Leutenbach

Hochstapler vor Gericht: Drang zum krankhaften Lügen

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Symbolbild. © Laura Edenberger

Leutenbach/Stuttgart. Mit dem Urteil fünf Jahre Haft im Prozess gegen einen aus Potsdam stammenden Hochstapler, auf den eine Leutenbacher Handwerkerfamilie und Bekannte von ihnen reingefallen waren, ist das Landgericht Stuttgart dem Antrag der Anklage gefolgt. Drei Jahre und sechs Monate Haft, so lautete der Antrag der Verteidigerin.

Beim Strafmaß ist allerdings zu berücksichtigen, dass das Landgericht eine Gesamtstrafe gebildet hat. Es hat dabei vor allem das vorherige Urteil des Amtsgerichts Berlin-Tiergarten miteinbezogen, das den Mann für ähnliche Delikte, allerdings auch vielfachen Computerbetrug, zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt hatte. Er bekommt also für seinen Leutenbacher Taten noch mal die gleiche Dauer „obendrauf“.

Erdrückende Beweislage

Der 36-Jährige hatte zu Beginn des Prozesses die Taten gestanden. Dies sei zwar strafmildernd berücksichtigt worden, so der Vorsitzende Richter des Schöffengerichts. Der Wert des Geständnisses sei allerdings relativ, weil die Beweislage ohnehin erdrückend gewesen sei. Die Beweisaufnahme habe zweifelsfrei ergeben, dass der Angeklagte sich des Betrugs in drei Fällen, eingeschlossen Urkundenfälschung, und des Diebstahls, inclusive Unterschlagung, schuldig gemacht hat. Strafverschärfend habe sich ausgewirkt, dass der Angeklagte nur wenige Monate nach einer Entlassung aus der Haft mit der gleichen Masche, nämlich sich als Insolvenzverwalter und Steuerberater ausgebend, weitergemacht hat, so der Richter.

Einschlägiges Vorstrafenregister

Er habe der Leutenbacher Familie weisgemacht, durch ihn Steuerzahlungen im fünfstelligem Bereich sparen zu können und an Fördergelder im sechsstelligen Bereich kommen zu können. Mit diesen falschen Behauptungen habe er sich das Vertrauen der Familie erschlichen und in der Folge ausgenutzt, sich nämlich durch die Verfügungsgewalt über die Geschäftskonten ein dauerhaftes Einkommen verschafft. Zum Vorwurf, er habe gewerbsmäßig betrogen, sei festzuhalten, dass Zahlungen in der Folge seiner Betrügereien direkt auf sein eigenes Konto gegangen seien, so der Richter. Dabei sei nicht entscheidend, das zumindest ein Teil des Geldes wieder zurückgeflossen ist. „Anders gesagt: Der Angeklagte hat sich so sehr große Vorteile verschafft.“ Ebenfalls negativ ins Urteil eingeflossen sei das lange, einschlägige Vorstrafenregister des Angeklagten.

Ein Drang zum krankhaften Lügen und Übertreiben

Ein wichtiger Punkt im Prozess war, ob der Angeklagte überhaupt schuldfähig ist. Eine selbstständige Fachärztin für Psychiatrie aus Winnenden hat sich dazu zweieinhalb Stunden mit ihm in der Vollzugsanstalt Stammheim unterhalten, in die er für die Dauer des Prozesses aus dem Gefängnis Berlin-Plötzensee gebracht worden war. Sie hat dazu ein Gutachten erstellt und auch vorherige Krankenakten ausgewertet. Das Ergebnis ihrer sehr ausführlichen und detaillierten Stellungnahme ist, dass der Angeklagte voll schuldfähig sei, ihm also nicht wegen schwerer Depressionen und einer massiven Persönlichkeitsstörung eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit attestiert werden könne, wie es frühere Befunde von Kollegen von ihr in Berlin und Potsdam getan hatten.

Angeklagter hat einen Drang zum Lügen

Der Mann habe zwar eine „auffällige“ Persönlichkeit und zeige Symptome, die aber nicht so ausgeprägt seien, dass von einer psychischen Krankheit auszugehen und damit die Schuldfähigkeit in Frage zu stellen sei, so die Sachverständige. Er habe einen Drang zum krankhaften Lügen und Übertreiben (in der Fachsprache „Pseudologia phantastica“, im Volksmund Münchhausen-Syndrom genannt, bei dem der Betreffende körperliche Beschwerden erfindet und durch Lügen untermauert, um die Aufmerksamkeit von Ärzten zu bekommen).

Dazu passe auch seine erzählte Biografie, mit vermeintlich vielen traumatischen Erlebnissen, auch in der Kindheit und Jugend, von denen er aber ohne jegliche, eigentlich dazugehörige, eigene Emotionen berichte. Er neige zu dramatisierender Selbstdarstellung, dazu „Vorstellungen zu geben“, um Reaktionen hervorzurufen, versuche also, den jeweiligen Gegenüber zu manipulieren. Wie hinlänglich bewiesen, leider immer wieder mit Erfolg.


Auch der Ankläger und das Gericht weisen auf Leichtgläubigkeit der Opfer hin

Die Verteidigerin hielt der Sachverständigen frühere Befunde aus Klinikaufenthalten des Angeklagten entgegen und nahm diese ins Kreuzverhör. Sie versuchte in ihrem Plädoyer, die Aussagekraft der Stellungnahme in Zweifel zu ziehen, stellte den Antrag, ein zweites Gutachten einzuholen, das auch die möglichen psychischen Folgen und Handlungseinflüsse einer nachgewiesenen, arteriovenösen Störung im Gehirn für den Angeklagten mehr berücksichtigt. Die Sachverständige hält diesen „Defekt“ aus gerichtsmedizinischer Sicht für nicht relevant. Die Verteidigerin warf der Ärztin auch vor, dem Angeklagten gegenüber negativ voreingenommen zu sein. Wenn der Angeklagte schuldunfähig sei, sei er freizusprechen, so die Verteidigerin.

Das Gericht ist allerdings all dem, auch im Urteil, nicht gefolgt, sondern ließ die Verteidigerin abblitzen. Es habe keinerlei Anlass zu Zweifeln an der Stellungnahme der Sachverständigen, so der Richter. Diese sei dem Gericht aus vielen Prozessen als kompetente und erfahrene Gutachterin bekannt. Im vorliegenden Prozess habe sie sich intensiv, weit über das übliche Maß hinausgehend, mit der Krankheitsvorgeschichte des Angeklagten befasst.

Der Richter räumte allerdings, hier der Verteidigerin ein Stück weit folgend, eine gewisse Mitverantwortung der Opfer ein, nämlich Leichtgläubigkeit trotz warnender Hinweise, die dem Angeklagten überhaupt erst seine Taten ermöglicht hätten. Die Verteidigerin hatte darauf abgehoben, dass es dem Angeklagten dabei nicht darum gegangen sei, sich zu bereichern. Betrug, und zwar mehrfach, sei es trotzdem gewesen, hielt das Gericht ihr entgegen.

Der Angeklagte habe offenbar ein Gespür dafür, „die Richtigen zu finden“, so auch der Staatsanwalt. Das habe sich auch bei den drei Autos gezeigt, bei denen der Angeklagte mit erheblichen Preisnachlässen gelockt hatte, um sie angeblich zu vermitteln und damit an das Geld für sie zu kommen. „Wie sagt man dazu: Gier frisst Hirn.“

Die Frage bei dem Angeklagten, der sich geradezu zwanghaft immer wieder strafbar macht, ist allerdings, was passiert, wenn er aus der nächsten Haft entlassen wird. Bei Betrug gibt es keine Sicherungsverwahrung, nur bei Gefahr für Leib und Leben. Andere zu ruinieren fällt nicht darunter. Dass er eine Therapie braucht, steht außer Frage, die Einsicht dazu hat er eigentlich.

Minus ist unklar

Der Angeklagte hat im Fall Leutenbach einen Mieter der Handwerkerfamilie durch falsche Angaben dazu gebracht, drei Monatsmieten auf sein eigenes Konto zu überweisen, Schaden: rund 1100 Euro.

Er hat Bekannten der Familie weisgemacht, er könne aus Insolvenzverfahren ihnen günstig drei Autos vermitteln, die es in Wirklichkeit aber gar nicht gab, Schaden knapp 50 000 Euro. Er hat, als die Sache aufflog und er „flüchtete“, elektronische Geräte mitgehen lassen, Schaden etwa 800 Euro, einiges davon ist allerdings wieder aufgetaucht, beschlagnahmt und zurückgegeben worden.

Er hat auch Geld an die Firma zurücküberwiesen, die Angaben zu dem verbliebenen Minus nach all dem Wirrwarr von Überweisungen schwanken aber. Die knapp 6000 Euro, die er noch auf seinem Konto hat, hat er beim Prozess in seinem Schlusswort zur wenigstens teilweisen Wiedergutmachung angeboten.