kontrollieren?“

Es sei doch hier ähnlich wie beim „Krähen-Problem“, nämlich menschengemacht, meinte Renate Flemming, SPD, unter Verweis auf die Situation im Gollenhof: „Das sind Kulturfolger, Wenn die draußen keine Nahrung mehr finden, kommen sie eben zu uns.“


Herrschlein: Keine „Taubenplage“

Eine Variante und Ergänzung zum Taubenturm wären dezentrale Nistkästen und öffentliche Fütterungsstellen, Angebote, um die Tiere aus dem Ort herauszubekommen, eine Anregung von Claudia Herrschlein, die auf Stadttauben-Projekte unter anderem in Schorndorf, Esslingen und Schwäbisch Gmünd verwies. Dabei gibt es nicht nur eine Geburten-, sondern auch eine Nahrungskontrolle.

Eine wirkliche gesundheitliche Gefahr geht von Tauben, wie bei vielen anderen Tierarten auch, nur dadurch aus, dass ihre Exkremente Krankheitserreger enthalten, die sich, theoretisch, auf den Menschen übertragen können. Dies aber wiederum eigentlich nur, wenn und soweit sich die Tiere von Abfällen, Unrat ernähren, nicht aber, wenn sie an Fütterungsstellen Körnerfutter oder Sämereien finden, so der Gedanke hinter den öffentlichen Fütterungsstellen.

Herrschlein hatte die Kosten bei einem Schlag mit 150 Tauben auf etwa 120 Euro im Monat geschätzt. Auf ihre Nachfrage, von wie vielen Tauben man in Leutenbach überhaupt rede, und die Antwort der Verwaltung erhielt, geschätzt von jeweils bis zu maximal 20, zog sie ihren Vorschlag zurück. Damit könne von einer Taubenplage ja überhaupt nicht die Rede sein.

Aus dem Gremium kamen keine weiteren Vorschläge oder gar Anträge, etwas von Gemeindeseite aus zu unternehmen.