Leutenbach

Hausarzt Schuler hört auf und übergibt die Praxis

Nina Kraft und Markus Schuler_0
Nina Kraft wird die Praxis von Markus Schuler übernehmen. Sie kennt sich dort aber bereits bestens aus. © ZVW/Benjamin Büttner

Leutenbach.
Seit ganz genau einem Dritteljahrhundert, das hat er selbst ausgerechnet, ist Markus Schuler Hausarzt in Weiler zum Stein. Der Weilermer Doktor kann nicht nur heilen und rechnen, er hat auch Witz. Mit seinem krummen „Jubiläum“ könne er ja nicht mithalten mit einem, der als 14-Jähriger bei einer Firma als Lehrling begonnen hat und nach einem halben Jahrhundert noch immer dort arbeitet. Schuler erinnert aus gegebenem Anlass an die 33,333 Jahre seines Wirkens im Flecken: Er hört nämlich, dann 67, zum Jahresende auf, wenn auch nicht ganz, macht wenigstens im Verein Palliativmedizin weiter.

Die Nachfolge für die Praxis ist bereits geregelt. Nina Kraft, seit vier Jahren seine Assistentin, übernimmt. Schuler ist so frei und sagt von sich aus, dass auch eine Hausarztpraxis guten Gewinn abwirft. Bei einem Umsatz von etwa einer halben Million Euro und Unkosten von etwa 200 000 Euro im Jahr bliebe für ihn, den Inhaber, und seine mitarbeitende Ehefrau noch ein „erklecklicher Betrag“ übrig. Hat es für den Porsche gereicht? Schuler lacht. Nach zehn Jahren habe er eine Lebensversicherung abgeschlossen, die zwei Prozent Rendite abwirft. „Ein Porsche wäre also wohl die bessere Geldanlage gewesen.“ Aber nein, mittlerweile fährt er ein E-Auto, einen BMW i3, vorher waren es VW-Golfs. „Das reicht uns vollkommen.“ Aber okay, wenn er gewollt hätte ... Und: Es gebe Kollegen, die verdienten weniger.

Es sei aber an der Zeit, mit der Mär aufzuräumen, dass Hausärzte „arme Schweine“ seien, so Schuler. Er habe viel investiert in die Praxis, damit das Leistungsspektrum erweitert, überdurchschnittlich, ebenso wohl auch mehr als andere gearbeitet, inklusive die komplette Buchhaltung und EDV selbst erledigt, damit Kosten niedrig gehalten, und „da kam dann eben dabei auch was raus“.

Damals der Erste und der Einzige bis heute

Er war der erste Hausarzt mit eigener Praxis in Weiler zum Stein und ist bis heute der einzige. Was aber auch klar sei: Bei rund 3000 Einwohnern trage sich eben nur eine Praxis. Beim Patientenstamm hat er auf einen möglichst hohen Anteil Einheimischer geachtet, also nur wenige Auswärtige aufgenommen. Die neuen Baugebiete brachten mehr als ausreichend neue Patienten. In den vergangenen zehn Jahren gab es deshalb einen Aufnahmestopp.

Schuler ist in Winnenden aufgewachsen, war auf einem evangelischen theologischen Seminar. Der Vater war Pfarrer, der Sohn wolle das aber nie werden. Nach Studium in Tübingen, Kiesl und Leeds folgten sieben Jahre Weiterbildung im Reutlinger Klinikum, ehe er Mitte der 80er Jahre wegen der Mutter, die zum Pflegefall geworden war, zurückkehrte. Die erste Zeit in Weiler zum Stein sei nicht einfach gewesen. Es habe Widerstände gegeben, in Zeiten der „Ärzteschwemme“. „Es gab Kollegen, die hatten Verarmungswahn.“ Es habe aber vielleicht auch die Sorge um den Erhalt der Apotheke im benachbarten Teilort Leutenbach gegeben. Damals habe noch „freier Markt“ geherrscht, ein Arzt konnte sich niederlassen, wo er wollte und wo er glaubte, überleben zu können. Die Regulierung durch die kassenärztliche Vereinigung kam nämlich erst unter dem Gesundheitsminister Seehofer.

Eine Viertelmillion Schulden und ein Zehn-Jahres-Mietvertrag

Schuler machte für die Eröffnung der Praxis eine Viertelmillion (damals noch Mark) Schulden, unterschrieb einen Zehn-Jahres(!)-Mietvertrag – und seine Frau gab ihren Beruf als Lehrerin auf, half mit, die Praxis aufzubauen, „das klassische alte Familienmodell also“, so Schuler schmunzelnd. Nachdem der Patientenstamm langsam aufgebaut war, war er nach zwei Jahren raus aus den roten Zahlen. Es war die Zeit der „Einzelleistungsvergütung“, jedes EKG, jeder Hausbesuch wurden abgerechnet, Laborleistungen gut honoriert. Dazu kamen weitere Einnahmen aus zusätzlichen Leistungen wie ambulantem Operieren, internistischer Diagnostik und Chirotherapie.

Die fetten Jahre endeten mit Seehofer und seiner Budgetierung

Aber die „fetten sieben Jahre“, so Schuler, endeten 1992, mit Seehofer. Budgetierung war das vermeintliche Zaubermittel im Kampf gegen die Kostenlawine im Gesundheitswesen. „Zum Schluss fuhren wir Hausbesuche für eine Mark beziehungsweise unter einem Euro“, erinnert sich Schuler und spricht, wieder in Anlehnung an die Bibel, von „sieben mageren Jahren“. Aber es gab eine Abweichung von deren Drehbuch: Es folgten nämlich nicht sieben fette, sondern weitere Kostendämpfungsmaßnahmen, und damit laut Schuler noch mal sieben magere Jahre.

14 Jahre des „Aushungerns der ambulanten Medizin“

Doch ab 1999 rebellierten die Ärzte, 2000 demonstrierten sie in Berlin, auch Schuler politisierte sich, wurde Sprecher der Ärzte im Raum Waiblingen und blieb es 16 Jahre lang, bis Mitte vergangenen Jahres. Nach 14 Jahren des „Aushungerns der ambulanten Medizin“, so Schuler, schließlich die Quittung in Form des Hausärztemangels, die Politik schaltete erneut um, und so habe er zum Ende hin noch mal sieben fette Jahre erlebt mit de facto wieder Einzelleistungsvergütung. Zumindest alle Hausbesuche werden wieder bezahlt, die EKGs seien allerdings auch weiterhin „in der Pauschale versenkt“, das Labor bleibe Zuschussbetrieb, so Schuler.

Wie fällt seine Bilanz aus? Also, erst mal: Ruhestand bedeute ja auch Freiheit: „Ich muss nicht mehr jeden Tag um halb sieben aufhören“, so Schuler, wieder mit Schalk im Nacken. Ja, aber wie war es denn in den 33,333 Jahren (plus x bis Jahresende) davor für ihn, wenn er auf diese lange Zeit zurückblickt? Tja, die hausärztliche Versorgung, das Hausarztmodell, sei gut, für die Patienten „und sicher auch für die Ärzte“ weil sie denen finanzielle Sicherheit gebe. Aber es haben eben auch andere Zeiten gegeben, die aus Schulers Sicht vor allem einen Namen haben: Seehofer. Der habe „uns Ärzte“ lange genug geärgert. Unter ihm sei deren Leistung nichts mehr wert gewesen, ja missachtet worden. Stundenlang sei man bei Hausbesuchen quasi für nichts in der Gegend herumgefahren. „Und das ist schließlich unser Beruf, nicht unser Hobby.“ Aber fairerweise müsse man sagen, dass Rot-Grün anschließend damit geradewegs weitergemacht habe. „Seehofer hat das also nur eingeläutet.“

Erst ab etwa 2008, eben mit der Einführung des Hausarztmodells, sei Besserung, die Wende, gekommen. Mit Verzögerung sei auch das kassenärztliche System dann besser geworden, gerade rechtzeitig noch, ehe der Ruf des Berufs, Stichwort Hausärztemangel, vollends ruiniert worden sei. „Für die Fachärzte wurde es erst noch später besser.“

Trotz allem: Der schönste Beruf der Welt

Aber trotz allem: Selbstständiger Hausarzt mit eigener Praxis sei der schönste Beruf der Welt. Man könne sich bei aller Arbeit natürlich die Zeit frei einteilen, sich sein Praxisteam selbst zusammenstellen. „Ich muss nicht mit Leuten zusammenarbeiten, mit denen ich nicht will.“ Er hatte auch immer Auszubildende, und es sei ja klar, dass nicht jeder „Lehrling“ übernommen werden könne. Zu den Vorteilen der Selbstständigkeit gehöre aber auch, Urlaub machen zu können, wann man wolle.

Schulers haben zwei längst erwachsene Kinder – die keine Ärzte geworden sind, ein Ingenieur und eine Lehrerin. Der Vater Arzt, die Mutter mitarbeitend, das Familienleben sich weitgehend um die Praxis, im Haus, sich drehend, das sei wohl etwas abschreckend gewesen. „Sie haben aber auch so G’scheites gelernt“, so der Papa stolz und wieder schmunzelnd.

Leutenbach.
Seit ganz genau einem Dritteljahrhundert, das hat er selbst ausgerechnet, ist Markus Schuler Hausarzt in Weiler zum Stein. Der Weilermer Doktor kann nicht nur heilen und rechnen, er hat auch Witz. Mit seinem krummen „Jubiläum“ könne er ja nicht mithalten mit einem, der als 14-Jähriger bei einer Firma als Lehrling begonnen hat und nach einem halben Jahrhundert noch immer dort arbeitet. Schuler erinnert aus gegebenem Anlass an die 33,333

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